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Urbane Experimente für eine sozialökologische Transformation

Urban Experiments for Socio-Ecological Transformation

Ingolfur Blühdorn (ORCID: 0000-0003-1774-5984)
  • Grant-DOI 10.55776/P31226
  • Förderprogramm Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projektbeginn 15.06.2018
  • Projektende 14.06.2023
  • Bewilligungssumme 372.461 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Humangeographie, Regionale Geographie, Raumplanung (30%); Soziologie (70%)

Keywords

    Sustainability/Post-Sustainability, Experimentalism, Global Socio-Ecological Crisis, Urban Environmental Governance, Localism

Abstract Endbericht

Nachhaltigkeit und nachhaltige Entwicklung waren in den letzten 30 Jahren das zentrale umweltpolitische Paradigma, auf das sich das Projekt eines grundlegenden sozial-ökologischen Wandels gestützt hat. In jüngerer Zeit verdichtet sich jedoch bei zahlreichen Experten der Verdacht, dass dieses Paradigma nicht in der Lage sein wird, modernen Gesellschaften einen Weg aus ihren sozial-ökologischen Krisen Klimaerwärmung, Verknappung von Ressourcen, neue Migrationsströme, Verlust an Biodiversität, etc. zu weisen. Gleichzeitig sind diese Gesellschaften mit einem weiteren Problem konfrontiert, das einer strukturellen Transformation nicht-nachhaltiger Mensch-Umwelt Beziehungen im Wege steht: die Krise der Politik. Sowohl den etablierten politischen Institutionen als auch zivilgesellschaftlichen Organisationen fällt es zunehmend schwer, die politische Kraft aufzubringen, die für ein entschiedenes und von einer breiten Basis getragenes Handeln erforderlich ist. Aber in diesem sozial-ökologischen Dilemma, gibt es auch Quellen neuer Hoffnung: In den letzten Jahren wurde vor allem die Stadt zum Labor für neue Zugänge zu sozial-ökologischer Transformation. Das zeigen unter anderem smart city- und Post-wachstums Initiativen, wie z.B. Reparatur Cafés, Sharing-Plattformen, lokale Landwirtschaft, Lebensmittelkooperativen und co- housing-Projekte. Obwohl grundverschieden in ihrer ideologischen Ausrichtung die smart city setzt nach wie vor auf technologische Innovation und grünes Wachstum, während Postwachstums- Initiativen auf Wachstumsrückbau und Werte wie Selbstbegrenzung, Solidarität und Gemeinschaft setzen bauen sowohl die smart city als auch Post-wachstums-Initiativen auf die transformative Kraft von lokalem und experimentellem Handeln. Die unmittelbare Veränderung des urbanen Lebensalltags (und weniger Veränderung auf nationaler oder transnationaler Ebene) sowie das Vertrauen in das Experimentelle (anstatt vorgefertigter Lösungen) steht bei beiden Antworten auf die sozial-ökologische Krise im Vordergrund. Die zentrale Frage dieses Forschungsprojektes ist daher, ob und inwieweit lokales, experimentelles Handeln tatsächlich einen möglichen Ausweg aus der sozial-ökologische Krise und dem derzeitigen Handlungsnotstand darstellen. Um diese Frage zu beantworten, analysieren wir, wie genau die Krise(n) und ihre Lösung(en) in konkreten smart city und degrowth-Initiativen Initiativen die in der derzeitigen Literatur meistens getrennt voneinander betrachtet werden begriffen und dargestellt werden. Aufbauend auf unsere empirischen Einsichten stellen wir dann Verknüpfungen zu derzeitigen Debatten im Bereich der Nachhaltigkeit her, allen voran die Post-Nachhaltigkeitsdebatte die das Paradigma der Nachhaltigkeit grundlegend in Frage stellt, sowie Debatten im Bereich governance und der politischen Soziologie, die für das Verstehen der gesellschaftlichen und politischen Bedingungen für eine wirksame Transformation sozial-ökologischer Verhältnisse grundlegend sind. Unser Verdacht ist, dass der derzeitige Trend zu lokalem, experimentellem Handeln möglicherweise eher eine Bewältigungsstrategie für den gegenwärtigen Handlungsnotstand ist als eine wirklich aussichtsreiche Strategie der Transformation. Möglicherweise befestigen diese Handlungsformen sogar eher die Ordnung der Nicht-Nachhaltigkeit, als dass sie sie grundlegend verändern. Angesichts der Dringlichkeit des Transformationsprojektes und zur Vermeidung weiterer Irrwege wollen wir vor allem dessen Voraussetzungen und Bedingungen erkunden.

