Staatsbildung und Lokalverwaltung in imperialen Grenzräumen, ca. 1800-1900
State-Building and Local Administration in Imperial Border Regions, c. 1800-1900
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (100%)
Keywords
-
State-building,
Bosnia,
Government,
Ottoman Empire,
Serbia,
Local Administration
Im Laufe des 19. Jahrhunderts gingen aus territorialen Verlusten des Osmanischen Reiches in Südosteuropa sechs neue so genannte Nationalstaaten hervor: Serbien, Griechenland, Rumänien, Montenegro, Bulgarien und Albanien waren die Sieger im äußerst kompetitiven Wettlauf um moderne Staatlichkeit. Ein derartiges Ergebnis war weder vollkommen zufällig noch komplett vorherbestimmt. Die Staatsbildungen wurden in hohem Masse von den Interessen der europäischen Pentarchie beeinflusst und vorangetrieben. Es waren die Großmächte, die den außen- und innenpolitischen Spielraum der autonomen bzw. selbständigen Gebilde vorgaben. In der bisherigen Literatur wurden diese Staatsgründungen oft aus einem engen nationalen Blickwinkel betrachtet und die osmanische Periode wurde als fremdes Ancien Régime wahrgenommen. In diesem Projekt indes wird eine Perspektivenerweiterungvorgeschlagen:Neben der Berücksichtigung der europäischen Mächtekonkurrenz muss die Geschichte des Balkans im 19. Jahrhundert auch als Teil der osmanischen Moderne verstanden werden. Es soll versucht werden, den langsamen (aber nicht unausweichlichen) Niedergang des Osmanischen Reiches mit der schwierigen Geburt von so genannten Nationalstaaten auf dem Balkan zu verweben. Sarajevo und Belgrad wurden ausgewählt, um die Veränderungen im Bereich der Lokalverwaltung im Laufe des 19. Jahrhunderts zu untersuchen. Im Sinne einer longue-durée-Studie sollen flexible, aber bewusst zufällig gewählte Querschnitte um die Jahre 1800, 1850 und 1900 synchrone und diachrone Vergleiche ermöglichen und Voreingenommenheit durch historische Meilensteine verhindern bzw. diese auch zu hinterfragen. Um sowohl die Dynamiken auf lokaler Ebene zu erfassen als auch auf die Zufälligkeit historischer Abläufe hinzuweisen, stellen in diesem Projekt Sarajevo und Belgrad in klassischen imperialen Grenzräumen gelegen und nicht heute bestehende Nationalstaaten die grundlegende Analysekategorie dar. Der innovative Ansatz dieses Projektes besteht u. a. darin, Herrschaftsstrukturen vor Ort zu analysieren, den modernen Staatsbildungsprozess (auch und gerade) jenseits ethno-nationaler Loyalitäten zu begreifen, um damit jener analytischen Falle auszuweichen, die Rogers Brubaker so treffend mit groupism bezeichnet hat. Die nach wie vor dominante Dichotomie zwischen einheimischen Christen und fremden Muslimen soll ebenfalls hinterfragt werden. Der Forschungsfragekomplex lautet daher, wie sich der Staatsbildungsprozess sowie die Um- und Herausbildung von Verwaltungsstrukturen vor Ort im Spannungsfeld von internationalen Befindlichkeiten, imperialen Ansprüchen, nationalen Aspirationen und lokalen Traditionen präsentierte. Es wird untersucht, ob und inwiefern der Anspruch von oben, staatliche Strukturen zu etablieren, umgesetzt werden konnte und in welchem Ausmaß lokale Entwicklungen ihrerseits Anlass für internationale, imperiale und nationale Reaktionen boten.
