Partizipative Garantiesysteme (PGS) und Partizipation
Participatory Guarantee Systems (PGS) and participation
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Agrarwissenschaften (10%); Land- und Forstwirtschaft, Fischerei (40%); Soziologie (40%); Wirtschaftswissenschaften (10%)
Keywords
-
South America,
Participatory Guarantee Systems,
Participation,
Alternative Organic Certification
Der Begriff Partizipative Garantiesysteme (PGS) ist ein neues Konzept, das die Einhaltung der Anforderungen an die Qualität von Lebensmitteln aus biologischer Landwirtschaft für lokale Märkte sicherstellen soll, wobei auf die aktive Partizipation einer breiten Basis lokaler, über die gesamte Wertschöpfungskette beteiligter Akteure, Wert gelegt wird. BefürworterInnen von PGS nehmen an, dass diese Form der Garantiesicherung kostengünstiger, unbürokratischer oder geeigneter ist regionale Entwicklung zu fördern. PGS werden von ihren VertreterInnen als effektivere & effizientere Alternative zur aktuell gesetzlich verankerten Produktzertifizierung durch akkreditierte unabhängige Biokontrollstellen dargestellt. PGS sind ein junges Forschungsgebiet und viele Phänomene welche mit PGS in Zusammenhang stehen, oder ein zentraler Bestandteil von PGS sind, wurden bisher nicht untersucht. In diesem Projekt soll untersucht werden wie Partizipation im PGS von PGS-Mitgliedern wahrgenommen wird, warum diese partizipieren oder nicht partizipieren und welchen daraus resultierenden Nutzen bzw. welche Kosten Akteure wahrnehmen. Zudem soll Partizipation im PGS von einem wissenschaftlichen Standpunkt aus beschrieben und analysiert sowie die Auswirkungen von Partizipation oder Nicht-Partizipation auf den behaupteten Nutzen von PGS (z.B. Förderung des Vertrauens in Produkte) untersucht werden. Die Einbettung von Partizipation im PGS in einen breiteren Kontext jener Aktivitäten welche nicht mit dem PGS in Zusammenhang stehen jedoch mit PGS-Aktivitäten um Zeitressourcen von PGS-Mitgliedern konkurrieren und in den jeweiligen politisch, institutionellen und strukturellen Kontext, soll es erlauben Faktoren zu identifizieren welche Partizipation im PGS erschweren oder fördern. Zu diesem Zweck werden qualitative Interviews, Befragungen, teilnehmende und nicht-teilnehmende Beobachtung und Fokusgruppen als Datenerhebungsmethoden in je zwei PGS-Initiativen in Argentinien, Uruguay, Paraguay, Chile, Bolivien und Ecuador eingesetzt. Die Ergebnisse des Projektes werden relevant sein, da PGS in der wissenschaftlichen Literatur bisher kaum Erwähnung finden. Obwohl Partizipation ein Schlüsselelement von PGS ist, wurde Partizipation bisher nicht auf breiterer Basis untersucht. Projektergebnisse sollen das Verständnis von Partizipation in PGS verbessern. Das Thema ist auch außerhalb des PGS-Kontexts von großer Relevanz, da das Konzept der Partizipation in einem breiten Spektrum sozialer Prozesse wichtig ist. Durch die Untersuchung von PGS sind daher zusätzliche Erkenntnisse im Bereich der ländlichen Entwicklung jenseits der Biozertifizierung zu erwarten.
