Die Politik des Logischen Empirismus
The Politics of Logical Empiricism
Wissenschaftsdisziplinen
Philosophie, Ethik, Religion (25%); Politikwissenschaften (25%); Wirtschaftswissenschaften (50%)
Keywords
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Logical Empiricism,
History of Philosophy of Science,
Ernst Mach Association,
Society for Empirical/Scientific Philosophy,
Science and Politics,
Political Intellectuals
Über das Verhältnis zwischen wissenschaftlicher und/oder philosophischer Programmatik und politischem Engagement wurde immer wieder diskutiert. Sind bestimmte politische Haltungen wissenschaftlichen Ansätzen inhärent oder besteht zwischen Wissenschaft und Politik eine kontingente Beziehung? Können auch einander widersprechende politische Haltungen aus denselben wissenschaftlichen Programmen resultieren? Besonders im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus ist schon mehrfach darüber gestritten worden, ob pro-nazistische Aussagen und Haltungen bestimmter Philosophen oder Wissenschaftler eine zwingende Konsequenz ihrer wissenschaftlichen Arbeit oder philosophischen Reflexionen sind oder ob politische Fragen getrennt von Wissenschaft und Philosophie betrachtet werden müssen (siehe dazu die Debatten um Martin Heidegger). Der Logische Empirismus (LE) ist aus mehreren Gründen ein ergiebiges Beispiel für dieses prekäre Verhältnis. Erstens wurden logisch-empiristische (oder neopositivistische) Ansätze von ihren Gegnern immer wieder als szientistische Projekte ohne politischen Anspruch oder, noch schlimmer, als affirmative politische Philosophie bezeichnet, die der Erhaltung des Status Quo dient. Trotz historischer und empirischer Evidenz, die diesen Vorbehalten widerspricht, existiert dieses negative Image des Logischen Empirismus auch heute noch. Zweitens unterschieden sich die Vertreter des LE in politischer Hinsicht beträchtlich. Trotz ihrer gemeinsamen Orientierung an einer aufgeklärten, antimetaphysischen, empiristischen und wissenschaftlichen neuen Philosophie reichten die politischen Haltungen logischer Empiristen von einem eher unpolitischen Liberalismus bis zu einem militanten Marxismus. Drittens diskutierten manche der Logischen Empiristen selbst offen die Frage, ob es so etwas wie eine politische Agenda ihrer wissenschaftlichen Arbeit geben könne oder solle. Diese Reflexionen führten wiederum zu gegensätzlichen Ergebnissen: Während manche Vertreter des LE politische und wissenschaftliche Fragen voneinander trennen wollten und den nicht kognitiven Charakter von Moral und Politik betonten, sahen andere eine enge Verbindung des revolutionären Geistes, wie er im Manifest über die "Wissenschaftliche Weltauffassung" zum Ausdruck kam, und kulturellen und politischen Entwicklungen, die zu sozialer Reform und rationaler Planung führten. Viertens stimmten die meisten Logischen Empiristen darin überein, dass Wissenschaft keine rein elitäre Angelegenheit sein sollte und traten für eine intensive Kommunikation zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit ein. In diesem politischen und intellektuellen Kontext wurden in den Jahren 1927 und 1928 die "Gesellschaft für empirische/wissenschaftlichen Philosophie" in Berlin und der "Verein Ernst Mach" in Wien von oder mit der Hilfe von führenden Repräsentanten des LE gegründet. Das Forschungsprojekt kontextualisiert, analysiert und diskutiert kritisch die intellektuellen und wissenschaftliche Aktivitäten der beiden Vereine und ihrer führenden Repräsentanten, zu denen unter anderen Moritz Schlick, Philipp Frank, Hans Hahn, Otto Neurath, Hans Reichenbach, Kurt Grelling, Walter Dubislav und Alexander Herzberg zählen.
