SATB2-abhängige Mechanismen und Kognition
SATB2-dependent mechanisms in human cognitive ability
Wissenschaftsdisziplinen
Biologie (70%); Klinische Medizin (10%); Medizinisch-theoretische Wissenschaften, Pharmazie (20%)
Keywords
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Cognition,
Gene Regulation,
Chromatin Architecture,
Disease Model,
Neocortex
Die beeindruckende kognitive Leistungsfähigkeit des Menschen ist im Tierreich unübertroffen. Es liegt daher die Vermutung nahe, dass sich während der Evolution des Gehirns molekulare und zelluläre Mechanismen entwickelt haben, die für den Menschen spezifisch sind, und die diese besonderen hohen Funktionen des menschlichen Gehirns ermöglichen. Wir testen in unserem Projekt, ob die dreidimensionale Auffaltung der DNA im Zellkern von Nervenzellen der Großhirnrinde einen solchen evolutionär optimierten Mechanismus darstellt. Dazu vergleichen wir die 3D-Struktur der Erbinformation zwischen Menschen und Mäusen. Aus Arbeiten in anderen Zelltypen ist bereits bekannt, dass das Ablesen von Genen durch die 3D-Struktur der Erbsubstanz beeinflusst wird, und dass durch Veränderung der DNA-Faltung Gene sowohl ein- als auch ausgeschaltet werden können. Während es bis vor kurzem unmöglich war solche Fragen an humanen Menschenzellen zu untersuchen, gelingt es nun aus so genannten induzierten pluripotenten Stammzellen menschliche Nervenzellen im Labor herzustellen. Diese Zellen besitzen die Eigenschaft sich in Zellkultur zu Zellformationen zusammenzuschließen, die in einigen Eigenschaften kleinen Gehirnen ähnlich sind. Solche so genannten Organoide bilden die Grundlage unseres Projekts. Wir untersuchen in diesen Organoiden die Rolle eines Proteins, das an spezifische Sequenzen der DNA bindet und durch Komplexbildung deren Auffaltung in präzise ausgerichtete DNA-Schleifen bestimmt. Dieses Protein Special AT-rich sequence binding protein 2 (SATB2) hat Eigenschaften, die es zu einem besonders interessanten Kandidaten für einen Genomorganisator machen, der kognitive Leistungsfähigkeit unterstützt. So haben genetische Untersuchungen im Menschen belegt, dass Varianten des Gens mit humaner Intelligenz gekoppelt sind. Unsere Arbeitsgruppe konnte zeigen, dass genetische Varianten der von SATB2 regulierten Gene, Varianten der Proteine mit denen es zusammenarbeitet sowie Varianten der DNA-Sequenzen an die es bindet ebenfalls mit kognitiver Leistungsfähigkeit assoziiert sind. SATB2 ist weiterhin ein Risikofaktor für Schizophrenie. Patienten, in denen eine der beiden Kopien von SATB2 mutiert ist leiden unter einer schweren Erkrankung, die als SATB2-assoziiertes Syndrom bezeichnet wird. Die Krankheit ist durch schwere kognitive Beeinträchtigungen gekennzeichnet. Um die Funktion von SATB2 in der Auffaltung der DNA zu bestimmen, führen wir komplexe molekularbiologische Untersuchungen durch. Die 3D Struktur von DNA wird mit Hilfe von next generation sequencing Methoden und anschließenden bioinformatischen Analysen in Nervenzellen mit und ohne SATB2 bestimmt. Die Evolution der SATB2 abhängigen Mechanismen wird durch einen genauen Vergleich von Nervenzellen aus Maus und Mensch untersucht. Neben Einsichten in die molekulare Evolution von Kognition erwarten wir von unserem Projekt auch neue Ansätze für Therapien psychiatrischer Erkrankungen, die häufig von einer Beeinträchtigung der kognitiven Leistungsfähigkeit gekennzeichnet sind.
