"Klein Europa" vor dem Verschwinden
The demise of "Little ´Europe"
Matching Funds - Tirol
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Sozialwissenschaften (30%); Humangeographie, Regionale Geographie, Raumplanung (70%)
Keywords
-
Newcomers,
Ethno-Linguistic Minority,
Demographic Changes,
Friulian Alps,
Valcanale,
Cultural Landscape
Nirgendwo im westlichen Europa ist die ethnische Diversität so groß wie in den Ostalpen. Ein besonders buntes ethnisches Mosaik kennzeichnet das nördliche Friaul im äußersten Nordosten Italiens. In diesem Klein-Europa berühren sich die drei großen Sprachfamilien Europas: Slawen, Germanen und Romanen. Im Kanaltal, das 1919 von Kärnten an Italien kam und heute den äußersten Nordosten des italienischen Staatsgebietes einnimmt, siedeln mit den Friulanern, Italienern, Slowenen und Deutschen nicht weniger als vier Volksgruppen neben- und ineinander. Ein Teil der Alteingesessenen heute allerdings nur mehr rd. 150 ältere Personen - verwendet im täglichen Umgang noch immer alle vier Sprachen. Heute verschwinden allerdings die autochthonen Sprachen. Trotzdem ist sich die Mehrheit der Nachkommen der Slowenen und Deutschen über ihre ethnische Herkunft bewusst, was auch ihre regionale Identität bestimmt. Das Hauptziel des vorliegenden Antrags ist es herauszufinden, wie sich die gegenwärtigen demographischen und sozioökomischen Veränderungen sowie die Assimilation auf die ethnische Identität dieser Bevölkerung und auf die Kulturlandschaft auswirkt; konkret: Inwiefern beeinflusst die neue Zuwanderung in die Alpen New Highlanders, New Farmers, Flüchtlinge und andere Immigranten das ethnische Bewusstsein? Welche Auswirkungen auf die Kulturlandschaft sind damit verbunden? Da ähnliche Prozesse der Assimilation auch in anderen Alpinen Räumen beobachtbar sind, kann angenommen werden, dass es sich hierbei um einen allgemeinen Trend handelt: Minderheitensprachen mögen verschwinden, doch gewisse Soziofakte, Mentifakte und Artefakte einer Kultur bleiben weiterhin bestehen. Aus diesem Grund erhebt sich die Frage, ob das Verschwinden von autochthonen Minderheiten die Kulturlandschaft und in der Folge Tourismus und Landwirtschaft beeinträchtigt. Obwohl das Kanaltal im Mittelpunkt der Untersuchung steht, erscheint es aus Vergleichsgründen zweckmäßig, für verschiedene Fragestellungen die benachbarten Minderheitenregionen (das Resiatal sowie die deutschen Sprachinseln in Friaul) in die Studie einzubeziehen. Seit den 1990er Jahren ist in zahlreichen Gemeinden des Alpenraums eine neue demographische Entwicklung feststellbar: Viele, ehemals von jahrzehntelanger Abwanderung geprägte Bergdörfer sind mittlerweile Zielgebiete einer neuen Zuwanderung geworden. Das Projekt thematisiert erstmals diesen neuen demographischen Prozess und die Auswirkungen auf ethnische Identität und Kulturlandschaft. Nach einer Darstellung zur Konzeption der Studie sowie der ethno-geographischen Problematik im Kanaltal und der benachbarten Untersuchungsräume geht der Antrag auf die drei Hauptthesen ein, welche die symbolischen Ethnizität und Kulturlandschaft, den innovativen Einfluss der Newcomer sowie die Revitalisierung der Kulturlandschaft durch die New Farmer zum Inhalt haben. Darüber hinaus berücksichtigt das Projekt auch den möglichen Einfluss eines anderen Zuwanderungstyps: Flüchtlinge und Migranten aus anderen Kontinenten. Obwohl die Amenity Migration überall zu finden ist, bestehen im Untersuchungsraum weiterhin teilweise verlassene Gebirgsdörfer, die genügend Wohnraum für diesen Bevölkerungsteil zur Verfügung stellen können. Die systematische Auswertung des Forschungsstandes, die Interpretation der offiziellen Statistiken, längere Forschungsaufenthalte mit der Anwendung vielfältiger Datenerhebungstechniken (verschiedene Interviewformen, Kartierungen sowie GIS-Auswertungen) sollen zum Projektziel führen.
