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Von der Schatzsuche zur Archäologie

Treasure Hunt Turns into Archaeology

Fritz Mitthof (ORCID: 0000-0002-1526-6069)
  • Grant-DOI 10.55776/P23975
  • Förderprogramm Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.11.2011
  • Projektende 31.10.2016
  • Bewilligungssumme 258.628 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Geschichte, Archäologie (100%)

Keywords

    Archaeology, Dacians, Habsburg Empire, History of science, Archive studies, Sarmizegetusa Regia

Abstract Endbericht

Das Reich der Daker umspannte zu seiner Blütezeit unter den Königen Burebista bis Decebal - der eine ein Zeitgenosse Caesars, der andere Trajans - große Teile des östlichen Karpaten- und Donauraumes. Eines der wichtigsten politischen und sakralen Zentren dieses Reiches war Sarmizegetusa Regia (S. R.). Die Reste der antiken Stadt befinden sich in einer unzugänglichen Bergregion im südlichen Siebenbürgen und sind Teil eines ausgedehnten archäologischen Komplexes, der Bergfestungen, Siedlungen und Kultstätten umfaßt und 1999 ins Weltkulturerbe-Programm der UNESCO aufgenommen wurde. Nach einer Reihe spektakulärer Funde antiker Goldmünzen durch Einwohner der umliegenden Dörfer ordnete Kaiser Franz II./I. im Jahre 1803 an, daß in S. R. Grabungen durchgeführt werden sollten, die bis 1804 fortgesetzt wurden. Obwohl die Kampagne ursprünglich nur der Suche nach Münzhorten gewidmet war, entwickelten die beteiligten Beamten und Militärs sehr schnell ein "proto-archäologisches" Interesse an ihren sonstigen Funden. Anhand der von ihnen erstellten Berichte, Listen, Zeichnungen und Karten, die heute in den Staatsarchiven von Wien, Cluj-Napoca und Budapest verwahrt werden, lassen sich die damaligen Aktivitäten genau rekonstruieren. Die Dokumente haben einen herausragende Bedeutung für die moderne, seit etwa neunzig Jahren laufende archäologische Forschung in S. R. Sie bieten die Chance, über eine exakte Rekonstruktion der Grabungen von 1803 und 1804 zu einem tieferen Verständnis der aktuellen Befunde zu gelangen und damit einen entscheidenden Durchbruch in der Erforschung dieses für unsere Kenntnis der Geschichte und Kultur der Daker zentralen Fundplatzes zu erzielen. Zugleich eröffnen die Dokumente direkte Einblicke in das Geschichtsbild und die historischen Deutungsmuster diverser gesellschaftlicher Gruppen des Habsburgerreiches um das Jahr 1800 und beleuchten das geistige Umfeld, in welchem damals europaweit die Archäologie und andere Altertumswissenschaften als wissenschaftliche Disziplinen konzipiert wurden. Das Projekt zielt auf die präzise Rekonstruktion der Kampagnen der Jahre 1803/1804. Außerdem sollen die Beobachtungen, Deutungsmuster und Methoden der beteiligten Personen in ihren wissenschafts- und kulturgeschichtlichen Kontext eingeordnet werden. Schließlich soll über den Verbleib der bei den Grabungen aufgefundenen Objekte nachgeforscht werden. Wichtigstes Ergebnis des Projektes ist eine Monographie mit dem Titel "Von der Schatzsuche zur Archäologie: Die Wiederentdeckung der Hauptstadt des Dakerreiches Sarmizegetusa Regia in Siebenbürgen unter Kaiser Franz II./I.". In diesem Buch (ca. 700 S.) sollen die Resultate des Projektteams (zwei PreDoc-Stellen und Projektleiter) präsentiert (Kap. 5-7 = 400 S.), darüberhinaus aber auch, in Form von zusätzlichen Beiträgen der neun Kooperationspartner aus Österreich und Rumänien (Archäologen sowie Alt- und Neuzeithistoriker), das Thema in einen weiteren historischen Kontext eingebettet und die Forschungsgeschichte zu S. R. seit den Grabungen von 1803/1804 sowie aktuelle Perspektiven zur Erforschung, zum Erhalt und zum Schutz der Monumente vor der heute wie damals grassierenden Raubgräberei aufgezeigt werden.

