Vermögen als Medium der Herstellung von Verwandtschaft
The Role of Wealth in Constituting Kinship Spaces
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (20%); Soziologie (80%)
Keywords
-
Wealth,
Gender,
Credit,
Property Regimes,
Inequality,
Kinship
Der Großteil des Vermögens von Frauen und Männern wurde in frühneuzeitlichen europäischen Gesellschaften über Heirat und Erbe weitergegeben. Damit rücken eheliche Güterregime Gütertrennung oder Gütergemeinschaft , Erbrecht und Erbpraxis in ihrem Zusammenspiel in den Fokus des Interesses und zugleich auch Handlungsoptionen und deren Umsetzung. Doch nicht weniger bedeutsam für die Ausgestaltung von Vermögenstransfers in der Praxis waren verwandtschaftliche Beziehungen und Geschlechterverhältnisse. Aus dieser Perspektive werden Konfliktachsen und Interessenskonkurrenzen sichtbar, die sich regional, je nach sozialem Milieu und je nach familialer Konfiguration deutlich unterscheiden konnten. Um diese Zusammenhänge zu analysieren und dabei rechtliche, soziale, ökonomische und verwandtschaftliche Aspekte zu verknüpfen, verfolgt das Projekt zwei Zugänge. Erstens wird Verwandtschaft im Sinne sozialer Räume gefasst, die über Interaktion und Kommunikation, über Prozesse des Aushandelns, aber auch über Konkurrenz und Konflikt hergestellt wurden. Auf welche Weise dies erfolgte, ist die Kernfrage des Projekts. Den Schlüssel dazu liefern Vermögenstransfers und Vermögensarrangements und deren soziale, generationale und geschlechtsspezifischen Implikationen. Zweitens arbeiten wir mit einem breiten Vermögensbegriff, der Grund und Boden, Geldwerte, Rechte und Ansprüche, die sich daraus ableiten ließen, und Objekte umfasst sowie Möglichkeiten und Formen der Finanzierung von Liegenschaftskäufen und eng damit verbunden Zugang zu Kredit und Kreditwürdigkeit. Dies ermöglicht uns zugleich, den Blick auf soziale Ungleichheit zu schärfen und zu fragen, wie diese generiert und fortgeschrieben wurde. Neu an unserem Zugang ist die Verknüpfung von Verwandtschaft, Heiratsgütern, Erbe, materieller Kultur, Finanzierungsformen und Kreditbeziehungen. Vermögen ist dabei als zentrales Medium konzipiert, über das Verwandtschaftsräume hergestellt und strukturiert wurden. Vermögen weist aber auch über eheliche, familiale und verwandtschaftliche Verbindungen hinaus auf lokale und translokale Kontexte. Im Detail stellt sich eine ganze Reihe von Fragen: nach dem Aushandeln von Erbansprüchen und Ehegüterarrangements, nach Ausschlüssen von der Besitznachfolge und Alternativen, nach Finanzierungsformen von Transaktionen, nach Konflikthaftigkeit und Ausgleich, nach Vereinbarungen über Vermögen, nach dessen Absicherung und Transformierbarkeit etc. Die idealen Laboratorien für die Umsetzung unserer Fragestellungen und Hypothesen ist das südliche Tirol im Vergleich zum heutigen Niederösterreich, zwei Regionen, die maßgeblich von diametral entgegengesetzten Güterregimen geprägt waren: Gütertrennung herrschte in Tirol und Gütergemeinschaft in Niederösterreich. So ist zu fragen, ob und wie sich diese Regime auf Verwandtschaftslogiken ausgewirkt haben. Dokumente aus den reichen Archivbeständen werden quantitativ und qualitativ ausgewertet in Zeitschnitten und Stichproben und sie werden vernetzt, sowohl nach Konfigurationen und Settings als auch bei der Rekonstruktion von Fallstudien.