Verschwindet "Klein-Europa"? Hauptforschungsziele waren die Analyse des ethnolinguistischen Wandels im viersprachigen Kanaltal (Valcanale), vor dem Ersten Weltkrieg ein Teil Kärntens, und in den deutschen Sprachinseln Nordfriauls. Es war ein Anliegen, die geographische Tradition der (deutschsprachigen) Kulturlandschaftsforschung weiterzuführen und dabei die Dimension der Symbolischen Ethnizität sowie jener der Linguistic Landscape miteinzubeziehen und damit das Feld der regionalen Identitätsforschung zu betreten. Auffallend ist, dass die junge Generation im Kanaltal dem Romanischen offen gegenübersteht, und so zeichnet sich nun - nach den jahrzehntelang internalisierten Dualismen - die Emergenz einer verflochtenen regionalen Identität ab. Dennoch ist die Viersprachigkeit noch heute in mehreren Dörfern sowie in der linguistischen Landschaft zu finden. Die Projektergebnisse lieferten zudem neue theoretische sowie empirische Perspektiven mit Einbeziehung der von Tiroler und Kärntner Kolonisten im Hochmittelalter besiedelten deutschen Sprachinseln in Friaul. Ein neuer Zugang zur regionalen Identitätsforschung in mehrsprachigen Gebieten konnte dabei in der "food geography" gefunden werden. Dabei ging man der Frage nach, inwieweit die Ernährung in Minderheitengebieten eine Besonderheit bildet. Unsere ethnogeographischen Untersuchungen gingen auch über den friulanischen Gebirgsraum hinaus und umfassten den Kernbereich der Alpen-Adria-Region. Dabei stellten wir mit Sorica/Zarz in den slowenischen Alpen eine sterbende deutsche Sprachinsel vor, in der nur mehr eine Handvoll Menschen leben, die den alten Tiroler Dialekt noch sprechen. Zum anderen erforschten wir in Istrien die zahlenmäßig kleinste sprachliche Minderheit der EU: die Istrorumänen. Ein dritter Schwerpunkt unserer FWF-Forschungen war der demographische Wandel in der Montagna friulana, der sich besonders eindrucksvoll im Gebiet zwischen dem Kanaltal und den deutschen Sprachinseln in Friaul zeigt. Nirgendwo in den Alpen war zwischen 1950 und 1990 die Entvölkerung stärker als hier; es entstanden dabei sogar Geisterdörfer. In den letzten zwei Dekaden setzte jedoch durch die Amenity Migration eine demographische Trendumkehr ein. Wir zeigten in unseren Forschungen diese Revitalisierung auf, v.a. den Einfluss der "neuen Pioniere" in Kulturlandschaft, Landwirtschaft und Tourismus. Die Neuzuwanderer sind auch in anderen Teilen Nordfriauls zu finden und beeinflussen die ethnolinguistischen Prozesse im Kanaltal sowie in den deutschen Sprachinseln.
- Universität Innsbruck - 100%
- Thomas Streifeneder, Academia Europea Bozen - Italien
- Igor Jelen, University of Trieste - Italien
- Elena Dai Prà, Università di Trento - Italien
- Jernej Zupancic, University of Ljubljana - Slowenien
- Laurence Moss, GLORIOSO, MOSS & ASSOCIATES - Vereinigte Staaten von Amerika
Research Output
- 4 Zitationen
- 17 Publikationen
- 1 Disseminationen
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2023
Titel Relational positionings through food and meanings of the cultural landscape in the context of Friuli's German language pockets and the Valcanale (northeast Italy) Typ PhD Thesis Autor Leonie Hasenauer -
2020
Titel Verschwinden? Das Kanaltal hundert Jahre bei Italien DOI 10.1553/moegg161s9 Typ Journal Article Autor Steinicke E Journal Mitteilungen der Österreichischen Geographischen Gesellschaft Seiten 9-34 Link Publikation -
2022
Titel Zapuščena naselja v gorskih območjih Furlanije - Julijske krajine: možnosti okrevanja Železne doline Typ Journal Article Autor Dzajic E Journal Geografski vestnik 94 (2), 135-148 Seiten 135-48 Link Publikation -
2022
Titel Food Relates: Positionings in Space, Time and Society in the German Language Pockets of Sauris and Timau (Italy) Typ Journal Article Autor Hasenauer L Journal European Countryside 14/4, 696-720 Seiten 696-720 Link Publikation -
