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Menschen- und Tierdepositionen. Opferkult in Stillfried?

Human and animal depositions. Sacrificial cult in Stillfried?

Irmtraud Hellerschmid (ORCID: )
  • Grant-DOI 10.55776/P22755
  • Förderprogramm Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.01.2011
  • Projektende 31.12.2015
  • Bewilligungssumme 219.117 €

Wissenschaftsdisziplinen

Biologie (20%); Geschichte, Archäologie (70%); Soziologie (10%)

Keywords

    Human Depositions, Urnfield Period, Animal Depositions, Scientific Analysis, Study Of Rituals, Anthropological Interpretations

Abstract Endbericht

Vor mehr als 135 Jahren wurde die Wallanlage von Stillfried der wissenschaftlichen Fachwelt vorgestellt. 1969 starteten die ersten systematischen Ausgrabungen als Teil des interdisziplinären Forschungsansatzes "Lebensraum Stillfried von der Eiszeit bis zur Gegenwart" innerhalb der 23 Hektar großen Siedlungsanlage mit zwei Kilometer langem Abschnittswall und vorgelagertem tiefen Graben im Westen der Siedlungsfläche. Die Ausgrabungen bis 1989 erbrachten mehr als 20 Anlagen mit "kultischem Charakter". Es handelt sich hauptsächlich um 2-3m tiefe trapezförmige Gruben mit primärer Speicherfunktion in denen vollständige Menschen und/oder Tierskelette und/oder Skelettteile derselben intentionell abgelegt wurden, sowie mehrere Ofenkonstruktionen in denen riesige Mengen von Gerstenspelzen verascht wurden. Auffallend sind menschlich bedingte Veränderungen an der tierischen Skelettmorphologie, sowie Massengräber, die einerseits Anhaltspunkte für Menschenopfer liefern, andererseits auch Hinweise auf Mangelernährung zumindest bestimmter Teile der Bevölkerung geben. Die Objekte sind an der höchsten Stelle der Siedlung konzentriert und chronologisch in die späte Urnenfelderzeit - der Hauptbesiedelungsphase der Wallanlage - zu stellen. Ziel des Projektes ist die wissenschaftliche Bearbeitung von "kultischen Befunden". Es handelt sich vor allem um Objekte mit Tier- und/oder Menschendepositionen. Im Brennpunkt steht die Beziehung dieser Objekte zum sogenannten Kultbezirk und zum Abschnittswall im Westen der Befestigungsanlage. Seine Errichtung und die ereignisgeschichtlich bedingten Zerstörungs- und Wiederaufbauphasen sollen rekonstruiert werden und mit den Kultobjekten am Wallfuß in Verbindung gebracht werden. Vergleiche von Ähnlichkeiten (Homologie, Analogie) in unterschiedlichen Fundmilieus im zentraleuropäischen Raum werden mit Hilfe der Merkmalsanalyse einer Quellenkritik unterzogen und unter Einbeziehung von Völkerkunde und antiken bis zeitgenössischen Schriftquellen interpretiert. Tiertaxonomien dienen als weitere Grundlage für weiterführende Interpretationen. Neben anthropologischen und archäozoologischen Untersuchungen sollen a-DNA-Verwandschaftsanalysen an den deponierten Menschenreste, C14 Analysen der organischen Rückstände, mikroskopische und qualitativ-chemische Analysen der sogenannten "kultischen Asche", untersucht werden. Weiters sollen die bisherigen Ergebnisse durch philosophische Betrachtungsweisen im Sinne einer Kritik der reinen Vernunft betrachtet werden. Die Projektergebnisse werden in wissenschaftlichen Journalen veröffentlicht und auf internationalen Tagungen präsentiert und diskutiert. Für einen breiten Diskurs mit Interessierten möglichst vieler Bevölkerungs- und Altersgruppen soll eine Wanderausstellung entstehen. Weiterreichende Auswirkungen des Projektes sind durch Open Access im Internet gegeben. Außerdem werden die für das Projekt verwendeten Parameter zur Materialerfassung in das im Entstehen begriffene CENTROP-NET "Das kulturelle Erbe der mitteldonauländischen Urnenfelderkultur" einfließen.

