Die Befestigungen von Aigeira
The Fortifications of Aigeira
Wissenschaftsdisziplinen
Bauwesen (30%); Geschichte, Archäologie (60%); Humangeographie, Regionale Geographie, Raumplanung (10%)
Keywords
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Fortifications,
Landscape,
Archaeology,
Achaia,
Diachrone Analysis
Nach welchen Prinzipien wurden Befestigungsmauern gebaut, und in welchem historischen Kontext? Im antiken Griechenland waren Krieg und militärische Angriffe fast an der Tagesordnung. Im Gegensatz zu anderen antiken Gesellschaften waren die griechischen Stadtstaaten unabhängig und schlossen sich nie zu einem Imperium, wie etwas das Römische, zusammen. Daher ist es auch nicht verwunderlich, wenn fast alle bekannten griechischen Poleis bewehrt waren. Diese Fragen sollen exemplarisch am Beispiel Aigeira, einer griechischen antiken Siedlung im nordöstlichen Achaia auf der nördlichen Peloponnes, diskutiert werden. Ausgrabungen finden am Ort seit Jahrzehnten unter der Leitung des Österreichischen Archäologischen Institutes statt, weshalb sich Aigeira für diese Studie anbietet und die gute Quellenlage erfolgreiche Ergebnisse erwarten lässt. Die Stadt besitzt vier Befestigungssysteme, die zwischen Mykenischer und spät- oder postantiker Zeit datieren. Die Voraussetzungen Aigeiras bieten auch ein reiches Set an Informationen: architektonische Reste der Befestigungen, eine dramatische Topographie mit steilen Abhängen, und historische Quellen, die zur politischen und militärischen Stadtgeschichte informieren. Aigeira ist auch die am besten erhaltene Siedlung in Achaia, weshalb dieses Projekt auch weiterreichende Erkenntnisse zur städtischen Kultur der Region beitragen wird. Antike Straßen wurden bislang nicht mit Sicherheit festgestellt, dennoch ist die direkte Umgebung Aigeiras ein wichtiger Aspekt in diesem Projekt. Eine Reihe von kleinen Forts und Türmen, die erst unlängst bei einem Survey festgestellt wurden, spielen wahrscheinlich eine wichtige Rolle für die antike Stadt, ihre Verteidigungsstrategie und für die Kontrolle der Verkehrswege. Ausgrabungen, Bauforschung und die Analyse der geschichtlichen Quellen werden neues Licht auf die Befestigungen werden. In einem neuartigen Ansatz wird ein dreidimensionales topographisches Modell erstellt, bei dem ein air borne laser scan mittels einer Drohne erstellt wird, bei dem es möglich sein wird, das Gelände ohne Vegetation darzustellen. Dadurch wird die Analyse der Landschaft wesentlich erleichtert werden; aber auch Rekonstruktionen der antiken Befestigungsarchitektur werden in diesem Modell dargestellt werden. Das Projekt ist am Österreichischen Archäologischen Institut in Wien beheimatet und wird in engster Zusammenarbeit mit dem Institutszweig in Athen durchgeführt werden.
Die antike Stadt Aigeira liegt im Osten der Landschaft Achaia an der Nordküste der Peloponnes und zählt zu den besterhaltenen antiken Siedlungen der Region. Der Siedlungsplatz ist hoch gelegen und von Steilhängen begrenzt, von wo aus der Korinthische Golf und Verbindungswege in das Landesinnere überblickt werden konnten. Als strategisch wichtiger Ort trat Aigeira gegen 260 v. Chr. dem Achaiischen Bund bei, einem der bedeutendsten politisch-militärischen Bündnisse hellenistischer Zeit in Griechenland. Spätestens ab dem Zeitpunkt des Beitrittes entstanden neben öffentlichen Gebäuden wie einem Theater auch eine neue Stadtmauer, die in diesem FWF-Projekt P30886 erstmals hinsichtlich Datierung, Architektur und Topografie untersucht wurde. Die neuen Grabungen haben zum ersten Mal den archäologischen Nachweis geliefert, dass die Stadt um die Mitte des 3. Jh. v. Chr. befestigt wurde. Dabei zeigte sich, dass die Stadtmauer nicht das gesamte Stadtgebiet umfasste. Bei den steilen Abhängen im Westen und Osten verzichtete man auf durchgehende Mauern. In der Zeit um 200 v. Chr. vergrößerte man das befestigte Stadtgebiet nach Nordosten. Künstlich angelegte Terrassen erstrecken sich hinter den neuen Befestigungen, die wahrscheinlich vorwiegend zum Aufstellen von Fernwaffen genutzt wurden, die in hellenistischer Zeit bereits sehr weit entwickelt waren. Diese Maßnahme folgte einer kurzfristigen Eroberung Aigeiras im