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Provenienzforschung an der Universitätsbibliothek Salzburg

Provenance Research at the University Library of Salzburg

Helga Embacher (ORCID: )
  • Grant-DOI 10.55776/P22917
  • Förderprogramm Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.12.2010
  • Projektende 31.03.2014
  • Bewilligungssumme 197.502 €

Wissenschaftsdisziplinen

Andere Geisteswissenschaften (10%); Geschichte, Archäologie (70%); Medien- und Kommunikationswissenschaften (20%)

Keywords

    University Library Salzburg, Book Looting, Provenance Research, National Socialism, Library History, Restitution

Abstract Endbericht

In der Universitätsbibliothek Salzburg gibt es bereits zahlreiche Hinweise auf Bücher, die, von den Nationalsozialisten konfisziert, auf unterschiedlichen Wegen hierher gelangten. Vor allem tauchte in entliehenen Büchern wiederholt der Stempel "Ahnenerbe" auf. Die Spuren führen bisher vor allem zu katholischen Einrichtungen, wie dem Stift Sankt Peter, zu jüdischen Privatpersonen (z. B. den Wiener Wissenschaftlerinnen Elise und Helene Richter) sowie zu einer wertvollen Russika Sammlung zweifelhaften Ursprungs. Die zentrale Forschungsfrage des vorliegenden Projekts lautet daher, wie geraubte Bücher in die Studienbibliothek Salzburg gelangten und wie die Bibliothek mit diesen Bänden während und nach der nationalsozialistischen Herrschaft umgegangen ist. Aufgrund seiner breiten historischen und politischen Kontextualisierung richtet sich der Fokus auf die verantwortlichen Akteure, die Profiteuer des Buchraubes und vor allem auch auf die unterschiedlichen individuellen Opfer bzw. Opfergruppen und deren Behandlung im Nationalsozialismus als auch nach 1945. Die wissenschaftliche Aufarbeitung dieser Forschungsfragen soll in enger Kooperation mit dem bereits gestarteten Projekt der Salzburger Universitätsbibliothek zur Buchautopsie (geschätzte 150.000 Bände sollen autopsiert werden) durchgeführt werden. Ein zentrales Anliegen des Projektes ist die kritische Aufarbeitung der Bibliotheksgeschichte in einem breiten zeitgeschichtlichen Kontext. Dabei muss die spezifische politische Situation in Salzburg mit einer dominanten katholischen Kirche und einem weit verzweigten katholischen Vereinswesen und einer kleinen jüdischen Gemeinde berücksichtigt werden. Im Vergleich zu Wien kam der sozialdemokratischen Bewegung wenig Bedeutung zu, vor allem fehlte weitgehend das intellektuelle Milieu. Somit zählten Vertreter des autoritären Ständestaates bzw. politischen Katholizismus zu den ersten Opfern des Nationalsozialismus und des nationalsozialistischen Buchraubes. Damit kann das Projekt zumindest wichtige neue Teilaspekte zum bisher wenig erforschten autoritären Ständestaat liefern. Eine weitere zentrale Bedeutung wird der Geschichte der Studienbibliothek Salzburg zukommen. Wie wirkte sich der Machtwechsel sowohl 1934, 1938 als auch 1945 aus, wie agierte der Direktor der Studienbibliothek und welche Beziehung wies er zu den NS-Machthabern auf? Von Interesse ist für uns auch die Rolle, die der Salzburger Universitätsbibliothek innerhalb der Bibliothekshierarchie des Dritten Reiches zukam. Nicht zuletzt soll die Verteilung beschlagnahmter Bücher auf diverse Stellen in Salzburg erforscht werden, um damit ein Netzwerk der Akteure des Buchraubes (SS, Gestapo, UB, Museen,..) erstellen zu können. Davon versprechen wir uns auch neue Einsichten in die bisher völlig unerforschte Geschichte des NS-Apparates (NSDAP, Gestapo, SS Ahnenerbe,..) in Salzburg.

