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Die Aufhebung historischen Unrechts und veränderte Umstände

Superseding Historical Injustice and Changed Circumstances

Lukas Meyer (ORCID: 0000-0001-5845-6084)
  • Grant-DOI 10.55776/P30084
  • Förderprogramm Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projektbeginn 02.10.2017
  • Projektende 01.10.2022
  • Bewilligungssumme 356.428 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Philosophie, Ethik, Religion (80%); Politikwissenschaften (10%); Rechtswissenschaften (10%)

Keywords

    Historical Injustice, Jeremy Waldron, Reparations, Settlement, Supersession, Intergenerational Justice

Abstract Endbericht

Der Vergangenheit zu begegnen bleibt ein wichtiges Problem. Vergangenes Unrecht hinterlässt häufig deutliche Spuren in der Gegenwart; viele Personen und Gruppen haben Nachteile aufgrund der fortwährenden Wirkungen historischen Unrechts. Entschädigung ist in vielen Fällen weder den Opfern des Unrechts noch ihren Nachfahren gewährt worden. Ungerechtigkeit dauert an, wenn Exil, traumatische Erfahrungen, Schädigungen des kollektiven Selbstverständnisses, Misstrauen und Auseinandersetzungen über sog. heilige Orte die Folge sind. Aus welchen Gründen sollten wir uns mit vergangenem Unrecht auseinandersetzen und sind Gerechtigkeitsüberlegungen hierfür relevant? Sollen wir uns aus Gründen der Gerechtigkeit um Schäden kümmern, die eine Gruppe oder eine Person in der Vergangenheit durch Unrecht erlitten haben, auch wenn es der Gruppe oder der Person heute gut geht, oder sollte Gerechtigkeit zukunftsorientiert sein und sich nur um gegenwärtige Nachteile kümmern? Wie wichtig sind aus der Perspektive der Gerechtigkeit die Beziehungen zwischen den Opfern und Tätern und ihren Nachfahren und ist Versöhnung ein Ziel? Wenn unter einigen Umständen eine Vergangenheitsorientierung angemessen ist und unter anderen Umständen eine Zukunftsorientierung, gemäß welcher Prinzipien sollen wir diese Orientierungen wählen und gegebenenfalls, dann nämlich, wenn die Umstände relevant andere sind, wechseln? Um diese Fragen zu beantworten, untersuchen und entwickeln wir die These, dass historisches Unrecht aufgehoben werden kann. Wenn es z.B. ungerecht war, indigene Völker 1865 von ihrem Land zu vertreiben, dann könnte es wegen veränderter Umstände man denke an Entwicklung der Bevölkerung und geänderte Umweltbedingungen 2016 ungerecht sein, das Land und die Ressourcen an die indigenen Völker zurückzugeben. Die vom Rechtsphilosophen Jeremy Waldron so genannte Aufhebungsthese ist extrem einflussreich unter Theoretikern/innen, gleich ob sie Reparationen für historisches Unrecht befürworten oder eher ablehnen. Was aber sind mögliche plausible Interpretationen der Aufhebungsthese? Wie kann Unrecht in verschiedenen Kontexten und mit Blick auf spezifische Fälle als aufgehoben gelten? Vier verschiedene Typen von Aufhebung werden im Projekt untersucht, nämlich mit Bezug auf (1) Eigentum, (2) besondere Beziehung zu einem Land in Fällen von Vertreibung, Genozid und Besetzung, (3) Gruppen-Identität und (4) Souveränität. Die Prinzipien, die wir entwickeln und unsere Urteile mit Blick auf spezifische Fälle mögen nicht in Übereinstimmung sein. Dann gilt es die Prinzipien und die Urteile so zu ändern, dass wir ein Überlegungsgleichgewicht erreichen, indem die Prinzipien die Urteile erklären und rechtfertigen können. Eine unserer Arbeitshypothesen ist, dass die Aufhebungsthese dem Problem der moralischen Versuchung ausgesetzt ist. Wenn veränderte Umstände die Gerechtigkeitsansprüche verändern, dann gibt es einen verkehrten Anreiz, nämlich mit ungerechten Mitteln die Umstände zu ändern. Außerdem nehmen wir an, dass Gruppenrechte anzuerkennen sind, wenn Versöhnung nicht wirklich möglich ist. Unser Ziel ist, eine Aufhebungstheorie zu entwickeln, welche den gegenwärtigen Bedürfnissen und historischen Ansprüchen ebenso Rechnung trägt wie der strukturellen Gerechtigkeit in den Beziehungen heute und zukünftig Lebender.