Im Laufe des 19. Jahrhunderts gingen aus territorialen Verlusten des Osmanischen Reiches in Südosteuropa sechs neue so genannte "Nationalstaaten" hervor: Serbien, Griechenland, Rumänien, Montenegro, Bulgarien und Albanien waren die Sieger im äußerst kompetitiven Wettlauf um moderne Staatlichkeit. Ein derartiges Ergebnis war weder vollkommen zufällig noch komplett vorherbestimmt. Die Staatsbildungen wurden in hohem Masse von den Interessen der europäischen Pentarchie beeinflusst und vorangetrieben. Es waren die Großmächte, die den außen- und innenpolitischen Spielraum der autonomen bzw. selbständigen Gebilde vorgaben. In der bisherigen Literatur wurden diese Staatsgründungen oft aus einem engen nationalen Blickwinkel betrachtet und die osmanische Periode wurde als fremdes Ancien Régime wahrgenommen. In diesem Projekt indes wird eine Perspektivenerweiterung vorgeschlagen: Neben der Berücksichtigung der europäischen Mächtekonkurrenz muss die Geschichte des Balkans im 19. Jahrhundert auch als Teil der osmanischen Moderne verstanden werden. Es soll versucht werden, den langsamen (aber nicht unausweichlichen) Niedergang des Osmanischen Reiches mit der schwierigen Geburt von so genannten Nationalstaaten auf dem Balkan zu verweben. Sarajevo und Belgrad wurden ausgewählt, um die Veränderungen im Bereich der Lokalverwaltung im Laufe des 19. Jahrhunderts zu untersuchen. Im Sinne einer longue-durée-Studie sollen flexible, aber bewusst zufällig gewählte Querschnitte um die Jahre 1800, 1850 und 1900 synchrone und diachrone Vergleiche ermöglichen und Voreingenommenheit durch historische Meilensteine verhindern bzw. diese auch zu hinterfragen. Um sowohl die Dynamiken auf lokaler Ebene zu erfassen als auch auf die Zufälligkeit historischer Abläufe hinzuweisen, stellen in diesem Projekt Sarajevo und Belgrad - in klassischen imperialen Grenzräumen gelegen - und nicht heute bestehende Nationalstaaten die grundlegende Analysekategorie dar. Der innovative Ansatz dieses Projektes besteht u. a. darin, Herrschaftsstrukturen vor Ort zu analysieren (Lokalverwaltung), den modernen Staatsbildungsprozess (auch und gerade) jenseits ethno-nationaler Loyalitäten zu begreifen, um damit jener analytischen Falle auszuweichen, die Rogers Brubaker so treffend mit "groupism" bezeichnet hat. Die nach wie vor dominante Dichotomie zwischen "einheimischen Christen und fremden Muslimen" soll ebenfalls hinterfragt werden. Der Forschungsfragekomplex lautet daher, wie sich der Staatsbildungsprozess sowie die Um- und Herausbildung von Verwaltungsstrukturen vor Ort im Spannungsfeld von internationalen Befindlichkeiten, imperialen Ansprüchen, nationalen Aspirationen und lokalen Traditionen präsentierte. Es wird untersucht, ob und inwiefern der Anspruch "von oben", staatliche Strukturen zu etablieren, umgesetzt werden konnte und in welchem Ausmaß lokale Entwicklungen ihrerseits Anlass für internationale, imperiale und nationale Reaktionen boten.
