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Raymund Schwager: Dramatische Theologie

Raymund Schwager: Dramatic Theology

Jozef Niewiadomski (ORCID: )
  • Grant-DOI 10.55776/P21537
  • Förderprogramm Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.01.2010
  • Projektende 31.12.2014
  • Bewilligungssumme 273.127 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Andere Geisteswissenschaften (10%); Philosophie, Ethik, Religion (80%); Politikwissenschaften (10%)

Keywords

    Systematic Theology, Religion, Violence, Dramatic Theology, Dogma, Mimesis

Abstract Endbericht

Der 2004 verstorbene Innsbrucker Dogmatiker Raymund Schwager hat einen innovativen theologischen Ansatz vertreten, der die Theologie in den Kontext der Gewalt- und Friedens-problematik stellt. Zentraler Gedanke seines Ansatzes ist, dass Offenbarung Gottes als inter-dependentes geschichtliches Handeln von Gott und Menschen zu verstehen ist und daher die das Offenbarungsgeschehen bezeugenden biblischen Schriften nach dem Modell eines Dramas zu deuten sind. Drama ist hierbei zunächst verstanden als die literarische Form, die interaktive Handlungsgeflechte verschiedener Akteure mit ihren Interdependenzen und - oft überraschenden - Wendungen am deutlichsten abbildet. Schwager entwickelte diesen Ansatz in regem Austausch mit dem Kulturwissenschaftler René Girard und der von diesem formulierten mimetischen Theorie. Dabei ist davon auszugehen, dass sich der dramatische Ansatz Schwagers und die mimetische Theorie Girards gegenseitig beeinflussten. Beide kommen darin überein, dass die Religionen Mechanismen zur Bewältigung von ansonsten unkontrolliert grassierender und die menschliche Kultur gefährdender Gewalt seien - allerdings auf sehr verschiedene Weise. Der jüdisch-christlichen Tradition kommt dabei eine spezielle Bedeutung zu. Nach diesen Hypothesen gewinnt Religion eine unmittelbare Bedeutung für das Zusammenleben der Menschen. Schwager kann als einer der ersten Theologen gelten, der die Gewaltfrage als hermeneutisch zentral betrachtet. Er tat dies im Dialog mit Sozial- und Politikwissenschaften. Als Beginn einer kommentierten Gesamtausgabe des Nachlasses von Raymund Schwager sollen zwei Bände herausgegeben und unter werkgenetischen, systematisch- theologischen, methodologischen und politisch-gesellschaftlichen Aspekten kommentiert werden: 1) Der Briefwechsel Schwagers mit René Girard aus den Jahren 1973-1991. 2) Die letzte, unvollendete Monografie Schwagers mit dem Titel Dogma und dramatische Geschichte. Christologie im Kontext von Judentum, Islam und moderner Marktkultur, die der Schlussstein des Gesamtwerks ist und diesen dieses in seiner vollen Blüte zeigt.

Mit dem Begriff Innsbrucker Dramatische Theologie wird ein theologischer Ansatz bezeichnet, der durch den Innsbrucker Dogmatiker Raymund Schwager (1935-2004) entwickelt wurde. Er schuf Grundlagen für neue methodische Zugänge zur Theologie, indem er in einen intensiven Dialog vor allem mit den Kultur- und Sozialwissenschaften, aber auch den Naturwissenschaften trat. Dabei verband er theologisches Denken mit der Reflexion brennender Probleme der Gegenwart. Die wichtigsten gesellschaftspolitischen Themen waren Probleme der Gewalt, der gesellschaftlichen Ausgrenzung und des Opfers. Die Begegnung mit dem frankoamerikanischen Literaturwissenschaftler und Anthropologen René Girard (*1923) inspirierte Schwager zur Weiterentwicklung seines Denkmodells. Sein unerwarteter Tod im Jahre 2004 unterbrach die Entwicklung dieses viel versprechenden Modells. Im Projekt: Raymund Schwager: Dramatische Theologie wurden Teile des unveröffentlichten Nachlasses von Schwager kritisch ediert und kommentiert. Dies ist zum einen die in französischer Sprache geführte Korrespondenz mit René Girard, die im Rahmen des Projektes transkribiert, übersetzt und ediert wurde. Zum anderen war es das unvollendete Manuskript des Werkes: Dogma und dramatische Geschichte, das rekonstruiert wurde. Schwagers plötzlicher Tod unterbrach ja die Arbeit an diesem Werk. In seinem Nachlass finden sich sowohl ausgearbeitete Fragmente als auch Notizen und Skizzen. Eine der Hauptaufgaben des Projektes war die kritische Erarbeitung des Haupttextes und die Sicherung der Varianten. Für beide Teile des Projektes wurden Kommentare verfasst, die in einem Symposium im Dezember 2012 diskutiert und im Jahre 2015 publiziert wurden. Die kritische Edition der Korrespondenz zwischen Schwager und Girard verändert zwei weit verbreitete Meinungen in der scientific community (sowohl in der Theologie als auch in der Forschung über mimetische Theorie). Zum einen geht es um die Entwicklung der mimetischen Theorie selbst und den Einfluss, den Schwager auf Girard ausgeübt hat. Die bisher angenommene These einer einseitigen Beeinflussung Schwagers durch Girard kann anhand der Korrespondenz zurechtgerückt werden. Der Einfluss von Schwager auf das letzte Stadium der Ausbildung der mimetischen Theorie ist enorm. Schon allein dieses Faktum erlaubt einen anderen Blick auf die Verhältnisbestimmung: Theologie Human- und Sozialwissenschaften. Zum anderen ist es die Opferproblematik. Die Korrespondenz zeigt, wie tiefgründig die Auseinandersetzung beider Denker um die gesellschaftliche Unverzichtbarkeit des Opfers war und wie wichtig der theologische Beitrag für die Durchbrechung der Opfermechanismen ist. Die kritische Edition des Bandes: Dogma und dramatische Geschichte macht der Öffentlichkeit einen wahrhaft revolutionären Zugang zur Frage nach der dogmatischen Wahrheit und deren Verknüpfung mit den gesellschaftlichen Ausschlussmechanismen bekannt. Schwager macht auf die Brisanz der Problematik am Beispiel der Exkommunikation eines der wichtigsten Vertreter der sog. antiochenischen Schule, des Bischofs von Konstantinopel namens Nestorius (ca 381-450) aufmerksam. Die Tatsache, dass man das Problem durch die Exkommunikation des Nestorius löste, hatte gewaltige Konsequenzen für den Fortgang der Geschichte. Die Anhänger des Nestorius gingen ja in den Fernen Osten, die nestorianische Kirche breitete sich bis nach China aus. Wie würde die Karte der Welt heute aussehen, wenn man damals die Nestorianer nicht an den Rand gedrängt hätte? Schwager sieht in Nestorius einen Sündenbock der damaligen Christenheit und setzt sich für seine Rehabilitierung ein. Ein von ihm vorgeschlagenes dramatisches Verständnis des Dogmas verspricht überhaupt neue Perspektiven für den Umgang mit Konflikten und Brüchen; es zeigt den Weg der Versöhnung an. Wir können von der dogmatischen Wahrheit erst dann reden, wenn das legitime Anliegen der Gegner in die Formulierung der Wahrheit Eingang gefunden hat. Es bleibt zu hoffen, dass durch die Rezeption des Werkes mittelfristig der gegenwärtige Diskurs über Dogma und Fanatismus auf neue Wege gerät.Publikationen, die direkt aus dem Projekt hervorgegangen sind: Raymund Schwager, Briefwechsel mit René Girard. Hg. von Nikolaus Wandinger und Karin Peter. Freiburg im Breisgau 2014.Raymund Schwager, Dogma und dramatische Geschichte . Christologie im Kontext von Judentum, Islam und moderner Marktkultur. Hg. von Jozef Niewiadomski und Mathias Moosbrugger. Freiburg im Breisgau 2014.Mathias Moosbrugger, Jozef Niewiadomski (Hg.), Auf dem Weg zur Neubewertung der Tradition. Die Theologie von Raymund Schwager und sein neuerschlossener Nachlass. Freiburg im Breisgau 2015.

