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Missbrauch in Institutionen und psychosoziale Langzeitfolgen

Institutional Abuse: The Long-Term Consequences for Mental Health

Brigitte Lueger-Schuster (ORCID: 0000-0003-0784-8437)
  • Grant-DOI 10.55776/P26584
  • Förderprogramm Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.06.2014
  • Projektende 30.09.2017
  • Bewilligungssumme 449.242 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Andere Humanmedizin, Gesundheitswissenschaften (25%); Klinische Medizin (25%); Psychologie (50%)

Keywords

    Psychotraumatology, Complex (Ptsd), Institutional Abuse, Resilience, Mental Health

Abstract Endbericht

Die Studie bezieht sich auf Institutionellen Missbrauch (IM) und beabsichtigt die empirische Untermauerung psychotraumatologisch relevanter Konstrukte. Empirische Belege für fundamentale Fragen im Gegenstandsbereich der Forschung fehlen, obwohl Pflege- und Heimkinder als vulnerabel und Unterbringungssysteme als riskant für Missbrauchsentwicklungen gelten. In den Biographien der Kinder finden sich häufig zusätzliche familiäre Risikofaktoren. Nur wenige Studien haben bislang die biopsychosozialen Langzeitfolgen für diese Gruppe untersucht. Beinahe 1200 Fälle von Betroffenen von IM in Einrichtungen der Stadt Wien, die sich bei der Wiener Opferschutzkommission gemeldet haben, stellen die Population dieser Studie dar. Die Studienteilnahme erfolgt freiwillig und die Betroffenen werden einer stratifiziert erhobenen Kontrollgruppe aus der Allgemeinbevölkerung gegenübergestellt. Ethische Standards im Umgang mit vulnerablen Gruppen werden eingehalten. Die Hauptforschungsfragen beschäftigen sich (1) mit spezifischen Aspekten des IMs, indem vorherige familiäre Risikofaktoren, die erlebte institutionelle Gewalt sowie Faktoren, die zur Vorhersage bestimmter Formen des Missbrauchs beitragen, analysiert werden. Das Vorliegen von Risikofaktoren wird mit der Kontrollgruppe verglichen. (2) Die Langzeit-Folgen des erlebten IMs werden auf Basis des biopsychosozialen Modells untersucht. Psychische Störungen (insbesondere Traumafolgestörungen; Neuerungen in den gängigen Klassifikationssystemen ICD-10 bzw. ICD-11 sowie DSM-IV bzw. DSM-5 finden besondere Beachtung), Cortisollevel als Langzeitstress-Indikator und soziale Aspekte wie Brüche in der Lebensgeschichte finden Beachtung. In der letzten Forschungsfrage gehen wir der Frage nach, ob (3) bestimmte Formen von IM mit spezifischen Aspekten der psychischen Gesundheit einhergehen und validieren die gefundenen Ergebnisse anhand eines Vergleichs mit der Kontrollgruppe. Um eine umfassende Erfassung der Inhalte zu ermöglichen, wird Information auf mehreren Ebenen erhoben und integriert: Einerseits besteht die einzigartige Möglichkeit, Zugang zu Berichten der dafür zuständigen Kommission und zu Daten des Wiener Jugendamtes zu bekommen. Andererseits werden reliable und valide psychologische Diagnose- und Testverfahren (SKID I & II, Traumaschwere-Indices, weitere Fragebögen) zum Einsatz gebracht., Um den Betroffenen zu ermöglichen, dass sie ihre subjektive Sicht über die Geschehnisse äußern, wird das Vorgehen durch qualitative Interviews ergänzt und diese mit den standardisiert erhobenen Daten verglichen. Die Dokumente und Daten der Fragebögen werden mit entsprechenden statistischen Methoden ausgewertet und die Interviews mittels qualitativer Inhaltsanalyse aggregiert. Mit dem vorliegenden Forschungsvorhaben können ungeklärte Fragen im Bereich des IMs erstmals auf Basis eines multimethodischen Ansatzes analysiert werden.