Vor fast genau 140 Jahren entdeckten Archäologen eine 23 Hektar große urzeitliche, über dem heutigen Ort Stillfried an der March in Niederösterreich gelegene Befestigungsanlage. Seither haben viele Forschergenerationen versucht, die Rätsel dieses Fundortes zu entschlüsseln. War man im 19. und im beginnenden 20. Jahrhundert noch der Meinung, dass es sich nur um eine von vielen urnenfelderzeitlichen (1000800/750 v. Chr.) befestigten Höhensiedlungen handelt, so deuteten die ab den späten 1960er Jahren durchgeführten systematischen Forschungen der Universität Wien unter der Leitung von Prof. Fritz Felgenhauer darauf hin, dass Stillfried ein einzigartiger Fundort ist. Innerhalb der von einem Ringwall umgebenen Anlage entdeckte man reihig angeordnete Öfen und Feuermulden. Ebenso kamen 23 m tiefe, in den anstehenden Löss gegrabene trapezförmige Gruben zum Vorschein, in denen auch sterbliche Überreste von Wildtieren und Menschen gefunden wurden. Prominentestes Beispiel sind jene im Block geborgenen sieben Toten, die bis zum Jahr 2014 eine der Hauptattraktionen des Schausaals 16 der Prähistorischen Abteilung des Naturhistorischen Museums in Wien darstellten.Die Neuuntersuchung der bislang bekannten Stillfried-Befunde unter Zuhilfenahme modernster naturwissenschaftlicher Methoden hat die Ansicht erhärtet, dass die Anlage in der späten Urnenfelderzeit das wirtschaftliche und kultische Zentrum der Region darstellte. In den Öfen und Feuermulden wurde Pech hergestellt, aber auch Gerstenschrot und Druschreste wurden in riesigen Mengen verbrannt. Die Gruben dienten den umliegenden Dörfern wohl als zentrale Getreidespeicher. Die in manchen Speichergruben deponierten Wildtiere wie Hirsch und Wolf weisen deutliche Zeichen von Haltung in Gefangenschaft auf, wie man sie auch aus heutigen Zoos kennt. Dies ist ein Indiz dafür, dass diese Tiere in der Anlage gehalten und bei kultischen Anlässen vorgeführt wurden. Den entgegen dem generell üblichen Totenbrauch in den Gruben bestatteten Menschen üblich war Totenverbrennung und Urnenbestattung auf einem außerhalb der Siedlung gelegenen Gräberfeld dürfte ebenfalls eine soziale Sonderrolle zugekommen sein. So befand sich der Ort der Grube mit den sieben Toten am höchsten Punkt der Anlage. Direkt über der Grube rituell versenkte Gegenstände und die Reste eines eingetieften Holz-/Lehmgebäudes könnten auf ein Mahnmal oder einen Schrein hinweisen, der von weitem sichtbar war. Im 8. Jahrhundert v. Chr., also am Übergang von der Urnenfelder- zur Hallstattzeit, wurde die urnenfelderzeitliche Anlage von Stillfried zerstört.

Forschungsstätte(n)
  • Österreichische Akademie der Wissenschaften - 100%

Research Output

  • 5 Zitationen
  • 4 Publikationen
Publikationen
  • 2012
    Titel Menschenknochen und Menschenniederlegungen in Siedlungsgruben der befestigten Höhensiedlung von Stillfried a. d. March, Niederösterreich.
    Typ Journal Article
    Autor Griebl M
    Journal Journal Forum Archaeologiae 63/VI/2012
  • 2013
    Titel Menschenknochen und Menschenniederlegungen in Siedlungsgruben der befestigten Höhensiedlung von Stillfried an der March, Niederösterreich: Gängige Praxis der Totenbehandlung in der jüngeren Urnenfelderkultur?
    Typ Conference Proceeding Abstract
    Autor Griebl M
    Konferenz 'Irreguläre' Bestattungen in der Urgeschichte: Norm, Ritual, Strafe ...? Akten der Internationalen Tagung in Frankfurt a. M. vom 3. bis 5. Februar 2012, Nils Müller-Scheeßel (editor), Bonn: Dr. Rudolf Habelt, Series Kolloquien zu Vor- und Frühgeschichte 19
  • 2015
    Titel Arbeitsgrube und Kultgrube? Verfärbung V0479 der späturnenfelderzeitlichen Wallanlage von Stillfried, Niederösterreich
    DOI 10.1553/archaeologia99s179
    Typ Journal Article
    Autor Griebl M
    Journal Archaeologia Austriaca
    Seiten 179-202
  • 2015
    Titel Mord oder Opferung? Die Niederlegung der „Sieben“ in Grube V1141 am Kirchhügel von Stillfried
    DOI 10.1553/archaeologia99s203
    Typ Journal Article
    Autor Hellerschmid I
    Journal Archaeologia Austriaca
    Seiten 203-232

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