Ziel des Projekts war es, den Umgang mit Vermögen in Zusammenhang mit Eheschließungen sowie mit familialen, intergenerationalen und verwandtschaftlichen Logiken möglichst umfassend zu analysieren. Um vertiefte Einblicke zu erlangen, braucht es Fallstudien. Denn in Vermögensfragen waren jeweils spezifische rechtliche und geschlechtsspezifische, politisch-territoriale, soziale und ökonomische Kontexte im Spiel. Dies gilt insbesondere für die Frühe Neuzeit, in der Erb- und Ehegüterrecht, Vormundschaft für verwaiste Kinder und die Geschlechtsvormundschaft für Frauen in geschäftlichen und gerichtlichen Belangen regional auch innerhalb der Habsburger Monarchie keineswegs einheitlich geregelt waren. Im Projekt sehr bewährt hat sich das breite Konzept des Vermögensbegriffs. Dieser umfasst nicht nur Grund und Boden und Geldwerte, sondern auch Rechte und Ansprüche, die Frauen und Männer daraus ableiteten, Gegenstände, die im Alltag gebraucht oder als Wertspeicher verwahrt wurden, aber auch Möglichkeiten und Formen der Finanzierung von Liegenschaftskäufen und, eng damit verbunden, Kriterien des Zugangs zu Kredit und die Frage der Kreditwürdigkeit. Als besonders produktiv erwies sich der Vergleich zwischen dem südlichen Tirol mit ehelicher Gütertrennung und den an der Verwandtschaftslinie orientierten Vermögenstransfers auf der einen Seite und Niederösterreich mit ehelicher Gütergemeinschaft und einer ungleich größeren Bedeutung von Vermögenstransfers über Eheschließungen und Wiederverheiratungen auf der anderen Seite. Das wichtigste Ergebnis des Projekts ist, die Rekonstruktion der Folgen und Pfadabhängigkeiten dieser beiden Settings, für die zudem jeweils Unterschiede zwischen kleinstädtischer und ländlicher Praxis herausgearbeitet wurden. Zu den Südtiroler Gerichten Brixen und Sonnenburg ist die Habilitationsschrift von Janine Maegraith und zur landesfürstlichen Stadt Eggenburg und der benachbarten Herrschaft Kattau in Niederösterreich die Dissertation von Matthias Donabaum im Entstehen (geplanter Abschluss 2025). Während im südlichen Tirol Verwandte oder lokale Honoratioren als Vormünder das Vermögen der Kinder, die ihren Vater verloren hatten, verwalteten, war Vormundschaft in Niederösterreich über Waisenkassen organisiert, die zugleich als Institutionen der Kreditvergabe fungierten. Zugang zu Kredit war ein Schwerpunktthema in dieser zweiten Projektphase. Diesbezüglich bestand der innovative Ansatz darin, Schulden, die im ehelichen und familialen Kontext zu verorten sind - noch nicht ausbezahlte Erbteile zum Beispiel oder eingebrachtes und hypothekarisch gesichertes Heiratsgut der Frauen -, und Schulden, die durch anderweitige Kreditverhältnisse entstanden, zusammenzudenken und anhand von Fallgeschichten zu rekonstruieren, wie und wofür geliehenes Geld, auch von Frauen, eingesetzt wurde. Die Fallstudie zu Kastelruth von Margareth Lanzinger zeigt anhand der Aufstiegsgeschichte einer Gastwirtsfamilie, wie diese sich über Heirat und Verwandtschaft, Handelstätigkeit und Übernahme von Funktionen lokal etablierte und ökonomisch vielfältig agierte - auch als Anlaufstelle Kredit. Insgesamt können alle drei Projektteile aufzeigen, dass es unerlässlich ist Besitz, insbesondere von Häusern und Höfen, breit zu kontextualisieren, um Handlungsoptionen, soziale und ökonomische Logiken von Männern und Frauen in der Frühen Neuzeit herausarbeiten zu können. Interessen, die auf ehelichen, familialen oder verwandtschaftlichen Beziehungen gründeten, standen in Konkurrenz zueinander und mussten auch mit lokalen und obrigkeitlichen Vorstellungen abgeglichen werden.