Jahre 219/218 v. Chr., bei der - nach der Erzählung des Polybius - große Stadtteile verwüstet wurden. Kurz vor der Eroberung Korinths durch den römischen Konsul Lucius Mummius 146 v. Chr. versuchten die Aigeireten nochmals verzweifelt, ihre Befestigungen zu verstärken. Aus Spolien eines großen Hauses und anderen, offenbar schnell herbeigetragenen Steinblöcken errichteten sie einen Schutzwall rund um die Akropolis um die Mitte des 2. Jh. v. Chr. Danach verlieren sich die Spuren einer Nutzung der Befestigungen; sie dienten lediglich der Erhaltung der künstlichen Terrassierungen, von denen das Stadtbild Aigeiras geprägt war. Im Laufe des 5. Jh. n. Chr. entstand ein neu errichtetes Fort auf der Akropolis. Die Ausführung in Stein und Mörtel ist sorgfältig, bietet aber wohl nur einer Garnison auf einer Fläche von etwa 900 m Platz. Frühbyzantinische Gräber südlich der Akropolis sowie Keramik aus dem 4. bis 7. Jh. n. Chr. aus dem Bereich des Theaters belegen, dass Aigeira in dieser Zeit zumindest sporadisch besiedelt war und daher die Befestigung nicht in einer entvölkerten Siedlung bestand. Die strategische Lage Aigeiras im hatte im lokalen Bereich auch in der Spätantike weiterhin Bedeutung. Durch diese Arbeiten konnte aber auch ein anderer Aspekt der Geschichte Aigeiras geklärt werden, nämlich die Ausdehnung der archaischen Stadt. Zwar gibt es vage literarische Hinweise auf eine Siedlung, doch ist ihre Lage unbekannt. Lange nahm man an, dass es sich bei den altertümlich wirkenden Mauern auf der Akropolis um die Befestigung der archaischen Stadt handelt, doch konnte zweifelsfrei festgestellt werden, dass diese zu den späthellenistischen Stadtmauern zählen.
- Martin Steskal, Österreichische Akademie der Wissenschaften , assoziierte:r Forschungspartner:in
- Silke Müth-Frederiksen, The National Museum of Denmark - Dänemark
- Sylvian Fachard, University of Geneva - Schweiz
Research Output
- 5 Zitationen
- 4 Publikationen
- 1 Disseminationen
- 4 Wissenschaftliche Auszeichnungen
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2019
Titel A. Sokolicek - F. Iannone, Le fortificazioni di Aigeira, in: M. Cipriani - E. Greco - A. Pontrandolfo - M. L. Rizzo - M. Scafuro (Hrsg.), Dialoghi sull'Archeologia della Magna Grecia e del Mediterraneo, Atti del III Convegno Internazionale di Studi 2018, Band 3/2 (Paestum 2019) 267-273. Typ Conference Proceeding Abstract Autor A. Sokolicek Konferenz Dialoghi sull'Archeologia della Magna Grecia e del Mediterraneo Seiten 267-273 -
2023
Titel Aigeira und seine historischen Befestigungen; In: Ein anderes Griechenland: 125 Jahre Forschungen des Österreichischen Archäologischen Instituts in Athen. / : 125 Typ Book Chapter Autor A. Sokolicek Seiten 230-241 -
2018
Titel Dialoghi sull'Archeologia della Magna Grecia e del Mediterraneo, Atti del III Convegno Internazionale di Studi (Paestum 2018) Typ Conference Proceeding Abstract Autor A. Sokolicek Konferenz Dialoghi sull'Archeologia della Magna Grecia e del Mediterraneo Seiten 557-568 -
2020
Titel Geological Challenges of Archaeological Prospecting: The Northern Peloponnese as a Type Location of Populated Syn-Rift Settings DOI 10.3390/rs12152450 Typ Journal Article Autor Rusch K Journal Remote Sensing Seiten 2450 Link Publikation
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2021
Titel Visit of students of the Scuola archeologica italiana di Atene (Italian Archaeological School at Athens) Typ Participation in an open day or visit at my research institution
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2022
Titel Aigeira und seine historischen Mauern Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad National (any country) -
2020
Titel Member of the scientific board of Collana Ergasteria (Univ. of Salerno) Typ Appointed as the editor/advisor to a journal or book series Bekanntheitsgrad National (any country) -
2019
Titel Invitation to Winckelmann lecture at the University of Graz Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Regional (any country) -
2018
Titel Invitation to participate in the dialoghi sull'archeologia della magna grecia in Paestum 2018 Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Continental/International