Im Wesentlichen ging es im Forschungsprojekt um die Herkunft (= Provenienz) der von den Nationalsozialisten geraubten Bücher, um das Schicksal ihrer einstigen Besitzer/innen und um die Rolle, die der Bibliothek im NS-Buchraub zugekommen ist. Wie gelangte Raubgut in die Studienbibliothek und wie ist diese damit umgegangen? Was waren die Motive der Täter, Mittäter, Zuschauer und Profiteure und wer waren die Opfer? Als Ergebnis kann festgehalten werden, dass die Studienbibliothek im Nationalsozialismus von der Beschlagnahmung und Auflösung der katholischen Vereine, des katholischen Schulwesens (z.B. Borromäum, Konradinum in Eugendorf) und der brutalen Enteignung der Benediktinerstifte St. Peter und Michaelbeuern profitierte. Ein Großteil dieser Bücher wurde nach 1945 zurückgestellt, allerdings mussten teilweise große Schäden durch falsche Lagerungen hingenommen werden. Einen Sonderfall stellen rund 1.171 Bücher dar, die aus dem Universitätsgebäude in Smolensk stammen. Sie gelangten über den Salzburger Funker in der Deutschen Wehrmacht, Dr. Hans Hanke, nach Salzburg. Dieser betrachtete seine Handlung als Bücherrettung.Der größte Teil der geraubten Bücher (über 1.100) fand erst nach 1945 Eingang in die Studien- bzw. ab 1962 Universitätsbibliothek. Sie stammen teilweise aus dem Offenbach Archival Depot (OAD), das 1949 von der amerikanischen Militärregierung für als herrenlos erachtete Buchbestände eingerichtet wurde. Die Bücher wurden dann auf unterschiedliche Bibliotheken verteilt. Den größten Teil (über 1.300) machten Zugänge aus der Sammlung Tanzenberg aus. Dabei handelt es sich um eine im Schloss Tanzenberg in Kärnten von britischen Soldaten vorgefundene Ansammlung von in ganz Europa geraubten Büchern. Betrafen die Eingänge zwischen 1938 und 1945 vor allem Bestände aus katholischen Einrichtungen, so weist Raubgut, das nach 1945 Eingang in die Bibliothek gefunden hat, vielfach jüdische Vorbesitzer/innen auf. Die Recherchen hinsichtlich der jüdischen Vorbeisitzer erwiesen sich als extrem aufwendig und brachten viele tragische Einzelschicksale ans Licht.Ein weiterer Fokus lag auf der Geschichte und der Rolle der Studienbibliothek, die ihre Rolle während des Nationalsozialismus als die einer Verwahrerin und Retterin von österreichischen Kunstschätzen betrachtete. Der Bibliotheksleiter Dr. Ernst Frisch zeigte keinerlei Unrechtsbewusstsein und Skrupel hinsichtlich der Zusammenarbeit mit NS-Institutionen, seiner Verwaltertätigkeit und der Aneignung von katholischem Besitz. Die Rolle der Studienbibliothek kann insgesamt als äußerst ambivalent bezeichnet werden: Selbst nicht direkt verantwortlich für Beschlagnahmungen und Enteignungen, wehrte sie sich wenig gegen die ihr übertragenen Verwaltungsaufgaben.

Forschungsstätte(n)
  • Universität Salzburg - 100%

Research Output

  • 13 Publikationen
Publikationen
  • 2012
    Titel Buchraub in Salzburger Bibliotheken 1938-1945. Schloss Leopoldskron, Borromäum, Konradinum Eugendorf, Benediktinerstifte St. Peter und Michaelbeuern.
    Typ Book Chapter
    Autor Lahner I
  • 2011
    Titel Die Suche nach NS-Raubgut an der Universitätsbibliothek Salzburg. Quellen und Methoden der Provenienzforschung.
    Typ Journal Article
    Autor Schmoller A
    Journal Vereinigung Österreichischer Bibliothekarinnen & Bibliothekare: Schriften der Vereinigung Österreichischer Bibliothekarinnen und Bibliothekare (VÖB)
  • 2013
    Titel Der hinterlassene Fingerabdruck des 'Ahnenerbes'. Ein brisantes Kapitel der Provenienzforschung an der Universitätsbibliothek Salzburg.
    Typ Journal Article
    Autor Schmoller A
  • 2013
    Titel Wenn Bücher zum Erinnerungsort werden. Reflexion und Beispiele der Provenienzforschung an der Universitätsbibliothek Salzburg.
    Typ Journal Article
    Autor Palmetsdorfer U
    Journal Chilufim
  • 2012
    Titel 'Bewahrerin' Salzburger Kulturguts. Die Studienbibliothek Salzburg im Nationalsozialismus und ihre Rolle bei der Enteignung von jüdischem und katholischem Besitz.
    Typ Journal Article
    Autor Schmoller A
    Journal Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs, Sonderband
  • 2012
    Titel 'Unbrauchbare Bestände'. Die 'Ahnenerbe'-Bücherei Salzburg.
    Typ Book Chapter
    Autor Schmoller A
  • 2012
    Titel Einleitung. Erste Fragen, erste Recherchen, erste Ergebnisse.
    Typ Book Chapter
    Autor Schmoller A
  • 2012
    Titel 'Der glücklichste Bibliothekar' - Biografische Skizze zu Ernst Frisch.
    Typ Book Chapter
    Autor Schmoller A
  • 2012
    Titel Von Smolensk nach Salzburg - und wieder zurück? Sicherung und Raub von Büchern während des Angriffs auf die Sowjetunion durch einen Salzburger Wehrmachtssoldaten 1941.
    Typ Book Chapter
    Autor Schmoller A
  • 2012
    Titel Die Enteignung der Bibliothek des Katholischen Universitätsvereins.
    Typ Book Chapter
    Autor Embacher H
  • 2012
    Titel Zwischen erzwungener Anpassung und offener Kooperation. Die Studienbibliothek Salzburg im Nationalsozialismus.
    Typ Book Chapter
    Autor Schmoller A
  • 2012
    Titel Die Enteignung der Bibliothek des Katholischen Hochschulvereins in Salzburg. Ausdruck eines 'Kulturkampfes' zwischen politischem Katholizismus und Nationalsozialismus?
    Typ Journal Article
    Autor Embacher H
  • 0
    Titel Buchraub in Salzburg. Bibliotheks- und NS-Provenienzforschung an der Universitätsbibliothek Salzburg.
    Typ Other
    Autor Lahner I Et Al

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