- Universität Wien - 100%
Research Output
- 24 Zitationen
- 31 Publikationen
- 1 Wissenschaftliche Auszeichnungen
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2024
Titel Verzeichnetes Vermögen. Objekt-Listen zwischen Recht und Geschlecht; In: Gelistete Dinge - Objekte und Listen in der Frühen Neuzeit DOI 10.7788/9783412530808.41 Typ Book Chapter Verlag Böhlau Verlag Köln -
2024
Titel Bauern und Bäuerinnen. Rechtliche, sozioökonomische und geschlechtsspezifische Kontexte; In: Niederösterreich im 18. Jahrhundert, Band 2: Gesellschaft, Kultur und Religion DOI 10.52035/noil.2024.18jh02.04 Typ Book Chapter Verlag NÖ Institut für Landeksunde -
2024
Titel Eigentum und Besitz. Rechtsqualitäten von Grund und Boden im räumlichen Vergleich Typ Journal Article Autor Donabaum M Journal Schweizerisches Jahrbuch für Wirtschafts- und Sozialgeschichte / Annuaire suisse d'histoire économique et sociale Seiten 97-113 Link Publikation -
2022
Titel Verbriefung und Finanzierung von Erbteilen und Ehegütern. Rechtskontexte im Vergleich: Niederösterreich und südliches Tirol im 18. Jahrhundert Typ Journal Article Autor Donabaum M Journal Zeitschrift für Agrargeschichte und Agrarsoziologie Seiten 21-40 Link Publikation -
2022
Titel Editorial. Formen des Kredits Typ Journal Article Autor Lanzinger Journal Zeitschrift für Agrargeschichte und Agrarsoziologie Seiten 7-20 Link Publikation -
2021
Titel Formelle und informelle Regelung familiärer Konflikte DOI 10.1007/978-3-662-56076-1_24 Typ Book Chapter Autor Lanzinger M Verlag Springer Nature Seiten 305-315 -
2021
Titel Financing transfers: buying, exchanging and inheriting properties in early modern southern Tyrol DOI 10.1080/1081602x.2021.1955724 Typ Journal Article Autor Maegraith J Journal The History of the Family Seiten 11-36 Link Publikation -
2021
Titel Negotiations of Gender and Property through Legal Regimes (14th–19th Century), Stipulating, Litigating, Mediating DOI 10.1163/9789004456204 Typ Book Autor Lanzinger M Verlag Brill Academic Publishers -
2020
Titel Movable goods and immovable property DOI 10.4324/9780429352980-19 Typ Book Chapter Autor Lanzinger M Verlag Taylor & Francis Seiten 265-284 -
2020
Titel Fenced in or out? DOI 10.4324/9780429352980-9 Typ Book Chapter Autor Maegraith J Verlag Taylor & Francis Seiten 123-145 -
2020
Titel Spouses and the competition for wealth DOI 10.4324/9780429031588-3 Typ Book Chapter Autor Lanzinger M Verlag Taylor & Francis Seiten 61-78 -
2020
Titel The Routledge History of the Domestic Sphere in Europe, 16th to 19th Century DOI 10.4324/9780429031588 Typ Book Verlag Taylor & Francis -
2020
Titel Introduction DOI 10.4324/9780429031588-120 Typ Book Chapter Autor Eibach J Verlag Taylor & Francis Seiten 1-22 -
2023
Titel Institutionelle und familiale Formen der sozialen Absicherung; In: Haus - Geschlecht - Sicherheit - Diskursive Formierungen in der Frühen Neuzeit DOI 10.5771/9783748925606-291 Typ Book Chapter Verlag Nomos Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG -
2023
Titel Haus - Geschlecht - Sicherheit - Diskursive Formierungen in der Frühen Neuzeit DOI 10.5771/9783748925606 Typ Book editors Ruby S, Schmidt-Voges I Verlag Nomos Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG -
2021
Titel Families and Property: Stipulating, Litigating, Mediating; In: Negotiations of Gender and Property through Legal Regimes (14th-19th Century) - <i>Stipulating, Litigating, Mediating</i> DOI 10.1163/9789004456204_002 Typ Book Chapter Verlag Brill | Nijhoff -
2021