- Nathalie Clayer, L´ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales - Frankreich
- Maurus Reinkowski, Universität Basel - Schweiz
- Vangelis Kechriotis, Bogazici University - Türkei
- Frederick Anscombe, Birkbeck College - Vereinigtes Königreich
Research Output
- 7 Zitationen
- 19 Publikationen
- 1 Weitere Förderungen
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2020
Titel Zwischen Sultan und Kaiser: Geschichte im Fluss; In: Donau. Menschen, Schätze & Kulturen. Eine Reise vom Schwarzen Meer zur Schallaburg Typ Book Chapter Autor Portmann Mp Seiten 99-106 -
2015
Titel Die Habsburgermonarchie und das Osmanische Reich Typ Book Autor Portmann Mp editors portmann mp -
2015
Titel Die Habsburgermonarchie und das Osmanische Reich. Nachbarschaft zwischen Krieg, Konfrontation und Koexistenz (16. bis 20. Jahrhundert); In: Die Habsburgermonarchie und das Osmanische Reich Typ Book Chapter Autor Portmann Mp Seiten 222-225 -
2015
Titel National Library of Bulgaria Typ Other Autor Uluisik Su Link Publikation -
2015
Titel Vojvodina; In: Das Südosteuropa der Regionen Typ Book Chapter Autor Portmann Mp Seiten 313-348 -
2015
Titel Die Habsburgermonarchie, das Osmanische Reich und die Orientalische Frage im 18. und 19. Jahrhundert; In: Die Habsburgermonarchie und das Osmanische Reich Typ Book Chapter Autor Reichl-Ham Crh Seiten 290-305 -
2015
Titel Die österreichischen Beziehungen mit dem Osmanischen Reich im Vormärz: Eine alternative Politik in der Orientalischen Frage Mehr Infos: https://www.state-building-balkans.net/en/publications/ Typ Other Autor Šedivý Mš -
2017
Titel Review of "Institutionen und Kultur in Südosteuropa" Typ Journal Article Autor Portmann Mp Journal Südost-Forschungen Seiten 338-340 -
2019
Titel The Ottoman Empire in the Tanzimat Era, Provincial Perspectives from Ankara to Edirne DOI 10.4324/9780429443589 Typ Book Autor Köksal Y Verlag Taylor & Francis -
2019
Titel Anton Prokesch Osten - (k)ein Seismograph für das Verhältnis zwischen Orient und Okzident; In: Anton Prokesch Osten. Sammler, Gelehrter und Vermittler zwischen den Kulturen Typ Book Chapter Autor Portmann Mp -
2019
Titel Von Fürst zu Fürst. Ein Brief von Prinz Miloš an Fürst Metternich Mehr Infos: https://www.state-building-balkans.net/en/publications/ Typ Other Autor Portmann Mp Link Publikation -
2019
Titel Tanzimat'ta Yolsuzluk, Arzuhaller ve Elit çi Kavgalar: Selanik'te Hac Tayyib Vakas Typ Journal Article Autor Vakali Av Journal Toplumsal Tarih Seiten 16-21 -
2019
Titel Review of "The Ottoman Empire in the Tanzimat Era. Provincial Perspectives from Ankara to Edirne" Typ Journal Article Autor Vakali Av Journal New Perspectives on Turkey Seiten 155-159 -
2016
Titel Herrschaft, Krieg und moderne Staatlichkeit: Das Osmanische Reich und Europa im Vergleich (15. bis 19. Jahrhundert); In: Orient und Okzident. Begegnungen und Wahrnehmungen auf fünf Jahrhunderten Typ Book Chapter Autor Portmann Mp -
2014
Titel Institutionen und Kultur in Südosteuropa DOI 10.3726/b11959 Typ Book Verlag Peter Lang, International Academic Publishers -
2018
Titel Review of "Crisis and Rebellion in the Ottoman Empire: The Downfall of a Sultan in the Age of Revolution" Typ Journal Article Autor Vakali Av Journal New Perspectives on Turkey Seiten 219-222 -
2018
Titel Review of "Whose Bosnia. Nationalism and Political Imagination in the Balkans, 1840-1914" Typ Journal Article Autor Portmann Mp Journal Südost-Forschungen Seiten 378-381 -
2018
Titel Donauschwaben. Deutsche Siedler in Südosteuropa Typ Book Autor Portmann Mp -
2018
Titel Empire, Province, and Power: Chorbadzhi (orbac) Networks in the Ottoman Empire, 1790s-1860s Typ Other Autor Uluisik Su Link Publikation
-
2017
Titel Richard Plaschka Fellowship Typ Fellowship Förderbeginn 2017