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Zwischen Aphrodite Tempel und spätarchaischem Haus

Between the Aphrodite Temple and the Late Archaic House

Erich Kistler (ORCID: 0000-0003-1461-0232)
  • Grant-DOI 10.55776/P22642
  • Förderprogramm Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.12.2010
  • Projektende 30.11.2013
  • Bewilligungssumme 318.202 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Andere Naturwissenschaften (20%); Geschichte, Archäologie (50%); Soziologie (30%)

Keywords

    Archaic Western Sicily, Relegion, Power, Colonial Contact, Commensal politis, Architecture

Abstract Endbericht

Kurz vor 500 v. Chr. wurde auf dem Monte Iato ein großes zweistöckiges Haus errichtet. Dieses ist auf eine auffällige Weise nach der sakralen Achse ausgerichtet, die um 550 v. Chr. mit dem Bau des sogenannten Aphrodite-Tempels begründet worden war. Im Obergeschoss dieses spätarchaischen Hauses waren prächtig hergerichtete Banketträume untergebracht, die auf der viel höher anstehenden Hangseite ebenerdig über einen vorgelagerten Festplatz zugänglich waren. Trotz dieser offensichtlichen Einbindung des Obergeschosses in den Kult- und Festbetrieb im Heiligtum um den Aphrodite-Tempel sind die Räume des Erdgeschosses dennoch dem Bereich des repräsentativen Wohnens zuzuordnen. Es war daher Residenz eines mächtigen Familienverbandes oder Clubhaus` eines lokalen Elitezirkels. Diesem unterlag die Treuhänderschaft über die Banketträume im Obergeschoss sowie über die Opfer- und Festpolitik beim Aphrodite-Tempel. Obwohl sich dieses Heiligtum auf dem Monte Iato inmitten des einheimischen Binnenlandes befindet, sind seine beiden wichtigsten architektonischen Anlagen, der Aphrodite-Tempel und das spätarchaische Haus, Manifestationen griechischen Bauhandwerks. Das kann nur über eine erfolgreiche Vernetzung mit Griechen erklärt werden. Im archäologischen Befund "zwischen Aphrodite-Tempel und spätarchaischem Haus" spiegelt sich ein kausaler Zusammenhang zwischen Religion, Machtbildung und kolonialer Kontaktnahme. Dieser Kausalzusammenhang soll ausgehend von der Religions- und Gesellschaftstypologie von Robert N. Bellah archäologisch genauer untersucht werden. Diese religionssoziologische Zielsetzung bestimmt auch die archäologische Methodenwahl und definiert die Bereiche, wo es noch zur genaueren Abklärung einzelner Sondagen bedarf. Unter Anwendung der Aktivitätszonen- und der Präsenz/Absenz-Analyse sowie mittels paläobotanischer und paläozoologischer Untersuchungen soll möglichst genau in Erfahrung gebracht werden, was wie und wo konsumiert worden war. Im Spiegel der Konsumptionsmuster von Importgeschirr, Opferfleisch und Wein, aber auch von lokalem Alltagsgeschirr und indigenem Getränk soll eine Sozialtopographie der Kult- und Festgemeinschaft im Heiligtum um den Aphrodite- Tempel archäologisch sichtbar gemacht werden. Dies verspricht neue Einsichten in die Kult- und Festpolitik der lokalen Elite, die im Erdgeschoss des spätarchaischen Hauses residierte. Dabei spielte die Allianzbildung mit griechischen Partnern eine zentrale Rolle. Auf ihr beruhte letztlich der Führungsanspruch, der über die Installation eines echten Kultus im Heiligtum beim Aphrodite-Tempel als irdische Emanation einer kosmischen Ordnung ausgegeben wird.