Spätestens seit dem Positivismusstreit der 1960er Jahre gilt Positivismus als Inbegriff einer affirmativen Philosophie, der im Gegensatz zur kritischen Theorie jede gesellschaftskritische Komponente fehlt. Generationen von Studierenden wurden mit diesem negativen Modell des Positivismus sozialisiert, das auch auf den Wiener Kreis und den Logischen Empirismus (LE) der Zwischenkriegszeit übertragen wurde. Das Projekt untersucht in den beiden historischen Zentren des kontinentaleuropäischen Logischen Empirismus, Wien und Berlin, zwei Organisationen, die sich der Verbreitung dieser wissenschaftsphilosophischen Lehre widmeten: Der Verein Ernst Mach in Wien und die Berliner Gesellschaft für empirische (ab 1931: wissenschaftliche) Philosophie. Die beiden Vereinigungen wurden 1927 bzw. 1928 unabhängig voneinander gegründet, doch eine vergleichende Analyse ihrer Entstehungsgeschichte zeigt verblüffende Übereinstimmungen: Viele der Vertreter einer wissenschaftlichen Weltauffassung (so der Titel des 1929 erschienen Manifests des Wiener Kreises) kamen aus einem weltanschaulich geprägten, spätaufklärerischen Milieu, das alles andere als unpolitisch gewesen ist. Vereinigungen wie die Monisten, die Freidenker, aber auch Vertreter einer nicht religiösen, humanistischen Ethik, spielten eine Schlüsselrolle bei der Gründung der beiden Vereinigungen. Auch wenn sich deren Aktivitäten in den folgenden Jahren immer stärker in Richtung Wissenschaft entwickelten, wurden sie deshalb nicht unpolitisch. Das zeigte sich einerseits an ihren Schriften und Veranstaltungsprogrammen, andererseits auch an den Reaktionen darauf. Dem Roten Wien und dem Roten Berlin standen ein schwarzes Wien und ein schwarzes Berlin gegenüber, konservative bis reaktionäre Denkzirkel und Medien. Schließlich wurden die beiden Vereine nach nur wenigen Jahren durch Faschismus und Nationalsozialismus aus politischen Gründen aufgelöst. Das Projekt untersuchte neben den Organisationsgeschichten auch die intellektuellen und politischen Biographien der Protagonisten. Das waren vor allem Moritz Schlick, Otto Neurath, Hans Hahn, Philipp Frank und Rudolf Carnap in Wien, Hans Reichenbach, Kurt Grelling, Walter Dubislav und Alexander Herzberg in Berlin. Eine Analyse ihrer politischen Biographien zeigt: Viele der späteren Logischen Empiristen wurden vor und nach dem Ersten Weltkrieg in der Jugendbewegung intellektuell geprägt. Aus diesem Grund verknüpfte das Projekt den systematischen Nachweis einer progressiven, sozialliberalen bis marxistischen Fundierung der Protagonisten des LE und ihrer Vereine in der Zwischenkriegszeit mit der grundlegenden Frage, inwieweit die Jugendbewegung (bzw. eine bestimmte Strömung innerhalb der JB) den späteren LE beeinflusste? Im Bildungsverständnis und im Wissenschaftsbegriff wie generell in progressiven gesellschaftspolitischen und emanzipatorischen Haltungen werden solche Kontinuitäten nachgewiesen. Der Logische Empirismus war ohne Zweifel auch ein politisches Projekt.
- Universität Wien - 100%
Research Output
- 4 Zitationen
- 2 Publikationen
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2015
Titel Zur politischen Ökonomie des Krieges. Otto Neuraths Kriegswirtschaftslehre als Friedensutopie? Typ Conference Proceeding Abstract Autor Sandner G Konferenz Sandrine Mayoraz/ Frithjof Benjamin Schenk/ Ueli Mäder (Hg.): Hundert Jahre Basler Friedenskongress (1912-2012). Die erhoffte "Verbrüderung der Völker". Zürich 2015 -
2014
Titel Political Polyphony Otto Neurath and Politics reconsidered DOI 10.1007/978-3-319-01899-7_15 Typ Book Chapter Autor Sandner G Verlag Springer Nature Seiten 211-222