Hauptziel des FWF-Projekts "Die Aufhebung historischen Unrechts und veränderte Umstände" war es, die Aufhebungsthese (von Jeremy Waldron formuliert) kritisch weiterzuentwickeln und ihre Relevanz für das Verständnis bestimmter Fälle von historischem Unrecht zu untersuchen. Die Struktur der Aufhebungsthese lautet wie folgt: Wenn ein historisches Unrecht auftritt, das zu einer ungerechten Situation führt, können im Laufe der Zeit moralisch relevante Veränderungen der Umstände eintreten, so dass Gerechtigkeit keine Rückkehr zur vorherigen Situation erfordert. In unserem Projektvorschlag unterschieden wir zwei Möglichkeiten, die Aufhebungsthese zu verstehen und zu untersuchen: Erstens fragten wir nach der zeitlichen Orientierung der Gerechtigkeit. Zweitens untersuchten wir Jeremy Waldrons besondere Konzeption der Aufhebung. Zu Beginn dieses Projekts untersuchten wir eine klassische Version der Aufhebungsthese, der zufolge Bedürftigkeitssituationen die zeitliche Ausrichtung des Rechts verschieben können: von einer rückwärtsgerichteten zu einer vorwärtsgerichteten Ausrichtung. Im Laufe des Projekts haben wir jedoch festgestellt, dass die Behauptung, rückwärts gerichtete Gründe der ausgleichenden Gerechtigkeit seien in gegenwärtigen Bedürftigkeitssituationen moralisch nicht mehr relevant, unzutreffend ist. Wir haben auch herausgestellt, dass Jeremy Waldrons Arbeit zur Aufhebung sich hauptsächlich auf die Restitution konzentriert, welche die Rückgabe der ursprünglich genommenen Sache erfordert. Wir haben seine Anwendung auf Fragen der Entschädigung, der Gruppenidentität, der Souveränität, der Rechte zukünftiger Menschen, der sprachlichen Ungerechtigkeit, der Klimagerechtigkeit und ihrer Beziehung zu strukturellen Ungerechtigkeiten ausgedehnt. Die wichtigsten theoretischen Beiträge dieses Forschungsprojekts zu diesem Bereich sind die folgenden: Meyer und Waligore unterscheiden zwischen Fällen, in denen historische Ansprüche bei der Bestimmung dessen, was der Fall sein sollte, kein Gewicht haben, und solchen, in denen es zwar ungerecht sein mag, zu dem Zustand vor dem Unrecht zurückzukehren, dies aber nicht bedeutet, dass die Auswirkungen des historischen Unrechts vollständig aufgehoben werden. Sie unterscheiden auch zwischen Fällen, in denen Ansprüche auf Wiedergutmachung historischen Unrechts zu einem bestimmten Zeitpunkt ruhen, aber in der Zukunft relevant werden können, und Fällen, in denen die Aufhebung endgültig ist. Sie dehnen die Analyse der Aufhebungsthese von Restitutionsansprüchen auf Entschädigungsansprüche aus. Sie weisen auch auf zwei weitere Forschungsbereiche hin: symbolische Entschädigung für verstorbene Opfer historischen Unrechts und die Beziehung zwischen der Aufhebungsthese und dem strukturellen Charakter historischen Unrechts. In diesem Sinne hat Lukas Meyer heutige Forderungen der Restitution kultureller kolonialer Güter analysiert. Timothy Waligore vertrat außerdem die Ansicht, dass der Ansatz der strukturellen Ungerechtigkeit eine stärker rückwärtsgewandte zeitliche Ausrichtung der Gerechtigkeit haben könnte. Santiago Truccone-Borgogno unterschied zwischen Fällen, in denen Pflichten, die sich aus vergangenen Ungerechtigkeiten ergeben, ihr moralisches Gewicht verlieren, und solchen, in denen Rechte (aber nicht Pflichten) aufhören zu existieren. Er zeigte auch, dass Gruppen nicht aufhören zu existieren, wenn sich die Umstände auf ihre Identität auswirken, und dass die Rechte zukünftiger Menschen aufgehoben werden können. Seung Hyun Song weitete die Aufhebungsthese auf Fragen der sprachlichen Ungerechtigkeit aus.

