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Die Kinderschutzbewegung in Österreich

The Austrian Child Protection Movement

Elisabeth Malleier (ORCID: )
  • Grant-DOI 10.55776/P22233
  • Förderprogramm Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.02.2010
  • Projektende 30.06.2013
  • Bewilligungssumme 101.986 €

Wissenschaftsdisziplinen

Geschichte, Archäologie (20%); Soziologie (80%)

Keywords

    Kinderschutz, Civil Society, Freiwillige Vereine, Gender, Wohlfahrtsstaat, Österreich-Ungarn

Abstract Endbericht

Die geplante Studie ist in drei Teile gegliedert: 1. Entstehungsgeschichte, Aktivitäten, Netzwerke und Kooperationen freiwilliger Kinderschutzorganisationen von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis 1914 unter besonderer Berücksichtigung der Genderdimension. 2. Die praktische Arbeit der Kinderschutzorganisationen und ihr Umgang mit dem Phänomen familärer Gewalt gegen Kinder und ihrer Maßnahmen vor dem Hintergrund der eigenen ideologischen Ausrichtung und in Auseinandersetzung mit anderen öffentlichen und privaten Organisationen. 3. Der Einfluss freiwilliger Kinderschutzorganisationen auf die Entwicklung von "civil society" und den entstehenden Wohlfahrtsstaat mit besonderer Berücksichtigung des Anteils von Frauen. Im ersten Teil der Forschungsarbeit werde ich mich insbesondere mit den zwei größten Kinderschutzorganisationen Wiens, der überkonfessionell organisierten "Kinderschutz- und Rettungsgesellschaft in Wien" (1899) und dem katholischen Verein "Kinderschutzstationen" (1901) sowie den zwei größten landesweiten Organisationen, nämlich der "Zentralstelle für Kinderschutz und Jugendfürsorge" (1908) und den "Reichsverein für Kinderschutz in den österreichischen Königreichen und Ländern" (1909) auseinandersetzen. Mein besonderes Augenmerk wird dabei auf einer Analyse der politischen religiösen, und Geschlechterdifferenzen und den daraus resultierenden Machtverhältnissen und Arbeitsstrategien gelten. Dabei sollen sowohl einzelne Organisationen in ihrer jeweiligen Tätigkeit, ihrem Selbstbild und ihrer ideologischen und praktischen Arbeit untersucht werden, als auch die Dynamiken, Vernetzungen und Konkurrenzen zwischen den freiwilligen Vereinen sowie das Verhältnis zwischen freiwilligen und öffentlichen Einrichtungen. Der zweite Schwerpunkt wird die praktische Tätigkeit der Vereine sein. Insbesondere wird dabei die Wahrnehmung von und der Umgang mit familiärer Gewalt an Kindern, sei es im individuellen Fall als auch als gesellschaftliches Phänomen in einer vergleichenden Darstellung am Beispiel der in den Tätigkeits- und Jahresberichten geschilderten "Fallbeispiele" thematisiert werden. Im dritten Teil soll die Tätigkeit der Kinderschutzorganisationen in einen größeren gesellschaftlichen Kontext eingebettet und daraufhin untersucht werden, auf welche Weise diese Einfluss auf die Entwicklung einer Demokratisierung der Gesellschaft ("civil society") und auf die Entstehung des Wohlfahrtsstaates im Bereich öffentlicher Einrichtungen genommen haben. Insbesondere soll dabei die Rolle der Frauen/bewegungen in diesem Prozess herausgearbeitet werden.

Der Untersuchungszeitraum der vorliegenden Studie erstreckt sich auf die Jahrzehnte von den ersten Gründungen von Vereinen zum Schutz misshandelter Kinder in der Habsburgermonarchie in den 1830-er und 1840-er Jahren bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges. Um die Entstehung dieser ersten Kinderschutzvereine im damaligen wirtschaftlichen, politischen, sozialen und kulturellen Umfeld zu verorten, wurden im ersten Teil der Studie zeitgenössische Diskurse zum Thema Gewalt gegen Kinder in den Bereichen Pädagogik, Medizin und Recht untersucht. Hierbei wurde auch die historische Bedingtheit und Interpretation sowohl des Gewalt- als auch des Schutzbegriffs herausgearbeitet. Die von den Vereinen gründeten Rettungshäuser wurden bereits bei ihrer Gründung von Zeitgenossen nicht nur als Schutzanstalten für das jugendliche Proletariat betrachtet, sondern auch als Schutzanstalten für die Gesellschaft und den Staat. Es ist daher wenig überraschend, dass sich die ersten Kinderschutzvereine in der Habsburgermonarchie aus sog. Gefangenenhilfsvereinen entwickelten. In den folgenden Jahrzehnten kam es - nicht zuletzt aufgrund fehlender öffentlicher Einrichtungen - zur Gründung von Kinderschutz-vereinen unterschiedlichster weltanschaulicher und politischer Provenienz. Das Spektrum reichte dabei von säkularen, überkonfessionellen und liberalen Gründungen u. a. durch Freimaurer und Feministinnen bis hin zu Vereinen unterschiedlicher Konfessionen. Diese Vereine errichteten nicht nur Kinderheime auf privater Basis, sondern sensibilisierten die Öffentlichkeit durch Vorträge, Publikationen, Ausstellungen und Mitarbeit an Gesetzesreformen für das Thema. Zugleich aber waren die Kinderschutzaktivitäten dieser privaten und auf freiwilliger Basis agierenden Vereine gesetzlich kaum gedeckt, was Anlass zu Kritik gab. Der letzte Teil der Forschungsarbeit widmet sich der um 1900 beginnenden landesweiten Vernetzung von Kinderschutzinitiativen. Diese verlief nicht einheitlich und war häufig abhängig von aktiven Persönlichkeiten mit Handlungsmacht sowie von den politischen Gegebenheiten vor Ort. So bestanden die Landesvereine für Kinderschutz und Jugendfürsorge in ihren Anfängen meist aus einer Verschränkung von privater Initiative und öffentlichen bzw. halböffentlichen Einrichtungen. Als Beispiele vorgestellt werden in der Studie die Anfänge der landesweit bedeutendsten Vernetzungsstelle, die als Verein gegründete Zentralstelle für Kinderschutz und Jugendfürsorge, sowie die Kaiserjubiläumsaktion Für das Kind, die im Jahr nach Abhaltung des ersten österreichischen Kinderschutzkongresses in Wien 1907 ins Leben gerufen wurde.

Forschungsstätte(n)
  • Universität Wien - 100%

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