Die Hebräische Bibel im ´jüdisch-christlichen´ Dialog in Ö und D nach 1945
The Hebrew Bible in ´Jewish-Christian´ Dialogue in Austria and Germany after 1945
Wissenschaftsdisziplinen
Philosophie, Ethik, Religion (85%); Sprach- und Literaturwissenschaften (15%)
Keywords
-
'Jewish-Christian' Dialogue,
Feminist exegesis,
Hebrew Bible versus Old Testament,
Austria and Germany after 1945,
Anti-Judaism
Für die christliche Theologie markiert die Tragödie der Shoa einen entscheidenden Wendepunkt in der Definition ihrer Haltung zum Judentum und damit zum ersten Teil ihrer Heiligen Schriften, dem Alten Testament bzw. der Hebräischen Bibel. Nach 1945 wurden sich die christlichen Kirchen erst allmählich ihrer Aufgabe bewusst, sich der eigenen, jahrhundertelangen antijüdischen Tradition zu stellen. Erst langsam erkannten sie, welche Mitschuld der christliche Antijudaismus und das vielfache Schweigen der Kirchen an den Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes trugen. Erst in Reaktion auf die nationalsozialistische Schreckenszeit fand ein gesellschaftliches - und auch theologisches - Umdenken statt. Ein wesentliches Resultat dieses Umdenkprozesses stellt der "jüdisch- christliche" Dialog dar. Ziel des Projektes "Die Hebräische Bibel im `jüdisch-christlichen` Dialog in Deutschland und Österreich nach 1945" ist es, die Verwendung und Bedeutung biblischer, insbesondere alttestamentlicher Texte im Dialogprozess an der Basis zu erforschen und zudem die Rezeption des Dialogs sowie seine Auswirkung in der alttestamentlichen Wissenschaft nach 1945 exemplarisch darzustellen. Das Projekt leistet damit auch eine Bestandsaufnahme der historischen Entwicklung des Gesprächs zwischen Judentum und Christentum sowie eine Analyse der Beweggründe sowohl der christlichen als auch der jüdischen Akteurinnen und Akteure, sich am Dialog zu beteiligen. Der Schwerpunkt der Projektarbeit wird in der Untersuchung der Relevanz der Hebräischen Bibel - der zentralen Gesprächsgrundlage zwischen dem Judentum und Christentum - für den Dialog an der Basis nach 1945 liegen, wobei als Grundlage dazu vor allem ausgewählte "jüdisch-christliche" Bibelwochen im deutschsprachigen Raum vergleichend erforscht werden sollen. Als eine wesentliche Konsequenz des "jüdisch-christlichen" Dialogs wird das Projekt exemplarisch eine Forschungsgeschichte der alttestamentlichen Wissenschaft im deutschsprachigen Raum nach 1945 in Bezug auf ihr Bemühen, antijüdische Tendenzen zu erkennen, zu benennen und zu überwinden, erarbeiten. Konkret werden dabei jeweils die Forschungen eines katholischen und eines evangelischen Exegeten sowie die in Hinblick auf christlichen Antijudaismus und dessen Überwindung zentralen Themen "Alter Bund - Neuer Bund" sowie die für die feministische Theologie brisante Frage nach "Gottesbild, Gewalt und Patriarchat" im Fokus der Analyse stehen. Die Arbeit soll sich dabei nicht in einer Bestandsaufnahme erschöpfen, sondern auch die gegenwärtige Situation beleuchten und davon ausgehend mögliche zukünftige Arbeitsfelder für die "jüdisch- christliche" Zusammenarbeit aufzeigen.