Forschungsstätte(n)
  • Universität Graz - 100%
Internationale Projektbeteiligte
  • Michael Schefczyk, Karlsruhe Institute of Technology - Deutschland
  • Cara Nine, University College Cork - Irland
  • Chaim Gans, Tel Aviv University - Israel
  • Tamar Meisels, Tel Aviv University - Israel
  • David Heyd, The Hebrew University of Jerusalem - Israel
  • Margaret Moore, Queens University - Kanada
  • Rahul Kumar, Queen´s University - Kanada
  • Douglas Sanderson, University of Toronto - Kanada
  • John Borrows, University of Victoria - Kanada
  • Andreas Follesdal, University of Oslo - Norwegen
  • David Lyons, Boston University - Vereinigte Staaten von Amerika
  • Charles W. Mills, City University of New York - Vereinigte Staaten von Amerika
  • Jon Elster, Columbia University New York - Vereinigte Staaten von Amerika
  • Andrei Marmor, Cornell University - Vereinigte Staaten von Amerika
  • Jeremy Waldron, New York University - Vereinigte Staaten von Amerika
  • Linda S. Bosniak, Rutgers University - Vereinigte Staaten von Amerika
  • Avery Kolers, University of Louisville - Vereinigte Staaten von Amerika
  • Burke Hendrix, University of Oregon - Vereinigte Staaten von Amerika
  • Lea Ypi, London School of Economics and Political Science - Vereinigtes Königreich
  • David Miller, University of Oxford - Vereinigtes Königreich

