Politische Ästhetik gegenwärtigen europäischen Horrorfilms
Political Aesthetics of Contemporary European Horror Film
Wissenschaftsdisziplinen
Kunstwissenschaften (50%); Politikwissenschaften (50%)
Keywords
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Film Theory,
Contemporary European Popular Cinema,
Political Theory,
Film Aesthetics Of Affect,
Horror Film,
Governmentality In Post-Fordist Security State
Dieses Projekt untersucht die politische Ästhetik des gegenwärtigen europäischen Horrorfilms. Dabei soll Filmtheorie (beeinfllusst von Autorinnen wie Siegfried Kracauer, Gilles Deleuze, Heide Schlüpmann, Thomas Elsaesser, die alle auf ihre Art Kino als öffentliche Form affektiver Erfahrung in verzeitlichten Bildern konzipieren) kombiniert werden mit politischer Theorie in post-fundamentalistischer und radikaldemokratischer Orientierung (wie sie, zumal mit Perspektiven auch auf Ästhetik und auf Kino, Jacques Rancière vorschlägt). Ausgangsannahme A) Sucht man heute nach intellektuell anspruchsvollen und ästhetisch herausfordernden Bildern von Politik - von flexibler Gouvernementalität, von Post-Demokratie, von Sicherheitsregimes, rassistischen/fundamentalistischen Ideologien und deren Eingriffen in Bürgerrechte, aber auch von Akten widerständiger Ermächtigung -, so stößt man auf Horrorfilme. - Ausgangsannahme B) Viele der Qualitäten, die Kino zu einem "Einsichts-Zusammenhang" machen (Erfahrung der sozialen Welt, die sich auf kritisches Wahrnehmen und Denken hin öffnet), haben einen privilegierten Ort im Horrorfilm: in einer Art von Kino also, die Ängste, Bedrohungsbilder, Empfindungen des Unheimlichen, aber auch deren Re-Visionen "bespielt". Daher kann Horrorfilm, mehr als andere affektive Register des Films, gegenwärtige politische Entwicklungen versinnlichen; denn auch in diesen ist das Management von Ängsten, Bedrohungen, Unsicherheit, aber auch der Gewalt von Aufstand und "Wut" sehr bedeutsam. Konzeptuell geht das Projekt von den Chiffren "prekäre Gemeinschaften" und "Affekt" (in nicht-sensualistischem deleuzeschen Gebrauch) aus, die ein breites Sinnspektrum eröffnen Zum (vorläufigen) zu untersuchenden Filmkorpus: ca. 10 Horrorfilme jeweils aus Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Österreich, Spanien, dazu einige osteuropäische und skandinavische Filme, entstanden zur und seit der Jahrtausendwende. Filme, die zu rezenten Zyklen an Slasher, Backwood und Survival Horror, Folter-, Mindgame- und Spukfilmen zählen. Der Untersuchungsfokus ist über 4 Perspektiven strukturiert - in Hinblick darauf, wie Horrorfilme Öffentlichkeiten Politik als bildförmige Erfahrung anbieten: 1) fundamentalistische Apokalyptik beschwört die erschütternde Evidenz von "bloßem Leben im Ausnahmezustand" und von der Rache verkannter Primärkräfte an entfremdeten Bourgeois (28 Days Later, Creep, Antichrist); 2) Mindgame- und andere Filme, die das Freud`sche Unheimliche inszenieren: Unsi-cherheit angesichts von Alltagsszenarien, und das Gefühl, Wahrgenommenes rückwirkend neu lesen zu müssen (z.B. Hotel, Shaun of the Dead, Yella, The Others); 3) Home Invasion- und Spukfilme, die ethische Ansprüche anderer und liberale Schuldgefühle als Heim-Suchung und veritablen "Ethi-Call" ausspielen (In 3 Tagen bist du tot, Ils/Them, El Orfanato, Haneke-Filme); 4) Filme, die das Sinnliche von Verortung und Zugehörigkeit durchkreuzen, bis hin zu Ideologie-kritik am Nationalen/Nativen (und neo-Orientalistischen): Hüter der Grenze, The Descent, die tschechisch koproduzierten Hostel I und II, Attack the Block, Horrorfilme mit "untoten Nazis"...)