Seit dem frühen 1. Jht. v. Chr. war der Kultplatz um den Aphrodite-Tempel auf dem Monte Iato ein zentraler Schauplatz der Formation von Allianzen als auch der Redistribution von Ressourcen und Prestigegüter im gebirgigen West-Sizilien. Über die Jahrhunderte vollzogen sich an diesem indigenen Kultplatz unterschiedliche sich wandelnde Figurationen von griechischen, phönizischen und etrusco-italischen Einflüssen. Diese kolonialen Prozesse kulminierten schließlich um 500 v. Chr. in der Errichtung des spätarchaischen Hauses. Mit seinen beeindruckenden Banketträumen, der Zweigeschossigkeit, dem Ziegeldach und seiner beachtlichen Größe verkörpert es eine High-Tech-Architektur, wie sie sonst nur in den Metropolen und zentralen Heiligtümern dieser Zeit gefunden werden kann. Da das spätarchaische Haus von einer griechischen Bauhütte zwischen zwei Palästen aus dem 3. Jh .v. Chr. errichtet worden war, wurde es lange Zeit als die Residenz eines griechischen Aristokraten inmitten der einheimischen Siedlung auf dem Monte Iato angesprochen. Erst 2011 ist mit der Entdeckung einer monumentalen Rampe, welche das spätarchaische Haus mit dem Altar vor dem etwas älteren Aphrodite-Tempel verband, evident geworden, dass dieses Hauses unmittelbar in den Kult- und Festbetrieb um den Aphrodite-Tempel eingebunden war. Mit seinen Banketträumen im Obergeschoss sowie seinen repräsentativen Wohnräumen und großen Stauräumen im Erdgeschoss diente es offenbar als eine Art vormodernes Kongresshaus: In ihm trafen sich die Eliten von Nah und Fern zu Social Dinners in festkalendarischen Zyklen. Bei diesen Gipfeltreffen wurden nicht nur feinste Spezereien konsumiert, sondern auch Informationen, Expertenwissen, Güter und Ideen ausgetauscht, zugleich aber auch neue Heiratsbündnisse und gastfreundschaftliche Allianzen geschlossen. Mit dieser neuen funktionalen Erschließung war die Erforschung des spätarchaischen Hauses zu einer methodischen Schnittstelle zwischen Architektur- und Heiligtumsforschung geworden, die dem komplexen Spannungsfeld zwischen lokaler Machtbildung, Religion und überregionaler Kolonialpolitik feldarchäologisch gerecht zu werden hatte. Infolgedessen kam es zu einer Art forensischen Archäologie, mit derer Hilfe in und vor den Banketträumen des spätarchaischen Hauses ganz unterschiedliche Konsummuster herausgefiltert werden konnten. So wurde im Innern des Hauses das Koloniale bzw. die kulturellen Errungenschaften aus den griechischen und phönizischen Küstenstädten Westsiziliens dazu genutzt, lokale Machtstrukturen aufzubauen. Draußen auf dem Festplatz ist dagegen der Gebrauch des Kolonialen weitestgehend ausgeblieben. Es wurde darauf sogar ein ritueller Deponierungsakt vollzogen, in dem nur heilige Gerätschaften und zeremonielles Geschirr zum Einsatz kamen, die allesamt der alten prä-kolonialen Lebenswelt zu entstammen scheinen. Auf engstem Raum lassen sich so konträre Konsum- und Identitätsmuster beobachten, welche die janusartigen Kehrseiten lokaler Machtbildung im indigenen Binnenland Westsiziliens archäologisch zu erkennen geben. Auf der einen Seite galt es gegenüber der lokalen Bevölkerung als persönlicher Gefolgschaft durch das rituelle Reenactment der traditionellen Welt der Ahnen und Vorfahren eine ungebrochene Loyalität gegenüber dem eigenen Ort herauszustellen. Auf der anderen Seite musste eine kulturelle Angleichung an die kolonialen Kontaktpartner insoweit erfolgen, wie nötig war, um trotz indigener Abstammung als ein gleichwertiger Bündnispartner akzeptiert zu werden.

Forschungsstätte(n)
  • Universität Innsbruck - 100%

Research Output

  • 5 Publikationen
Publikationen
  • 2012
    Titel Archaische Kultplätze von lokaler bis überregionaler Reichweite im Binnenland Siziliens aus religionssoziologischer Sicht (8.-6. Jh. v. Chr.).
    Typ Journal Article
    Autor Öhlinger B
    Journal Forum Archaeologiae
  • 2012
    Titel Zwischen Aphrodite-Tempel und spätarchaischem Haus.
    Typ Book Chapter
    Autor Kistler E
  • 2012
    Titel Glocal responses from Archaic Sicily.
    Typ Journal Article
    Autor Kistler E
  • 2011
    Titel Wohnen in Compounds: Haus-Gesellschaften und soziale Gruppenbildung im frühen West- und Mittelsizilien (12.-6. Jh. v. Chr.).
    Typ Book Chapter
    Autor Gleba
  • 2010
    Titel Zwischen Aphrodite-Tempel und spätarchaischem Haus. Archäologische Untersuchungen zu Religion und Machtbildung auf dem Monte Iato im archaischen Westsizilien.
    Typ Journal Article
    Autor Kistler E
    Journal Zentrum für Alte Kulturen: Jahresbericht 2010. Aktuelle Forschungen. Innsbruck: Leopold-Franzens-Universität Innsbruck

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