2022
Titel Geographische Superlative als Potenzial der Regionalentwicklung? Die Ausnahmestellung der Montagna friulana im Alpenraum Typ Journal Article Autor Cede P Journal Geographische Rundschau 74 (5), 54-55 Seiten 54-55 Link Publikation -
2022
Titel Neue Pioniere in ostalpinen Peripherräumen: die Wiederbelebung von Geisterdörfern und partiellen Wüstungen in Friaul Typ Journal Article Autor Beismann M Journal Geographica Helvetica 77, 71-84 Seiten 71-84 Link Publikation -
2022
Titel Zapušcena naselja v gorskih obmocjih Furlanije - Julijske krajine: možnosti okrevanja Železne doline DOI 10.3986/gv94206 Typ Journal Article Autor Jelen I Journal Geografski vestnik Seiten 135–148-135–148 Link Publikation -
2023
Titel Gorska obmocja Furlanije - Julijske krajine med socialno in gospodarsko izkljucenostjo ter novimi poselitvenimi modeli. Ali gre za inverzijo trenda? DOI 10.3986/gv95104 Typ Journal Article Autor Uršic E Journal Geografski vestnik Seiten 99-117 Link Publikation -
2023
Titel Bericht zur Podiumsdiskussion: "Perspektiven auf 'Grenzen' - 'Grenzen' als Perspektive" Typ Conference Proceeding Abstract Autor Carlone Vm Konferenz Kommen und Gehen, damals und heute. Der Einfluss von Migration auf (Alt-)Österreichs Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur-Landschaft. Beiträge aus der Ringvorlesung des Innsbrucker Doktoratskollegs Austrian Studies Seiten 171-178 -
2023
Titel Kulinarischer Brückenbau? Relationale Verortungen durch Ernährung in den deutschen Sprachinseln Zahre und Tischelwang (Nordostitalien) Typ Conference Proceeding Abstract Autor Hasenauer L Konferenz Kommen und Gehen, damals und heute. Der Einfluss von Migration auf (Alt-)Österreichs Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur-Landschaft. Beiträge aus der Ringvorlesung des Innsbrucker Doktoratskollegs Austrian Studies Seiten 145-170 -
2023
Titel Die Gefährdung der istrorumänischen Minderheit. Ein Beispiel für bedrohte autochthone Sprachgruppen in der Europäischen Union. Typ Journal Article Autor Cede P Journal Geographische Rundschau 75 (5), 54-55 Seiten 54-55 Link Publikation -
2023
Titel Gefährdete und verschwundenen ethnolinguistische Minderheiten in der Alpen-Adria-Region. Das Beispiel der deutschen Sprachinseln und der istrorumänischen Sprachgruppe Typ Journal Article Autor Jelen I Journal Europa Ethnica (80), 1-2: 2-12 Seiten 2-12 Link Publikation -
2020
Titel La < > sulle Alpi orientali sta per scomparire? La Valcanale (Friuli) nella tarda età moderna Typ Journal Article Autor Hasenauer L. Journal Geotema Supplemente 2020 Seiten 2944 Link Publikation -
2020
Titel Das Ende der autochthonen Minderheiten im Kanaltal (Friaul/Italien)? Viersprachigkeit als Reminiszenz - regionale Identität als Emergenz Typ Journal Article Autor Hasenauer L Journal Europa Ethnica Seiten 102-112 Link Publikation -
2021
Titel Symbolic Ethnicity: A Pull Factor for Tourism? Ethnogeographic Observations in Northeast Italian Minority Regions. Typ Conference Proceeding Abstract Autor Hasenauer Anna Konferenz Touristischer und Freizeitkomplex im System der Regionalen Entwicklung. Materialien der IX. Internationalen wissenschaftlichen und praktischen Konferenz, Krasnodar (RUS) Seiten 35-38 Link Publikation -
2021
Titel Symbolic ethnicity, cultural and linguistic landscape: remnants of 'Little Europe' in the Valcanale (Northeast Italy) Typ Journal Article Autor Hasenauer L Journal National Identities (24), 2: 121-143 Seiten 121-143 Link Publikation -
2021
Titel Neue Dimensionen symbolischer Ethnizität. Eine komparative Analyse am Beispiel ethnolinguistischer Minderheiten im alpinen Friaul Typ Journal Article Autor Hasenauer L Journal Österreich - Geschichte, Literatur, Geographie (65), 3: 289-309 Seiten 289-309 Link Publikation