Wie und in welchem Maß ermöglichen neuere europäische Horrorfilme Formen kritischer Wahrnehmung von Machtverhältnissen und politischer Dynamik in heutigen Gesellschaften? Solche kritische Wahrnehmung gilt ja üblicherweise als Sache von Kunst (und Kunst/ Autorenkino). Mein Projekt hingegen setzt bei diesen Annahmen an: a) Die Massenöffentlichkeit von Mainstream-Genrekino fungiert als Einsichts-Schauplatz in Hinblick auf die politisch konfliktuöse Textur des Sozialen. b) Horrorfilm (breit gefasst, inkl. Thriller und SciFi) bespielt routinemäßig Erfahrungen von Unsicherheit, Angst, Ekel und schockartigem Erkennen; er hat daher eine zentrale Rolle im Vermitteln solcher Einsicht. c) Affinitäten von Horror und Politik zeigen sich insofern als europäische Politik heute die Normalisierung neoliberaler Unsicherheit (Prekarität), die Subsumtion sozialen Lebens unter Kapitallogik und die Projektion ethnischer, kultureller oder klassistischer Feindbilder betreibt; zugleich wird Widerstand gegen etablierte Macht oft als reinigende Gewalt oder Totalbruch mit der Realität imaginiert. Das Setting zur Überprüfung dieser Annahmen verbindet Fragen der Filmtheorie mit Konzepten der politischen Theorie in postfundamentalistisch-radikaldemokratischer Orientierung. Das Untersuchungskorpus wurde aus ca. 300 nach dem Jahr 2000 gedrehten westeuropäischen Horrorfilmen ausgewählt: ca. 40 deutsche, österreichische, spanische, französische, britische u. skandinavische, sowie amerikanisch-europäische Koproduktionen zur Analyse. Diese erfolgte entlang vier Perspektiven, die jeweils Fragen aktueller Politik, Themen politischer Theorie und Motivbestände der Filme selbst verbinden. 1) Fragen einer Politik 'apokalyptischer' Gesten, des Pathos der Offenbarung und der Purismus des Totalbruchs (wie im Zombiefilm 28 Days Later, UK 2002), aber auch der Aushebelung solch maximalistischer Claims (wie in den Untotensatiren Shaun of the Dead, UK 2004 und Rammbock, A 2010) 2) die Politik der Verbildlichung von flexibel alle Subjektivität einwebender Macht in heutigen Kontrollgesellschaften; dabei bieten die prekären Sozial-Bild-Landschaften in Mind-game-Filmen, die uns anmuten, Wahrgenommenes immer neu zu reevaluieren, Testgelände zum Umgang mit 'Modulation', der Formung von Erfahrung im Postfordismus (z.B. The Others, E/UK 2001; Yella, D 2007; The Tall Man, F 2012; Ich seh ich seh, A 2014) 3) Läuft der filmische Spuk von Gespenstern, rätselhaften Stimmen und durchdringenden bzw einhüllenden Sound(scape)s und auf eine Ästhetik des Ethi-Call, des Heimgesuchtwerdens durch Ausgeschlossene, hinaus? Und ist solche 'Ästh-Ethik' in Politik übersetzbar? (Filme, die nach Haneke-Paranoia-Art 'liberale Schuldgefühle' bespielen; Ils, F 2006, in dem 'Straßenkinder' ein Wohlstandspärchen terrorisieren; Berberian Sound Studio, UK 2012, in dem ein Folterexperte von Schreien verfolgt wird) 4) Leistet Horrorfilm (ein Genre, das Vergangenes nicht ruhen lässt) kritische Umarbeitung von Kulturerbe, Nationalhistorie und lokaler Identität? (so etwa die britischen Kleinstadt-Paranoia-Satiren Hot Fuzz, 2007, und The Worlds End, 2013, oder Eli Roths Hostel-Filme, US/CZ 2005/2007, die in Bratislava Ostphantasien aushebeln)
- Karin Harrasser, Freunde und Freundinnen des IFK Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften , nationale:r Kooperationspartner:in
- Petr Szczepanik, Masarykova Univerzita - China
- Michael Wedel, Hochschule für Film und Fernsehen Potsdam Babelsberg - Deutschland
- Malte Hagener, Philipps-Universität Marburg - Deutschland
- Amàlia Kerekes, ELTE University - Ungarn
Research Output
- 12 Publikationen
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2012
Titel Projektionen in Fleisch: Genussinvestments, Ostphantasien, Eli Roths Hostel und die inkarnierte Filmtheorie. Typ Journal Article Autor Robnik D Journal testcard (Themenheft "Fleisch") -
2012
Titel Ja, das kommt davor! Pragmatik, Prophetik, Politik: das Prequel als filmische Form. Typ Journal Article Autor Robnik D Journal kolik.film -
2014
Titel The Family Trap(p): Ein(ei)igkeit, Konflikt und Staatsmachtgeschichte im Thriller Ich seh ich seh. Typ Journal Article Autor Robnik D Journal kolik.film -
2014
Titel Wohnen unter Dingen, die uns um(b)ringen: Zum Horrorfilm als Explikation des Gewohnten und Einübung ins Un-Heim. Typ Book Chapter Autor Irene Nierhaus -
2015
Titel Es geht um… Das heutige Ineinander einsichtiger Einbildungen der politischen Theorie und des Horrorfilms DOI 10.1007/978-3-658-09426-3_3 Typ Book Chapter Autor Robnik D Verlag Springer Nature Seiten 71-87 -
2015
Titel Kontrollhorrorkino: Gegenwartsfilme zum prekären Regieren. Typ Book Autor Robnik D -
2013
Titel These Important Years: Das ewige Leben, fehlende Zeiten, Fleischkreisläufe und Geschichtsgrenzen in den Brenner-Filmen mit Josef Hader. Typ Journal Article Autor Robnik D Journal kolik.film -
2013
Titel Die Ostphantasie einer Genussregion: Inszenierung touristischer Projektionen in Eli Roths Hostel Horrorfilmen. Typ Book Chapter Autor Fenyves/Kerekes/Kovacs/Orosz (Hg.): Habsburg Bewegt. Topografien Der Österreichisch-Ungarischen Monarchie. -
2013
Titel Monster, Mutter, Ministerin: Körperpolitik und Sprachspiele in Marvin Krens Alpenhorrorfilm Blutgletscher. Typ Journal Article Autor Robnik D Journal kolik.film -
2012
Titel Die Ostphantasie einer Genussregion: Inszenierung touristischer Projektionen in Eli Roths Hostel-Horrorfilmen. ungar. Übersetzung: Egy 'élvrégio' az elképzelt Kelet-Eurpaban. Turisztikai projekcik in Eli Roth Hostel-filmjeiben. Typ Book Chapter Autor Fenyves/Kerekes/Kovacs/Orosz (Hg.): Utak És Kalauzok. Változatok Az Osztrák-Magyar Monarchia Topográfiájára -
2012
Titel Das große Taumeln und die kleine Politik: Konturen einer politischen Ästhetik des neueren Zombiefilms. Typ Journal Article Autor Robnik D -
0
Titel long interview on the initial stages of the Project. Typ Other Autor Robnik D