In den Jahren 18031804 führte die Fiskalverwaltung des Großfürstentums Siebenbürgen, das als Land der ungarischen Krone zum Habsburgerreich gehörte, an einem entlegenen Ort namens Gr?di?tea Muncelului eine Schatz- und Altertümergrabung durch. Die Ruinenstätte, die sich in den Or??tie-Bergen befindet, wird heute mit Sarmizegetusa Regia (königliches Sarmizegetusa), dem wichtigsten dakischen Herrschersitz, identifiziert. Mehrere tausend Verwaltungsdokmente auf Deutsch, Latein und Ungarisch, die in den Staats- bzw. Nationalarchiven zu Wien, Budapest und Cluj- Napoca/Klausenburg verwahrt werden, informieren uns über die damaligen Vorgänge. Im Zuge des Projektes wurden diese Dokumente gesichtet, transkribiert, übersetzt und in eine internet-gestützte Datenbank eingespeist.Durch die Auswertung der Archivalien wurde es erstmals möglich, ein klares Bild zu gewinnen, wo genau auf dem Hügel von Gr?di?te die Grabungen von 18031804 stattfanden und welche Resultate sie ergaben. Diese Informationen sind von herausragender Bedeutung für die Erforschung der Geschichte sowohl des späteisenzeitlichen Fundplatzes als auch der Daker, den Trägern der späteisenzeitlichen Kultur im inneren Karpatenbogen. Zudem hat das Projekt aufregende Details zu den Goldmünzen (Stateren) des posthumen Lysimachos-Typs und des Koson-Typs feststellen können, die in der Zone der Or??tie-Berge damals wie heute in großen Mengen gefunden werden. Dies führt zu einer Neubewertung des historischen Kontextes der betreffenden Münzhorte. Schließlich kommt in den untersuchten Dokumenten das große Interesse der damaligen Eliten Siebenbürgens an vaterländischen Altertümern zum Ausdruck. Einige Vertreter dieser Eliten wurden als Fallstudien genauer untersucht. Dadurch leistet das Projekt auch zur Geschichte der Altertumskunde im Habsburgerreich einen wichtigen Beitrag.Zusätzlich zu diesen Ergebnissen, die bereits im Projektantrag angekündigt wurden, hat das Projekt weitere Resultate zu Themen ergeben, die ursprünglich nicht im Fokus des Antragstellers lagen: 1.) Das Projekt hat ein einheitliches Narrativ identifiziert, das in ganz Siebenbürgen bei Schatzfunden festzustellen ist und die Art und Weise bestimmt, in der Schatzfinder über die Umstände des ihres Fundes berichten; 2.) Die ausgewerteten Dokumente geben wichtigen Aufschluss über die Funktionsweise des komplexen Verwaltungsapparates des Großfürstentums; 3.) Im Zuge des Projekts wurde die Entwicklung des Schatzfundrechts im neuzeitlichen Siebenbürgen analysiert; 4.) Die Dokumente zeugen von Spannungen zwischen Kaiser, Hof und zentralem Verwaltungsapparat des Habsburgerreiches auf der einen sowie dem Adel Siebenbürgens auf der anderen Seite, die als Antikensammler miteinander konkurrieren; 5.) Ein besonders faszinierender Aspekt ist die Möglichkeit, anhand der ausgewerteten Dokumente die Lebenswelt der einfachen Landbevölkerung Siebenbürgens um 1800 aus der Sicht der Mikro- oder Alltagsgeschichte darzustellen. Die Ergebnisse des Projekts werden in drei Monographien vorgelegt: Die erste behandelt die Ge- schichte der Grabungskampagne von 18031804, die zweite die amtliche Untersuchung der beiden Schatzfunde von 18021803, die diese Kampagne auslösten; die dritte beinhaltet die kommentierte Edition einer Abhandlung des Beamten Kenderesi zur Koson-Münze aus dem Jahr 1812. Daneben wurden mehrere Aufsätze verfasst: zu den Koson- und Lysimachos-Münzen; zum Fiskalprokurator Török, einem der Protagonisten der Grabungskampagne; zu einem weiteren siebenbürgischen Schatzfund von 1796 aus dem Umland von Cluj/Klausenburg; zum Schatzfundrecht in Siebenbürgen; und schließlich zu den antiken Zeugnissen für den dakischen Ortsnamen Sarmizegetusa.

Forschungsstätte(n)
  • Universität Wien - 100%
Nationale Projektbeteiligte
  • Lajos-Lorand Madly, Österreichische Akademie der Wissenschaften , nationale:r Kooperationspartner:in
Internationale Projektbeteiligte
  • Marius-Mihai Ciuta, Lucian Blaga-Universität Sibiu - Rumänien
  • Razvan Nateescu, Sonstige öffentl. rechtl. Forschungseinrichtung - Rumänien
  • Cristian Gazdac, Universitatea Babes-Bolyai Cluj - Rumänien
  • Gelu Florea, University of Cluj-Napoca - Rumänien

Research Output

  • 4 Publikationen
Publikationen
  • 2014
    Titel Sarmizegetusa? Zu den Varianten eines dakischen Toponyms in den lateinischen und griechischen Quellen.
    Typ Conference Proceeding Abstract
    Autor Mitthof F
    Konferenz Piso, Ioan; Varga, Rada (edd.), Trajan und seine Städte. Colloquium Cluj-Napoca, 29. Sept.-2. Okt. 2013. Cluj-Napoca, 2014
  • 2015
    Titel Ein Golddepot aus der Zeit des Horea-Aufstandes? Zur Geschichte eines sieben-bürgischen Schatzfundes aus dem Jahre 1796.
    Typ Book Chapter
    Autor Iosif M. Balog
  • 2015
    Titel Situatia juridica a comorilor gasite la nceputul secolului XX. Dreptul asupra bunului gasit si practica acestuia.
    Typ Journal Article
    Autor Madly Ll
    Journal Anuarul Institutului A.D. Xenopol, Iasi; Yearbook of the >>A. D. Xenopol<< Institute of History
  • 2014
    Titel Zwischen Kameralverwaltung und Archäologie: Der Fiskalprokurator Paul Török und die "k. Schatz- und Alterthümergrabung" der Jahre 1803-1804 zu Gradistea Muncelului in Siebenbürgen.
    Typ Book Chapter
    Autor Mitthof F

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