Forschungsstätte(n)
  • Universität Innsbruck - 100%
Internationale Projektbeteiligte
  • Ralf Miggelbrink, Universität Duisburg-Essen - Deutschland
  • James G. Williams, Syracuse University - Vereinigte Staaten von Amerika
  • Ann Astell, University of Notre Dame - Vereinigte Staaten von Amerika
  • Michael Kirwan, University of London - Vereinigtes Königreich

Research Output

  • 7 Zitationen
  • 11 Publikationen
Publikationen
  • 2013
    Titel Religion and Violence: A Girardian Overview
    DOI 10.5840/jrv2013129
    Typ Journal Article
    Autor Wandinger N
    Journal Journal of Religion and Violence
    Seiten 127-146
  • 2013
    Titel René Girard and Raymund Schwager on Religion, Violence, and Sacrifice: New Insights from Their Correspondence
    DOI 10.5840/jrv20131210
    Typ Journal Article
    Autor Moosbrugger M
    Journal Journal of Religion and Violence
    Seiten 147-166
  • 2013
    Titel Zrtva i predanje u tumacenju innsbruske dramatske teologije.
    Typ Book Chapter
    Autor Bižaca
  • 2013
    Titel Die Rehabilitierung des Opfers. Zum Dialog zwischen René Girard und Raymund Schwager um die Angemessenheit der Rede vom Opfer im christlichen Kontext.
    Typ Book
    Autor Moosbrugger M
  • 2014
    Titel Dogma und dramatische Geschichte. Christologie im Kontext von Judentum, Islam und moderner Markkultur.
    Typ Book
    Autor Schwager R
  • 2014
    Titel Beautiful Minds in Dialogue: The Correspondence between René Girard and Raymund Schwager (1974–1991)
    DOI 10.14321/contagion.21.2014.0023
    Typ Journal Article
    Autor Peter K
    Journal Contagion: Journal of Violence Mimesis and Culture
    Seiten 23-28
  • 2014
    Titel Raymund Schwager’s Maieutics: “Mimesis and Freedom” and the Transformation of René Girard
    DOI 10.14321/contagion.21.2014.0055
    Typ Journal Article
    Autor Moosbrugger M
    Journal Contagion: Journal of Violence Mimesis and Culture
    Seiten 55-66
  • 2014
    Titel Step-by-Step: On the Way to the Rehabilitation of the Sacrifice in the Correspondence between Raymund Schwager and René Girard
    DOI 10.14321/contagion.21.2014.0067
    Typ Journal Article
    Autor Niewiadomski J
    Journal Contagion: Journal of Violence Mimesis and Culture
    Seiten 67-74
  • 2014
    Titel Briefwechsel mit René Girard.
    Typ Book
    Autor Schwager R
  • 2012
    Titel Im Wandel der Zeiten. Die Johannesoffenbarung im Spannungsfeld apokalyptischen Denkens.
    Typ Journal Article
    Autor Peter K
    Journal Bibel und Kirche
  • 0
    Titel Auf dem Weg zur Neubewertung der Tradition. Die Theologie von Raymund Schwager und sein neuerschlossener Nachlass.
    Typ Other
    Autor Moosbrugger M

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