Als das wichtigste Ereignis des 20. Jahrhunderts bezeichnete der israelische Schriftsteller Yoram Kaniuk 1991 den jüdisch-deutschen Dialog. Dies trifft wohl für den gesamten Dialogprozess zwischen Christentum und Judentum zu: Die Bedeutung eines erneuerten jüdisch-christlichen Verhältnisses nach der Schoah kann nach einer jahrhundertelangen Geschichte von christlichem Antijudaismus nicht hoch genug veranschlagt werden. Das Forschungsprojekt widmete sich der Dokumentation dieses Neubeginns an der Basis und zeigte wesentliche Entwicklungslinien des jüdisch-christlichen Gesprächs in den beiden postnationalsozialistischen Ländern Deutschland und Österreich auf. Der theologische Erneuerungsprozess nach 1945 vollzog sich im Wesentlichen auf zwei Ebenen: auf der Ebene der offiziellen Beziehungen zwischen den Kirchen und der jüdischen Gemeinschaft sowie auf der Ebene des jüdisch-christlichen Gesprächs an der Basis. Dialoginitiativen, die sich in unterschiedlichen Bildungshäusern oder im universitären Rahmen etablierten, schufen dabei einzigartige Orte der jüdisch-christlichen Begegnung.Vier Initiativen standen im Mittelpunkt des Projekts: die Internationale Jüdisch-Christliche Bibelwoche (19692003 in Bendorf, seit 2004 in Georgsmarienhütte), die Österreichische Christlich-Jüdische Bibelwoche (19822007 in Graz), das Christlich-Jüdische Ferienkolleg (19832012 in Nettetal, Aachen und Baesweiler-Puffendorf) sowie die Christlich-Jüdische Sommeruniversität (seit 1987 in Berlin). Bei aller Unterschiedlichkeit der Dialogformate hatten alle Initiativen eine gemeinsame Grundlage: die Hebräische Bibel bzw. das Alten Testament. Diese gemeinsame Glaubensurkunde des Judentums und des Christentums wurde zum Gesprächs- und Begegnungsfundament par excellence und begründet die Einzigartigkeit des jüdisch-christlichen Gesprächs im Kontext des interreligiösen Dialogs.Wesentliche Teile der Projektarbeit basieren auf der Sichtung von Erinnerung, auf mündlich erzählter Geschichte. 115 Akteurinnen und Akteure des jüdisch-christlichen Gesprächs gaben als Zeitzeuginnen und Zeitzeugen Einblicke in die Praxis des Dialogs. In einer Rückschau konstituierte sich aus ihren Erfahrungen ein multiperspektivisches Bild des Dialoggeschehens. Zwei internationale Tagungen mit Expertinnen und Experten des jüdisch-christlichen Gesprächs vervollständigten die Projektergebnisse: Während ein Forschungskolloquium in die Vergangenheit blickte und den Paradigmenwechsel in der Theologie der letzten Jahrzehnte in Bezug auf Judentum und Hebräische Bibel exemplarisch dokumentierte, widmete sich eine zweite Tagung gegenwärtigen Aspekten und zukünftigen Perspektiven des jüdisch-christlichen Gesprächs in Mitteleuropa.Als Folgeprojekt in Bezug auf die Wissenschaftskommunikation werden die Projektleiterin und -mitarbeiterin 2017 die Österreichische Christlich-Jüdische Bibelwoche mit einem internationalen interreligiösen Board neu beleben.
- Universität Graz - 100%
- Hans Hermann Henrix, Sonstige Forschungs- oder Entwicklungseinrichtungen - Deutschland
Research Output
- 3 Zitationen
- 9 Publikationen
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2015
Titel "... als brenne in meinem Herzen ein Feuer ..." (Jer 20,9). Prophetische Schriften in jüdisch-christlichen Dialoginitiativen an der Basis - eine exemplarische Sichtung. Typ Journal Article Autor Petschnigg E -
2013
Titel Von der Vorgeschichte zur Nachgeschichte: Schriftauslegung in der Schrift – Intertextualität – Rezeption DOI 10.1515/zaw-2013-0008 Typ Journal Article Autor Fischer I Journal Zeitschrift für die Alttestamentliche Wissenschaft Seiten 143-160 -
2011
Titel Feministische Theologie im Kontext des "jüdisch-christlichen" Dialogs am Beispiel des Christlich-Jüdischen Ferienkollegs in Nettetal 1989. Typ Journal Article Autor Petschnigg E Journal Karl-Franzens-Universität Graz (Hg.): Erstausgabe. Veröffentlichungen junger Wissenschafter-Innen der Karl-Franzens-Universität Graz. Graz. -
2014
Titel Bibel- und Antikenrezeption. Eine Einführung zu einer interdisziplinären Annäherung. Typ Book Chapter Autor Fischer I -
2014
Titel Forschungsgeschichte als Rezeptionsgeschichte in nuce. Typ Conference Proceeding Abstract Autor Fischer I Konferenz Christl M. Maier (Hg.): Congress Volume Munich 2013, Leiden 2014 -
2014
Titel Weisheitsschriften im "jüdisch-christlichen" Dialog an der Basis. Eine exemplarische Praxisanalyse. Typ Journal Article Autor Petschnigg E -
2013
Titel Forschungsgeschichte als Rezeptionsgeschichte in nuce. Typ Conference Proceeding Abstract Autor Fischer I Konferenz Congress Volume Munich 2013, Leiden, 182-216 -
2013
Titel Die Bibel ist das, was eint. Typ Journal Article Autor Petschnigg E Journal Theologicum (Juni 2013) -
0
Titel Der "jüdisch-christliche" Dialog veränderte die Theologie. Ein Paradigmenwechsel aus ExpertInnensicht, Wien 2016 Typ Other Autor Fischer I