Titel Gender Imbalance in the Use, Ownership, and Transmission of Property in Early Modern Southern Tyrolean Urban and Rural Contexts; In: Negotiations of Gender and Property through Legal Regimes (14th-19th Century) - <i>Stipulating, Litigating, Mediating</i> DOI 10.1163/9789004456204_009 Typ Book Chapter Verlag Brill | Nijhoff -
2021
Titel Wealth in Its Diverse Meanings and Contexts - Concluding Comment; In: Negotiations of Gender and Property through Legal Regimes (14th-19th Century) - <i>Stipulating, Litigating, Mediating</i> DOI 10.1163/9789004456204_016 Typ Book Chapter Verlag Brill | Nijhoff -
2021
Titel Selling, Buying and Exchanging Peasant Land in Early Modern Southern Tyrol; In: Busy Tenants. Peasant Land Markets in Central Europe (15th to 16th Century) Typ Book Chapter Autor Maegraith J Seiten 193-229 Link Publikation -
2022
Titel Mobile land: modes of transfer – varieties of contexts DOI 10.1080/1081602x.2022.2058980 Typ Journal Article Autor Maegraith J Journal The History of the Family Seiten 1-10 Link Publikation -
2021
Titel Tagungsbericht: Kinship and Business. Law, Gender and Generational Perspectives (16th-20th Centuries) Typ Other Autor Donabaum M Konferenz Kinship and Business. Law, Gender and Generational Perspectives (16th-20th Centuries) Link Publikation -
2021
Titel Transferencia de bienes, relaciones generacionales y de género. Trayectorias en perspectivas comparadas, siglos XVI y XVIII; In: Familias, trayectorias y desigualdades. Estudios de historia social en España y en Europa, siglos XVI-XIX Typ Book Chapter Autor Lanzinger M Seiten 437-461 Link Publikation -
2021
Titel "Mit rechtzeitigen Regelungen ersparen sich Familien viele Probleme". Absicherung durch Verträge und Testamente aus historischer Perspektive; In: Auf eigene Gefahr. Vom riskanten Wunsch nach Sicherheit. Ausstellungskatalog Vorarlbergmusum Typ Book Chapter Autor Lanzinger M Seiten 198-213 -
2021
Titel Women negotiating wealth DOI 10.4324/9780429278037-10 Typ Book Chapter Autor Lanzinger M Verlag Taylor & Francis Seiten 152-172 -
2021
Titel Editorial DOI 10.7788/hian.2021.29.3.301 Typ Journal Article Autor Clementi S Journal Historische Anthropologie Seiten 301-310 -
2021
Titel Einleitung: Vererben und Erben in adeligen, städtisch-bürgerlichen und bäuerlichen Kontexten DOI 10.52035/noil.2021.stuf76.01 Typ Book Chapter Autor Lanzinger M Verlag Niederosterreichisches Institut fur Landeskunde (NOIL) Seiten 7-24 -
2020
Titel "Landlessness". Reviewing the early modern property structure in southern Tyrol Typ Journal Article Autor Maegraith J Journal Zeitschrift für Agrargeschichte und Agrarsoziologie Seiten 19-37 Link Publikation -
2020
Titel Editorial: Landlos - vom 16. bis zum frühen 20. Jahrhundert Typ Journal Article Autor Lanzinger M Journal Zeitschrift für Agrargeschichte und Agrarsoziologie Seiten 7-18 Link Publikation -
2020
Titel Propriété, famille et arrangements de genre dans le monde rural Typ Other Autor Lanzinger M Link Publikation -
2020
Titel Introduction. Open Kinship Typ Journal Article Autor Borello B Journal Quaderni storici Seiten 629-641 Link Publikation -
2020
Titel Introduction DOI 10.1408/100604 Typ Journal Article Autor Borello B. Journal Quaderni Storici Seiten 629-641 Link Publikation
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2023
Titel Invitation to the keynote "Das Archiv als geschichtswissenschaftlicher Fundus und kulturelles Erbe" on the occasion of "Erster Südtiroler Archivtag" / "Prima giornata sudtirolese degli archivi", Bruneck/Brunico Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Continental/International