Experimentelle Ansätze spielen in der Klima- und Nachhaltigkeitspolitik weiterhin eine prominente Rolle. Dieses Forschungsprojekt zeigt, dass die gängigen Verständnisse solcher Ansätze jedoch oft zu kurz greifen und leistet Beiträge zu einem differenzierteren Verständnis. Angesichts der Dringlichkeit eines sozial-ökologischen Wandels und wachsender Kritik an expert:innen- und staatszentrierten Interventionen wurde in den letzten Jahren zunehmend Vertrauen in experimentelle Ansätze gesetzt. Gerade die Stadt wurde zum Labor für eine sozial-ökologische Transformation durch Experimente. Das zeigen Smart City-Ansätze ebenso wie zivilgesellschaftliche Experimente in der urbanen Lebensmittelproduktion, Repair- und Sharing-Netzwerke oder im Bereich der Mobilität. Ausgangspunkt des Forschungsprojektes war die Frage nach dem Grund der zunehmenden Ausrichtung auf experimentelle Interventionen. Zudem ging es um die Frage, inwieweit lokales, experimentelles Handeln tatsächlich einen möglichen Ausweg aus der sozial-ökologische Krise und dem derzeitigen Handlungsnotstand darstellt. Das Projekt hat herausgearbeitet, wie urbane Experimente für eine sozial-ökologische Transformation in der sozialwissenschaftlichen Literatur beschrieben und welche Potenziale ihnen zugesprochen werden - Zuschreibungen, die wir auch auf ihre (auch historischen und konzeptionellen) Implikationen und Haltbarkeiten hin geprüft haben. Zudem haben wir im Kontext konkreter experimenteller Interventionen in Wien Interviews mit Fokusgruppen und Expert:innen geführt. Sie haben erkundet, wie Beteiligte an und Befürworter:innen von experimentellen Interventionen diese selbst deuten. Die Forschung zeigt ein auffälliges Spannungsverhältnis zwischen meist sehr hoffnungsvollen akademischen Diskursen über sozial-ökologische Experimente und den Selbstverständnissen der unmittelbar Beteiligten. Konzeptionelle Zweifel und empirische Befunde haben uns über verbreitete Darstellungen von urbanen Experimenten als wesentliches Mittel des sozial-ökologischen Wandels hinausgeführt: So kann die Hinwendung zu lokalen, experimentellen Interventionen etwa auch als Indiz eines zunehmend eingeschränkten Handlungsspielraums für eine sozial-ökologische Transformation interpretiert werden. Experimentelle Ansätze können unter anderem auf das Abschieben von Verantwortung durch politische Institutionen hindeuten und zu begrenzter Rechenschaftspflicht führen. Unsere Forschung zeigt, dass urbanen Experimenten zweifellos eine Schlüsselrolle im Transformationsprozess zukommt, dass diese aber mitunter anders gelagert ist, als verbreitet angenommen wird. Sehr wichtig sind experimentelle Ansätze nicht zuletzt auch als Bewältigungsstrategie für sozial-ökologische Dilemmata, die sich in spätmodernen Gesellschaften nicht problemlos in Richtung einer sozial-ökologischen Transformation auflösen lassen.

Forschungsstätte(n)
  • Wirtschaftsuniversität Wien - 100%
Internationale Projektbeteiligte
  • David Schlosberg, University of Sydney - Australien
  • Hartmut Rosa, Friedrich Schiller Universität Jena - Deutschland
  • Maarten Hajer, The University of Amsterdam - Niederlande
  • Neil Brenner, Harvard University - Vereinigte Staaten von Amerika
  • Harriet Bulkeley, Durham University - Vereinigtes Königreich

Research Output

  • 223 Zitationen
  • 9 Publikationen
Publikationen
  • 2021
    Titel Emancipatory Politics at its Limits? An Introduction
    DOI 10.1177/13684310211048116
    Typ Journal Article
    Autor Blühdorn I
    Journal European Journal of Social Theory
    Seiten 3-25
    Link Publikation
  • 2021
    Titel Does emancipation devour its children? Beyond a stalled dialectic of emancipation
    DOI 10.1177/13684310211028382
    Typ Journal Article
    Autor Haderer M
    Journal European Journal of Social Theory
    Seiten 172-188
    Link Publikation
  • 2020
    Titel Revisiting the Right to the City, Rethinking Urban Environmentalism: From Lifeworld Environmentalism to Planetary Environmentalism
    DOI 10.3390/socsci9020015
    Typ Journal Article
    Autor Haderer M
    Journal Social Sciences
    Seiten 15
    Link Publikation
  • 2019
    Titel The Collaborative Management of Sustained Unsustainability: On the Performance of Participatory Forms of Environmental Governance
    DOI 10.3390/su11041189
    Typ Journal Article
    Autor Blühdorn I
    Journal Sustainability
    Seiten 1189
    Link Publikation
  • 2022
    Titel Recreational experientialism at ‘the abyss’: rethinking the sustainability crisis and experimental politics
    DOI 10.1080/15487733.2022.2155439
    Typ Journal Article
    Autor Blühdorn I
    Journal Sustainability: Science, Practice and Policy
    Seiten 2155439
    Link Publikation
  • 2024
    Titel Why now? Questioning the confidence in eco-political experimentation in civil society
    DOI 10.1177/25148486241282532
    Typ Journal Article
    Autor Dannemann H
    Journal Environment and Planning E: Nature and Space
    Seiten 2321-2342
    Link Publikation
  • 2023
    Titel Experiments of authoritarian sustainability: Völkisch settlers and far-right prefiguration of a climate behemoth
    DOI 10.1080/15487733.2023.2175468
    Typ Journal Article
    Autor Dannemann H
    Journal Sustainability: Science, Practice and Policy
    Seiten 2175468
    Link Publikation
  • 2023
    Titel The condition of urban climate experimentation
    DOI 10.1080/15487733.2023.2188726
    Typ Journal Article
    Autor Bulkeley H
    Journal Sustainability: Science, Practice and Policy
    Seiten 2188726
    Link Publikation
  • 2023
    Titel Experimental climate governance as organized irresponsibility? A case for revamping governing (also) through government
    DOI 10.1080/15487733.2023.2186078
    Typ Journal Article
    Autor Haderer M
    Journal Sustainability: Science, Practice and Policy
    Seiten 2186078
    Link Publikation

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