Ziel dieses Projektes war es, die psychosozialen Langzeitfolgen institutioneller Gewalt in Einrichtungen der Wiener Jugendwohlfahrt zu untersuchen. Nach schriftlicher Zustimmung wurden die Teilnehmer durch das Forschungsteam kontaktiert. Es gab zwei Formen der Teilnahme am Projekt: a) passive Teilnahme (Analyse der Clearingberichte und der Akten der Jugendwohlfahrt, b) aktive Teilnahme, bei der zusätzlich Interviews und psychologische Tests durchgeführt wurden. Die Vergleichsgruppe umfasste Personen, die nicht in Heimen untergebracht waren. 417 Betroffene stimmten der Analyse der Clearingberichte und Akten zu. Auffallend war, dass rund 70% der Betroffenen in mehreren Heimen untergebracht waren. Nahezu alle erlitten körperliche und emotionale Gewalt, und mehrheitlich sexuelle Gewalt. Die Aktenanalyse zeigte eine sehr auffällige und abwertende Ausdrucksweise. Gründe für die Abnahme waren z. B. Gefährdung, Erziehungsnotstand. Insgesamt konnten die Testdaten von 220 ehemaligen Heimkindern ausgewertet werden, es nahmen 46 Betroffene an Tiefeninterviews teil. Das Durchschnittsalter der StudienteilnehmerInnen in der Vergleichsgruppe lang bei circa 60 Jahren. Männer waren stärker vertreten, in der Vergleichsgruppe Frauen. Das Bildungsniveau in der Gruppe der Betroffenen war im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung und zur Vergleichsgruppe niedriger. Die Vergleichsgruppe bestand aus 234 Personen. Nahezu alle Betroffenen erlitten vielfache Formen von Gewalt, inclusive sexueller Gewalt. Im Vergleich zeigte sich, dass Betroffene bereits deutlich mehr Missbrauch in der Ursprungsfamilie erlebten. Aktuell bzw. lebenszeitlich litten sehr viele an psychischen Störungen (PTBS, Suchterkrankungen bzw. Depressionen). Signifikant weniger Personen der Vergleichsgruppe litten aktuell oder lebenszeitlich an einer psychischen Erkrankung. Bei den Betroffenen zeigte sich ein höheres Ärgererleben, das auch für die Entstehung von mit Ärger und Aggression in Zusammenhang stehenden Problemen relevant ist. Es wurde eine geringere Selbstwirksamkeit sowie ein geringerer Selbstwert beobachtet. Dies erschwerte den Betroffenen, an sich selbst und die eigenen Erfolge zu glauben, und verstärkt in Konsequenz die psychische Belastung. Für viele Betroffenen ist es schwer, in Psychotherapie zu gehen. Sie berichteten von zahlreichen Hindernissen, die sich auch in einer systematischen Literaturaufarbeitung zeigten. Auch förderliche Bedingungen wurden beschrieben, wie z.B. eine Kostenübernahme der Psychotherapie. In den letzten Jahren wurde Kortisol, das mit Stress in Verbindung steht, im Haar nachgewiesen. Kortisol wurde bei PTBS als verminderter Wert beobachtet. Wir fanden keinen Zusammenhang zwischen der erlebten Gewalt, der aktuellen psychischen Belastung und dem Kortisolspiegel. Es ist anzunehmen, dass diese Zusammenhänge komplexer sind als bisher vermutet

Forschungsstätte(n)
  • Universität Wien - 100%
Internationale Projektbeteiligte
  • Clemens Kirschbaum, Technische Universität Dresden - Deutschland
  • Marina Ajdukovic, Universität Zagreb - Kroatien
  • Ulrich Schnyder, Universitätsspital Zürich - Schweiz