Die außergewöhnliche kognitive Leistungsfähigkeit des Menschen ist im Tierreich unübertroffen. Gleichzeitig sind kognitive Beeinträchtigungen ein Symptom vieler neurologischer und psychiatrischer Erkrankungen. Daher ist es von großer Bedeutung, die molekularen und zellulären Mechanismen zu erforschen, die diese hohen Funktionen des menschlichen Gehirns ermöglichen. Wir untersuchten die Hypothese, dass die dreidimensionale Struktur der DNA in Nervenzellen der Großhirnrinde die Denkfähigkeit beeinflusst. Im Fokus stand dabei das "Special AT-rich sequence binding protein 2" (SATB2), das an spezifische DNA-Sequenzen bindet und durch Komplexbildung deren Auffaltung in präzise ausgerichtete DNA-Schleifen steuert. Genetische Studien am Menschen haben gezeigt, dass Varianten des SATB2-Gens mit der menschlichen Intelligenz verbunden sind. Patienten mit Mutationen in einer der beiden SATB2-Genkopien leiden am "SATB2-assoziierten Syndrom", das durch schwere kognitive Beeinträchtigungen gekennzeichnet ist. Um die Funktion von SATB2 in der DNA-Auffaltung zu verstehen, führten wir zunächst molekularbiologische Untersuchungen an genetisch veränderten Mäusen durch. Mittels funktioneller Genomik und bioinformatischer Analysen bestimmten wir die 3D-Struktur der DNA in Nervenzellen mit und ohne SATB2. Dabei stellten wir fest, dass SATB2 die 3D-Struktur von über der Hälfte aller Gene beeinflusst, die mit kognitiver Leistungsfähigkeit in Verbindung stehen, darunter viele mit hochspezialisierten neuronalen Funktionen. Im menschlichen Genom sind diese Gene nicht nur für die kognitive Leistungsfähigkeit entscheidend, sondern tragen auch zum Risiko für neuropsychiatrische und neuroentwicklungsbedingte Störungen bei. Unsere Ergebnisse zeigen zudem, dass SATB2 Chromatinschleifen zwischen Enhancern und Promotoren neuronaler, aktivitätsregulierter Gene beeinflusst und somit deren Expression steuert. Nicht-kodierende DNA-Regionen, deren 3D-Struktur in der Maus von SATB2 reguliert wird, sind im menschlichen Genom genetisch mit Bildungserfolg, Intelligenz und Schizophrenie assoziiert. Diese Ergebnisse, die die Rolle von SATB2 als Genomregulator für kognitive Funktionen in der Maus belegen, unterstreichen die Notwendigkeit, ähnliche Experimente in menschlichen Zellen durchzuführen, um spezifische Funktionen von SATB2 für die hohe Denkfähigkeit des Menschen zu identifizieren. Dank der Möglichkeit, aus induzierten pluripotenten Stammzellen menschliche Nervenzellen im Labor zu erzeugen, konnten wir ein humanes Zellkulturmodell entwickeln und Nervenzellen aus Maus und Mensch in parallelen molekularbiologischen Experimenten vergleichen. Diese Untersuchungen sind noch nicht abgeschlossen. Langfristig streben wir an, Ansätze für neue Therapien zur Unterstützung der kognitiven Leistungsfähigkeit von Patient:innen mit neuropsychiatrischen Erkrankungen zu entwickeln. Durch die Entwicklung humaner Modelle tragen wir weiterhin zur Reduzierung von Tierversuchen in der neurowissenschaftlichen Forschung bei.
- Dietmar Rieder, Medizinische Universität Innsbruck , nationale:r Kooperationspartner:in
- Galina Apostolova, Medizinische Universität Innsbruck , nationale:r Kooperationspartner:in
- Irina-Roxana Deleanu, Medizinische Universität Innsbruck , nationale:r Kooperationspartner:in
- Derek Morris, National University of Ireland Galway - Irland
- Schahram Akbarian, Mount Sinai School of Medicine - Vereinigte Staaten von Amerika
Research Output
- 211 Zitationen
- 6 Publikationen
- 1 Policies
- 2 Datasets & Models
- 2 Disseminationen
- 3 Wissenschaftliche Auszeichnungen
- 1 Weitere Förderungen
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2024
Titel SATB2 organizes the 3D genome architecture of cognition in cortical neurons DOI 10.1016/j.molcel.2023.12.024 Typ Journal Article Autor Wahl N Journal Molecular Cell Link Publikation -
2023
Titel SATB2 organizes the 3D genome architecture of cognition in cortical neurons Typ PhD Thesis Autor Nico Wahl -
2022
Titel Chromatin Reorganization during Myoblast Differentiation Involves the Caspase-Dependent Removal of SATB2 DOI 10.3390/cells11060966 Typ Journal Article Autor Bell R Journal Cells Seiten 966 Link Publikation -
2021
Titel The role of SATB2 as a regulator of activity- and glucocorticoid-mediated homeostatic mechanisms Typ PhD Thesis Autor Patrick Feurle -
2021
Titel Cell-type specialization is encoded by specific chromatin topologies DOI 10.1038/s41586-021-04081-2 Typ Journal Article Autor Winick-Ng W Journal Nature Seiten 684-691 Link Publikation -
2020
Titel SATB2-LEMD2 interaction links nuclear shape plasticity to regulation of cognition-related genes DOI 10.15252/embj.2019103701 Typ Journal Article Autor Feurle P Journal The EMBO Journal Link Publikation
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2024
Link
Titel SATB2 organizes the 3D genome architecture of cognition in cortical neurons Typ Database/Collection of data Öffentlich zugänglich Link Link -
2021
Link
Titel SATB2-LEMD2 interaction links nuclear shape plasticity to regulation of cognition-related genes Typ Database/Collection of data Öffentlich zugänglich Link Link
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2024
Titel Prize of the Prof. Ernst Brandl-Stiftung Typ Research prize Bekanntheitsgrad National (any country) -
2023
Titel Best Poster Prize 3rd Neuroepigenetics & Neuroepitranscriptomics Conference, 28 April - 01 May 2023 Typ Poster/abstract prize Bekanntheitsgrad Continental/International -
2023
Titel Invited talk at EMBO | EMBL Symposium Brain genome: regulation, evolution, and function Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Continental/International
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2024
Titel SATB2-dependent Regulation of Cognition-related Genes Typ Research grant (including intramural programme) Förderbeginn 2024