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Bukowinaer griechisch-orientalische Religionsfonds 1783-1949

The Bukovina Greek-Oriental Religious Fund 1783-1949

Kurt Scharr (ORCID: 0000-0002-8489-945X)
  • Grant-DOI 10.55776/P24661
  • Förderprogramm Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.10.2012
  • Projektende 31.12.2016
  • Bewilligungssumme 243.537 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Geschichte, Archäologie (100%)

Keywords

    Orthodoxy, Institution, Bukovina, Periphery, Habsburg Monarchy, Regional/National Identity

Abstract Endbericht

Im Zuge der Josephinischen Reformen kam es im gesamten habsburgischen Herrschaftsbereich im Rahmen eines weiter greifenden Säkularisierungsprozesses zur Auflösung von Klöstern bzw. zur grundlegenden Umgestaltung kirchlichen Eigentums. Die Bukowina stand zum diesem Zeitpunkt als junge Provinz des Habsburgerreiches unter militärischer Direktverwaltung Wiens. Die orthodoxe Kirche war im Land als Konfession dominierend und ebenso von den Umgestaltungen betroffen. Ein wesentlicher Teil der kaiserlichen Politik zielte auf die Arrondierung und Ausrichtung dieser Kirche auf die neuen territorialen Gegebenheiten des Habsburgerreiches ab, sodass bereits 1783 ein dezidiert der Bukowina zugeordneter griechisch-orientalischer Religionsfonds eingerichtet wurde. Diese Institution war damit völlig im Gegensatz zum "allgemeinen" "Wiener" Religionsfonds nicht nur auf eine andere Konfession abgestimmt, sondern von Beginn an regional verankert. Über seine wachsende wirtschaftliche Bedeutung als größter Grundbesitzer der Bukowina und seinen zunehmenden Einfluss entwickelte sich diese Institution bis zu ihrer Auflösung 1949 zu einem die Region maßgeblich prägenden Faktor. Die erstmalige grundlegende und quellenbasierte Analyse des Religionsfonds in seiner Bedeutung für die Gestaltung, Entwicklung und über die Religion gesteuerten Nationalisierung der Region "Bukowina" sowohl als Teil der Habsburgermonarchie (1774-1918) als auch als Teil Großrumäniens (1918-1949) ist zentraler Gegenstand des Forschungsprojektes.

Der griechisch-orientalische Religionsfond der Bukowina war ein Resultat Josephinischer Kirchenpolitik. Einerseits verfolgte diese eine territoriale Neukonzeption der historischen Bistumsgrenzen in dieser Region. Der moderne Verwaltungsstaat verlangte klare Grenzen. Dass im eigenen Herrschaftsgebiet kirchliche Institutionen tätig waren, deren Metropolit jenseits der Grenze im moldauischen Jassy saß, konnte Wien nicht akzeptieren. Andererseits besaß der Kaiser klare Vorstellungen, wie sich die Kirche in den Staat nützlich einzubringen hatte. Die kirchliche Selbstverwaltung ihrer Güter erschien aus dem Blickwinkel des Reformers nicht effizient. So wurde in der Bukowina aus den Kirchengütern ein Fond gespeist. Aus diesem waren in erster Linie alle nötigen Ausgaben für die Kirche selbst als auch für das Volksschulwesen des Landes zu decken. Die Frage des letztlichen Eigentums und der Verfügungsgewalt über dieses Vermögen blieb indes bis zum Ende der Monarchie in der Schwebe. Hier setzte sich eine pragmatische Lösung zugunsten des Staates durch: das Eigentum blieb de jure kirchlich, die Verfügung darüber unterlag jedoch einem steten Aushandlungsprozess zwischen Kirche und Staat. Die Letztentscheidung behielt sich der Landesherr der Kaiser in Wien der als höchste Instanz des Religionsfonds unbestritten akzeptiert wurde, vor.Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatten sich diese Strukturen einigermaßen gesetzt. Die zunächst innerkirchliche Diskussion über die Mitbestimmung der Gläubigen die ohne Zweifel auch den Fond berührt hätte mündete schließlich in eine über die Nationalisierung von Kirche und Fond. Einzelne Erzbischöfe (die Bukowina erhielt 1873 den Rang einer Metropolie) definierten sowohl die nicht unierte orthodoxe Kirche des Kronlandes als eine genuin rumänische als auch deren Besitzstand. Diese Situation traf, vor dem Hintergrund einer emotional nationalisierten Politik und Öffentlichkeit der Bukowina, auf einen fruchtbaren Boden. Rumänische Interessen standen zunehmend unversöhnlich ruthenischen Ansprüchen gegenüber. In wirtschaftlicher Hinsicht hatte sich der Religionsfond nicht zuletzt auf Grund der verbesserten Infrastruktur, etwa des Anschlusses an internationale Märkte durch das Eisenbahnnetz zum wirtschaftlich potentesten Player des Kronlandes entwickelt. Der Staat wusste dies gezielt für die Modernisierung der Bukowina einzusetzen.Bis 1914 konnten durch die ausgleichende Haltung der Behörden nationale Konflikte innerhalb von Kirche und Fond weitgehend eingehegt werden. Nach 1918 war diese Situation mit dem Anschluss der Bukowina an das Königreich Rumänien geklärt. Der rumänische Staat regierte jedoch weit mehr als zuvor Wien in kirchliche Angelegenheiten hinein. Die Selbständigkeit des Religionsfonds unterlag faktisch den Direktiven aus Bukarest. In Verbindung mit der allgemeinen ökonomischen Krise Ende der 1920-Jahre führte das zu einer wirtschaftlichen wie strukturellen Dauerkrise des Religionsfonds. Selbst der energische Versuch von Erzbischof V. Puiu, die Eigenständigkeit von Kirche und Fond in der Bukowina wieder herzustellen, schlug schließlich fehl. Zudem verhinderte der Zweite Weltkrieg eine geordnete Entwicklung. Mehrfache Evakuierungen und die Kriegswirtschaft fügten dem Fond erheblichen Schaden zu. Mit der kommunistischen Machtübernahme 1948 wurde der Religionsfond der Bukowina endgültig aufgelöst und dessen Vermögen in Staatseigentum überführt. Dessen Neugründung nach 1989 durch die Diözese der (rumänischen) Bukowina beschäftigt sich seit mehr als zwei Jahrzehnten rumänische Gerichte mit der Restitution. Die ursprüngliche Konzeption eines kirchlichen Landesfonds mit gemeinsamer Verwaltung wie Kontrolle von Kirche und Staat ist allerdings nicht Teil dieser Politik.