Research Output

  • 661 Zitationen
  • 20 Publikationen
Publikationen
  • 2022
    Titel Barriers and facilitators to accessing mental health services after child maltreatment in foster care: An Austrian survivors’ perspective
    DOI 10.1016/j.ejtd.2021.100228
    Typ Journal Article
    Autor Kantor V
    Journal European Journal of Trauma & Dissociation
    Seiten 100228
    Link Publikation
  • 2018
    Titel Additional file 2: of Coming to terms with oneself: a mixed methods approach to perceived self-esteem of adult survivors of childhood maltreatment in foster care settings
    DOI 10.6084/m9.figshare.7096997
    Typ Other
    Autor Lueger-Schuster B
    Link Publikation
  • 2018
    Titel Additional file 2: of Coming to terms with oneself: a mixed methods approach to perceived self-esteem of adult survivors of childhood maltreatment in foster care settings
    DOI 10.6084/m9.figshare.7096997.v1
    Typ Other
    Autor Lueger-Schuster B
    Link Publikation
  • 2018
    Titel Additional file 1: of Coming to terms with oneself: a mixed methods approach to perceived self-esteem of adult survivors of childhood maltreatment in foster care settings
    DOI 10.6084/m9.figshare.7096985
    Typ Other
    Autor Lueger-Schuster B
    Link Publikation
  • 2018
    Titel Additional file 1: of Coming to terms with oneself: a mixed methods approach to perceived self-esteem of adult survivors of childhood maltreatment in foster care settings
    DOI 10.6084/m9.figshare.7096985.v1
    Typ Other
    Autor Lueger-Schuster B
    Link Publikation
  • 2019
    Titel A Cross-Cultural Comparison of ICD-11 Complex Posttraumatic Stress Disorder Symptom Networks in Austria, the United Kingdom, and Lithuania
    DOI 10.1002/jts.22361
    Typ Journal Article
    Autor Knefel M
    Journal Journal of Traumatic Stress
    Seiten 41-51
    Link Publikation
  • 2020
    Titel Emotion regulation strategies, self-esteem, and anger in adult survivors of childhood maltreatment in foster care settings
    DOI 10.1016/j.ejtd.2020.100163
    Typ Journal Article
    Autor Weindl D
    Journal European Journal of Trauma & Dissociation
    Seiten 100163
    Link Publikation
  • 2023
    Titel A network analysis of anger, shame, proposed ICD-11 post-traumatic stress disorder, and different types of childhood trauma in foster care settings in a sample of adult survivors
    DOI 10.6084/m9.figshare.21829623
    Typ Other
    Autor Glück T
    Link Publikation
  • 2023
    Titel A network analysis of anger, shame, proposed ICD-11 post-traumatic stress disorder, and different types of childhood trauma in foster care settings in a sample of adult survivors
    DOI 10.6084/m9.figshare.21829623.v1
    Typ Other
    Autor Glück T
    Link Publikation
  • 2018
    Titel Differential Evolution of the Epidermal Keratin Cytoskeleton in Terrestrial and Aquatic Mammals
    DOI 10.1093/molbev/msy214
    Typ Journal Article
    Autor Ehrlich F
    Journal Molecular Biology and Evolution
    Seiten 328-340
    Link Publikation
  • 2018
    Titel Coming to terms with oneself: a mixed methods approach to perceived self-esteem of adult survivors of childhood maltreatment in foster care settings
    DOI 10.1186/s40359-018-0259-7
    Typ Journal Article
    Autor Weindl D
    Journal BMC Psychology
    Seiten 47
    Link Publikation
  • 2017
    Titel Child abuse and neglect in institutional settings, cumulative lifetime traumatization, and psychopathological long-term correlates in adult survivors: The Vienna Institutional Abuse Study
    DOI 10.1016/j.chiabu.2017.12.009
    Typ Journal Article
    Autor Lueger-Schuster B
    Journal Child Abuse & Neglect
    Seiten 488-501
    Link Publikation
  • 2017
    Titel Investigating institutional abuse survivors’ help-seeking attitudes with the Inventory of Attitudes towards Seeking Mental Health Services
    DOI 10.1080/20008198.2017.1377528
    Typ Journal Article
    Autor Kantor V
    Journal European Journal of Psychotraumatology
    Seiten 1377528
    Link Publikation
  • 2017
    Titel Motivational capacities after prolonged interpersonal childhood trauma in institutional settings in a sample of Austrian adult survivors
    DOI 10.1016/j.chiabu.2017.11.001
    Typ Journal Article
    Autor Weindl D
    Journal Child Abuse & Neglect
    Seiten 194-203
    Link Publikation
  • 2017
    Titel A network analysis of anger, shame, proposed ICD-11 post-traumatic stress disorder, and different types of childhood trauma in foster care settings in a sample of adult survivors
    DOI 10.1080/20008198.2017.1372543
    Typ Journal Article
    Autor Glück T
    Journal European Journal of Psychotraumatology
    Seiten 1372543
    Link Publikation

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