Research Output

  • 79 Zitationen
  • 30 Publikationen
  • 2 Policies
  • 2 Disseminationen
Publikationen
  • 2024
    Titel Supersession and compensation for historical injustice
    DOI 10.1080/13698230.2024.2309051
    Typ Journal Article
    Autor Meyer L
    Journal Critical Review of International Social and Political Philosophy
    Seiten 1-25
    Link Publikation
  • 2024
    Titel The Temporal Dimension of Justice, From Post-Colonial Injustices to Climate Reparations
    DOI 10.1515/9783111445946
    Typ Book
    Verlag De Gruyter
    Link Publikation
  • 2024
    Titel Special Issue on "Historical Injustice", Res Publica, A Journal of Moral, Legal and Political Philosophy
    Typ Other
    Autor Truccone
    Seiten 643-781
    Link Publikation
  • 2024
    Titel Special Issue: Legacies of Historical Injustice: What is owed to the victims of injustice?, Res Publica, A Journal of Moral, Legal and Political Philosophy
    Typ Other
    Autor Truccone
    Link Publikation
  • 2024
    Titel The Temporal Dimension of Justice
    Typ PhD Thesis
    Autor Santiago Truccone-Borgogno
    Link Publikation
  • 2023
    Titel Justice: Global Justice and Climate Change
    DOI 10.1007/978-94-007-6519-1_1098
    Typ Book Chapter
    Autor Truccone-Borgogno S
    Verlag Springer Nature
    Seiten 1647-1654
  • 2022
    Titel Climate Justice and the Duty of Restitution
    DOI 10.1515/mopp-2021-0071
    Typ Journal Article
    Autor Truccone-Borgogno S
    Journal Moral Philosophy and Politics
    Seiten 203-224
    Link Publikation
  • 2022
    Titel tenure on the basis of publications out of the project (among others)
    Typ Postdoctoral Thesis
    Autor Timothy Waligore
  • 2022
    Titel Responding to historical injustices: Collective inheritance and the moral irrelevance of group identity
    DOI 10.1177/14748851221100094
    Typ Journal Article
    Autor Truccone-Borgogno S
    Journal European Journal of Political Theory
    Seiten 65-84
    Link Publikation
  • 2025
    Titel Grave Injustice: Disrespect Toward the Dead, Transgenerational Publicity, and Reparations
    DOI 10.1111/josp.12602
    Typ Journal Article
    Autor Waligore T
    Journal Journal of Social Philosophy
  • 2022
    Titel Rectifying Historical Injustice, Debating the Supersession Thesis
    DOI 10.4324/9781003303794
    Typ Book
    Verlag Taylor & Francis
  • 2021
    Titel Book Review: Injustice and the Reproduction of History: Structural Inequalities, Gender and Redress, by Alasia Nuti
    DOI 10.1177/00905917211048005
    Typ Journal Article
    Autor Waligore T
    Journal Political Theory
    Seiten 539-544
  • 2021
    Titel La Conquista del Desierto, Confianza y el Principio de Proximidad
    DOI 10.36446/af.2021.378
    Typ Journal Article
    Autor Truccone-Borgogno S
    Journal Análisis Filosófico
    Seiten 7-36
    Link Publikation
  • 2018
    Titel Redress for Colonial Injustice: Structural Injustice and the Relevance of History
    Typ Journal Article
    Autor Waligore
    Journal Global Justice: Theory Practice Rhetoric
    Seiten 15-28
    Link Publikation
  • 2020
    Titel Climate change, individual emissions, and moral obligations
    Typ Other
    Autor Namdar
    Link Publikation
  • 2018
    Titel Die Aufhebungsthese. Grundlinien einer Theorie des gerechten Umgangs mit historischem Unrecht
    DOI 10.5771/9783465142775-215
    Typ Book Chapter
    Autor Meyer L
    Verlag Nomos Verlag
    Seiten 215-230
  • 2018
    Titel Responding to Colonial Injustice – Reflections on the Legitimacy of the Return of the “Padrão”
    DOI 10.15542/kur/2018/5/3
    Typ Journal Article
    Autor Meyer L
    Journal KUR - Kunst und Recht
    Seiten 119-126
  • 2022
    Titel Superseding structural linguistic injustice? Language revitalization and historically-sensitive dignity-based claims
    DOI 10.1080/13698230.2022.2039544
    Typ Journal Article
    Autor Song S
    Journal Critical Review of International Social and Political Philosophy
    Seiten 347-363
  • 2022
    Titel The supersession thesis, climate change, and the rights of future people
    DOI 10.1080/13698230.2022.2039546
    Typ Journal Article
    Autor Truccone-Borgogno S
    Journal Critical Review of International Social and Political Philosophy
    Seiten 364-379
    Link Publikation
  • 2022
    Titel Superseding historical injustice? New critical assessments
    DOI 10.1080/13698230.2022.2039541
    Typ Journal Article
    Autor Meyer L
    Journal Critical Review of International Social and Political Philosophy
    Seiten 319-330
    Link Publikation
  • 2022
    Titel Educational Justice in Response to Oppression by Heteronormative Schools
    Typ Other
    Autor Biging
    Link Publikation
  • 2022
    Titel Responding to historical injustice : on the continuing normative significance of past injustices
    Typ Other
    Autor Schüßler
    Link Publikation
  • 2022
    Titel Colonialist injustices: genocide and reparation claims in Namibia
    Typ Other
    Autor Hodăjeu
    Link Publikation
  • 2022
    Titel Languaje Loss and Injustice
    Typ Other
    Autor Song
  • 2021
    Titel Historische Gerechtigkeit. Über die Achtung moralischer Rechte und die Erfüllung von Gerechtigkeitspflichten in der Zeit; In: Opfermythen in Zentraleuropa
    Typ Book Chapter
    Autor Meyer L H
    Verlag Praesens Verlag
    Seiten 35-53
    Link Publikation
  • 2021
    Titel Gerechtigkeit in der Zeit: Die zukunftsorientierte Begründung der Rückgabe des Padrao von Deutschland an Namibia; In: Geschichtskultur durch Restitution? Ein Kunst-Historikerstreit
    Typ Book Chapter
    Autor Meyer
    Verlag Vandenhoeck und Ruprecht
    Seiten 223-242
    Link Publikation
  • 2021
    Titel Intergenerational Justice
    Typ Journal Article
    Autor Meyer L H
    Journal Stanford Encyclopedia of Philosophy
    Link Publikation
  • 2021
    Titel The Temporal Dimension of Justice
    Typ Other
    Autor Truccone-Borgogno
    Link Publikation
  • 2021
    Titel Die demokratische Freiheit und ihre neoliberalen Zwänge : mit Hannah Arendt über die Erstarrung, Verstummung und Abschottung der Demokratie
    Typ Other
    Autor Berger
    Link Publikation
  • 2020
    Titel Denial of Japan’s Military Sexual Slavery and Responsibility for Epistemic Amends
    DOI 10.1080/02691728.2020.1839811
    Typ Journal Article
    Autor Song S
    Journal Social Epistemology
    Seiten 160-172
    Link Publikation
Policies
  • 2021 Link
    Titel Denkzeitraum zur Restitution kolonialer Kulturgüter
    Typ Contribution to new or improved professional practice
    Link Link
  • 2019 Link
    Titel Colonial Objects and Historical Justice
    Typ Participation in a guidance/advisory committee
    Link Link
Disseminationen
  • 2018 Link
    Titel Organization of the Workshop "Superseding Historical Injustice and Changed Circumstances" with a public lecture by Jeremy Waldron
    Typ Participation in an activity, workshop or similar
    Link Link
  • 2022 Link
    Titel Organization of the workshop "Justice in Time" with a public lecture by Jennifer Page
    Typ A formal working group, expert panel or dialogue
    Link Link

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