Dieses Projekt untersuchte die Partizipation lokaler Akteur*innen in Partizipativen Garantiesystemen (PGS), lokalen Qualitätssicherungssysteme für Lebensmittel aus biologischer Landwirtschaft. PGS hat auf der ganzen Welt stark an Dynamik gewonnen, jedoch nur wenige Forscher haben empirische Daten zur Untersuchung der damit verbundenen angeblichen Vorteile vorgelegt. Ziel des Projekts war es, ein tiefgreifendes Verständnis der Partizipation von PGS- Akteur*innen (z. B. Landwirt*innen, Konsument*innen) zu vermitteln und zu präsentieren: Wer partizipiert, wie erfolgt die Partizipation, welche Art der Partizipation findet bei PGS-Initiativen statt? Das Projekt zielte darüber hinaus darauf ab, die PGS-Märkte, den regulatorischen Kontext und die Zertifizierungskosten von PGS in ausgewählten Ländern Lateinamerikas zu untersuchen. Im Rahmen des Projekts wurde ein Analyserahmen zur wissenschaftlichen Beschreibung und Bewertung der Akteur*innen Partizipation in PGS entwickelt und unter Verwendung eines Mix-Methods Ansatzes zur Datenerhebung angewendet. Die Projektergebnisse liefern einen neuartigen und detaillierten qualitativen und quantitativen Einblick in die Partizipation von Akteur*innen in PGS. In Chile beispielsweise war die Partizipation der PGS-Produzenten ungleich verteilt und wurde durch die Zeitverfügbarkeit der Akteure und das selbst als unzureichend wahrgenommene eigene Fachwissen, das zur Erfüllung der Aufgaben erforderlich war, gehemmt. PGS- Konsument*innen spielten in Bolivien, Chile und Mexiko durch regelmäßige und häufige Marktbesuche eine wichtige Rolle für PGS-Initiativen, partizipieren jedoch kaum aktiv im PGS (z. B. bei Hofbesuchen, Workshops, Veranstaltungen). Insgesamt erwiesen sich Lernprozesse und Austausch als wichtiges Potenzial und wahrgenommene Vorteile der PGS-Teilnahme sowohl für Konsument*innen als auch für Produzent*innen. Diese Ergebnisse bieten eine wichtige Grundlage für die Diskussion der von PGS-Befürworter*innen proklamierten Vorteile und Herausforderungen. Die Projektergebnisse zeigen darüber hinaus, dass der regulatorische Kontext eine wichtige Auswirkung auf die Komplexität, Zeit- und Ressourcenintensität von PGS-Initiativen sowie auf die gesamten PGS-Zertifizierungskosten hat. Die Ergebnisse verdeutlichen die Herausforderungen, vor denen PGS-Initiativen stehen, wenn sie staatlich vorgeschriebene formelle Verfahren einhalten müssen. Die im Rahmen des Projekts durchgeführten Forschungsarbeiten in Costa Rica erlaubten erstmals die Kosten für die PGS-Zertifizierung, einschließlich expliziter (monetärer) Kosten und impliziter Kosten (Zeit) zu berücksichtigen. Dies ist besonders relevant, da PGS häufig als kostengünstigere Option zur Erlangung einer Bio-Zertifizierung angepriesen werden, jedoch grundsätzlich auf einer Freiwilligenarbeit basierter. Die Ergebnisse unterstreichen die grundlegende Bedeutung der unbezahlten Zeit, die PGS- Landwirt*innen für die Reduzierung der expliziten Zertifizierungskosten und die Aufrechterhaltung des PGS aufwenden. Insgesamt tragen die Projektergebnisse zu einem besseren Verständnis der Partizipation lateinamerikanischer PGS-Akteur*innen, der Zertifizierungskosten, der PGS-Märkte und der regulatorischen Rahmenbedingungen für PGS bei. Die Projektergebnisse sind von Bedeutung für Wissenschaftler*innen und Praktiker*innen, die partizipative Prozesse untersuchen, umsetzen und/oder fördern, sowie für politische Entscheidungsträger, NGOs oder Entwicklungsagenturen, die an der Entwicklung und Durchführung partizipativer Projekte beteiligt sind.
Research Output
- 65 Zitationen
- 4 Publikationen
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2021
Titel The benefits and challenges of participating in Participatory Guarantee Systems (PGS) initiatives following institutional formalization in Chile DOI 10.1080/14735903.2021.1934364 Typ Journal Article Autor Hruschka N Journal International Journal of Agricultural Sustainability Seiten 393-407 Link Publikation -
2020
Titel Bridging the Literature Gap: A Framework for Assessing Actor Participation in Participatory Guarantee Systems (PGS) DOI 10.3390/su12198100 Typ Journal Article Autor Kaufmann S Journal Sustainability Seiten 8100 Link Publikation -
2023
Titel Participatory Guarantee Systems, a more inclusive organic certification alternative? Unboxing certification costs and farm inspections in PGS based on a case study approach DOI 10.3389/fsufs.2023.1176057 Typ Journal Article Autor Hruschka N Journal Frontiers in Sustainable Food Systems -
2022
Titel Alternative Food Networks in Latin America—exploring PGS (Participatory Guarantee Systems) markets and their consumers: a cross-country comparison DOI 10.1007/s10460-022-10347-w Typ Journal Article Autor Kaufmann S Journal Agriculture and Human Values Seiten 193-216 Link Publikation