Forschungsstätte(n)
  • Österreichische Akademie der Wissenschaften - 100%

Research Output

  • 4 Zitationen
  • 12 Publikationen
Publikationen
  • 2016
    Titel Ansichten eines Unverstandenen? Der Historiker Raimund F. Kaindl (1866-1930).
    Typ Conference Proceeding Abstract
    Autor Scharr K
    Konferenz Alois KERNBAUER (Hrsg.), Wissenschafts- und Universitätsgeschichtsforschung am Archiv. Österreichisches Universitätsarchivkolloquium 14. und 15. April 2015, Beiträge (=Publikationen aus dem Archiv der Universität Graz 45)
  • 2016
    Titel Im Anderen das Eigene. Die außenpolitischen Ereignisse der Jahre 1905 und 1907 in der Czernowitzer Allgemeinen Zeitung.
    Typ Journal Article
    Autor Scharr K
  • 2016
    Titel Der Josephinismus. Ein regional wenig erforschtes Phänomen?
    Typ Journal Article
    Autor Scharr K
    Journal Transylvanian Review
  • 2015
    Titel Zeit-Reisen. Von Baedekers Russland in die Sowjetunion von A. Sandor Rado -oder vom Wechsel touristischer Perspektiven.
    Typ Book Chapter
    Autor A. Zink & S. Koroliov (Hrsg.)
  • 2015
    Titel "Vom Standpunkt des Österreichers und Historikers". Leben und Werk des Ferdinand Zieglauer von Blumenthal (1829-1906).
    Typ Journal Article
    Autor Scharr K
    Journal A. CORBEA-HOISIE & S. P. SCHEICHL (Hrsg.), Kulturen an 'Peripherien' Mitteleuropas (am Beispiel der Bukowina und Tirols) (=Jassyer Beiträge zur Germanistik XVIII), Iasi-Konstanz.
  • 2015
    Titel Die Bukowina als historische Region.
    Typ Book Chapter
    Autor O. J. Schmitt & M. Metzeltin (Hrsg.)
  • 2015
    Titel Der Franziszeische Kataster im Kronland Bukowina. Czernowitzer Kreis (1817-1865) : Statistik und Katastralmappen
    DOI 10.26530/oapen_578176
    Typ Book
    Autor Scharr K
    Verlag OAPEN Foundation
    Link Publikation
  • 2014
    Titel Fondul religionar greco-oriental din Bucovina - Batalie Culturala si conctruct national n lumina unei institutii.
    Typ Journal Article
    Autor Scharr K
    Journal Anuarul Institutului de Istorie "George Baritiu" din Cluj-Napoca / Yearbook of the "George Baritiu" Institute of History of Cluj-Napoca LIII Series Historica
  • 2014
    Titel Der Wiener Hof und die Expansionspolitik St. Petersburgs in Südosteuropa an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert.
    Typ Conference Proceeding Abstract
    Autor Scharr
    Konferenz Gh. CLIVETI & Gh. COJOCARU (Hrsg.), Basarabia. Problema Nationala, Implicatii Internationale. Materialele Conferintei stiintifice Internationale 14-16 mai 2012 Chisinau, Bucuresti
  • 2012
    Titel Mythos Czernowitz. Eine Suche nach Ursprüngen.
    Typ Journal Article
    Autor Scharr K
    Journal Transylvanian Review (Mirror Histories The Romanians as Seen by Themselves or by Others Throughout the Centuries, ed. by D. Mârza & L. Lapadatu)
  • 0
    Titel Der Franziszeische Kataster im Kronland Bukowina. Czernowitzer Kreis (1817-1865). Statistik und Katastralmappen (= Veröffentlichungen der Kommission für Neuere Geschichte Österreichs 112).
    Typ Other
    Autor Scharr K
  • 2013
    Titel Der griechisch-orientalische Religionsfonds der Bukowina als regionaler Modernisierungsfaktor. Das Beispiel Jakobeny.
    Typ Journal Article
    Autor Scharr K
    Journal ÖGL (Themenheft Historische Regionen der östlichen Habsburgermonarchie - ein Vergleich)

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