Übersetzerische Expertise: eine Arbeitsplatzstudie
Rethinking translation expertise: a workplace study
Wissenschaftsdisziplinen
Psychologie (5%); Soziologie (10%); Sprach- und Literaturwissenschaften (85%)
Keywords
-
Competence,
Translation,
Workplace,
Ethnography,
Expertise
Schon seit langem wird darüber diskutiert, was gute, kompetente oder professionelle Übersetzer*innen eigentlich ausmacht. In der Übersetzungswissenschaft besteht die Debatte seit einigen Jahrzehnten. Da das Übersetzen eine sehr komplexe Tätigkeit ist, gibt es eine Vielzahl an möglichen Aspekten, die als wichtig empfunden werden können. Mit unserem Projekt Übersetzerische Expertise: Eine Arbeitsplatzstudie haben wir nicht vor, eine Antwort auf die Frage, was nun gute oder kompetente Übersetzer*innen (auch: Übersetzungs-Expert*innen) sind, zu finden. Stattdessen wollen wir die Frage anders stellen und herausfinden, welche unterschiedlichen Vorstellungen der übersetzerischen Expertise in der Arbeitspraxis herrschen, wie diese Vorstellungen entstanden sind und wie sie wirken wer etwa als Expert*in anerkannt wird und wer nicht. Bisher wurde in der empirischen Forschung vor allem experimentell vorgegangen: Man ließ Übersetzer*innen mit unterschiedlich viel Erfahrung und mit unterschiedlichem Bildungshintergrund dieselben Texte übersetzen, beobachtete, was sie dabei machen und versuchte so, mehr über die unterschiedlichen Vorgänge im Gehirn der Personen herauszufinden. Auf diese Weise konnten tatsächlich einige Unterschiede zwischen erfahrenen und weniger erfahrenen Übersetzer*innen festgestellt werden. Allerdings zeigt diese Forschung nur einen Teil davon, was es bedeuten kann, Expert*in zu sein. Zum einen kann in Experimenten das alltägliche oder berufliche Übersetzen nie in seiner gesamten Komplexität simuliert werden. Zum anderen liegt auf diese Weise die Entscheidungsmacht darüber, wer ein*e Expert*in ist, alleine bei den Wissenschaftler*innen. Wir gehen davon aus, dass Expertise nicht objektiv festgelegt und gemessen werden kann, sondern dass sie vor allem im sozialen Miteinander durch Interaktionen mit anderen Menschen geschaffen wird. Das bedeutet, dass Expertise sehr stark von der jeweiligen Situation abhängt und dass es sehr unterschiedliche Vorstellungen von Expertise geben kann. Deshalb wollen wir mit unserem Forschungsprojekt das Thema von einer anderen Seite beleuchten und uns ansehen, was es in der echten Welt (in unserem Fall an gewöhnlichen Arbeitsplätzen) bedeutet, Expert*in zu sein. Wir werden Personen, die selbst übersetzen oder mit Übersetzer*innen arbeiten, vor Ort an ihren Arbeitsplätzen in Übersetzungsagenturen besuchen, sie für eine Dauer von mehreren Wochen bei ihrer Arbeit beobachten, Interviews und Fokusgruppengespräche führen, sowie schriftliche Dokumente sammeln. Dabei wollen wir herausfinden, was sie sich unter Übersetzungsexpert*innen vorstellen, welche Bilder von Expertise vorherrschen, wie sie in sozialen Interaktionen geschaffen werden, wie sie implizit in Handlungen sichtbar werden und wie explizit darüber gesprochen wird. Auf diese Weise wollen wir uns der Insider-Perspektive so weit wie möglich annähern. Davon versprechen wir uns neue Perspektiven für die Wissenschaft, die eine Basis für weitere theoretische Überlegungen schaffen können.
- Universität Wien - 100%
- Sanjun Sun, Beijing Foreign Studies University - China
- Kaisa Koskinen, University of Tampere - Finnland
- Ricardo Munoz Martin, University of Bologna - Italien
- Elisabet Tiselius, Stockholm University - Schweden
- Maureen Ehrensberger-Dow, Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften - Schweiz
- Erik Angelone, Kent State University - Vereinigte Staaten von Amerika
- Maeve Olohan, University of Manchester - Vereinigtes Königreich