Macht und Diplomatie. Die illuminierte Urkunde in Frankreich
Power and Diplomacy. The Illuminated Charter in France
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (15%); Geschichte, Archäologie (15%); Kunstwissenschaften (70%)
Keywords
-
Art History,
France,
Middle Ages,
Illuminated Charters
Nur eine sehr kleine Minderheit der mittelalterlichen Urkunden, d.h. juristischen Dokumente, wurden mit gezeichneten oder bemalten Dekorationen verziert. Natürlich ändern diese Dekorationen den rechtlichen Inhalt nicht, aber sie sollen den Betrachter beeindrucken und ihn von der Bedeutung des Ausstellers überzeugen, der sie in der Regel beauftragt. Die Dekoration von Urkunden diente in erster Linie der ästhetischen Aufwertung und dem Bedürfnis nach Repräsentation von Eliten. Im Mittelpunkt dieser Untersuchung, die mit Hilfe digitaler Methoden auf der Datenbank monasterium.net durchgeführt wird, stehen französische Urkunden. In erster Linie ein kunsthistorisches Projekt, erfordert das Material einen interdisziplinären Ansatz, bei dem Kunsthistoriker, historische Hilfswissenschaftler und digitale Geisteswissenschaftler eng zusammenarbeiten. Eine Datenbank ist ideal für diese Art der Recherche, da sie es dem Benutzer ermöglicht, unterschiedliche Fragen zu dem präsentierten Material zu stellen. Allein die zeitliche Abfolge der einzelnen Datensätze ermöglicht es, die Entwicklung des Dekors zu beobachten und mit illuminierten Urkunden aus anderen europäischen Ländern zu vergleichen. Erstmals werden rund 750 unveröffentlichte dekorierte Urkunden aus Frankreich von den Anfängen bis etwa 1420 der Öffentlichkeit vorgestellt. In erster Linie nahmen die französischen Könige die Mühe und die Kosten auf sich um ihre Urkunden mit zusätzlichen Dekorationen zu verzieren. Auch Klöster oder Kapitel, Bischöfe und selten auch Privatpersonen ließen Urkunden schmücken. Zu den interessantesten Objekten gehören die Urkunden Karls V. des Weisen (reg. 13641380), der in einer heißen Phase des Hundertjährigen Krieges sein Andenken in der Runde der französischen Könige einerseits durch aufwendig gestaltete Urkunden sichern, andererseits aber auch wichtige Verbündete beeindrucken wollte. Eine breit angelegte Analyse der französischen illuminierten Urkunden wird der Forscher-Community eine beträchtliche Anzahl datierter und lokalisierter Illuminationen zur Verfügung stellen, deren Erforschung zu einer Revision des gegenwärtigen Wissens über die in Frankreich im Mittelalter produzierte Kunst führen könnte. Die Online- und Open-Access-Verfügbarkeit einer relevanten Masse unveröffentlichter Quellen wird Wissenschaftlern der Kunstgeschichte, Geschichte, Diplomatik, Heraldik, Paläographie und einer breiteren Öffentlichkeit den Zugang zu einer stark vernachlässigten Art von Quellen ermöglichen.
Das Projekt beschäftigte sich mit französischen Urkunden, die mit Dekor und/ oder mit bildlichen Darstellungen versehen sind. Diese Dekorationen sollten den Betrachter beeindrucken und ihn von der Bedeutung des Ausstellers überzeugen. Sie dienten dem Bedürfnis nach Repräsentation in der Kommunikation von Eliten. Hauptsächlich Könige, Prinzen und Kleriker bedienten sich dieses Mittels. Das Projekt hat eine Datenbank erstellt, in der größtenteils unbekannte Stücke öffentlich verfügbar gemacht wurden (https://www.monasterium.net/mom/IlluminierteUrkundenFrankreich/collection). Dort sind die Urkunden chronologisch erschlossen. Dabei arbeiteten KunsthistorikerInnen, DiplomatikerInnen und Digitale GeisteswissenschaftlerInnen zusammen. Über das für das Projekt von dem Digitalen Geisteswissenschaftler perfektionierte sogenannte Glossar ist es auch möglich, sich Urkunden aus den Königskanzleien, anderer Aussteller, bestimmte Stilgruppen und ikonographische Motive anzeigen zu lassen. Die internationale Forschergruppe mit deutscher und französischer Muttersprache hat mit dieser Sammlung von über 1.800 Einträgen ein Kompendium geschaffen, das die ungeheure Vielfalt des Zierrats von französischen Urkunden des Mittelalters präsentiert: von unscheinbaren Begleitlinien bis hin zu politischen Botschaften. Von den Forschungsergebnissen sind folgende besonders hervorzuheben: Guillaume aux Blanches-Mains (1135-1202), der als erster Bischof konsequent mit einem dekorierten Anfangsbuchstaben eine Art Markenzeichen für seine Urkunden schuf. In der Kanzlei des Philippe III (1270-1280) fanden erste Gesichter und Tiere Einzug in die Königsurkunde; das ist möglich, weil das Formular geändert wurde und nun der Name des Königs am Beginn steht. Unter Philippe V (1316-1322) wurde erstmals ein Buchmaler für Initialen beauftragt; bei Philippe VI (1328-1350) hat ein Buchmaler erstmals Büsten von König und Königin gezeichnet. Philippe VI hat dem Medium der illuminierten Urkunde entscheidende Impulse gegeben und ihre Wirkung für Familie, Verbündete und andere politische Botschaften zu nutzen gewusst. Die Blüte der Urkunde mit figürlicher Ausstattung freilich findet unter Charles V (1364-1380) statt: Mit dem bekannten Stück zu Beginn seiner Regentschaft vom Juli 1364 ist sein Andenken im königlichen Archiv gesichert; im Januar 1367 erscheint ein realistisches Portrait in der Initiale. Aber auch Freund und Feind bedenkt er mit Repräsentationen seiner Macht und Frömmigkeit (beispielsweise Dezember 1366, Januar 1368 oder Februar 1376). Unter den Prinzen erwies sich insbesondere Louis d'Orléans (1372-1407) als Meister der Zeichen. Unter den strengen Regeln der Gattung fanden die Schreiber aber auch Räume ihrer Kreativität freien Lauf zu lassen. Über solche Aspekte, aber auch spannende Neuentdeckungen berichtet das Blog des Projekts (https://cartafranca.hypotheses.org/). Zunächst auf X, seit Januar 2025 auf bluesky kann man sich weitere Einblicke in die Produktion illuminierter französischer Urkunden verschaffen (cartafranca.bsky.social). Das Projekt ist ein erfolgreiches Beispiel für interdisziplinäre Zusammenarbeit und ein Projekt, das mit seinem anschaulichen Material der breiten Öffentlichkeit die Vergangenheit und ihren eigenen Umgang mit rechtlichen Dokumenten näherbringen kann.
- Georg Vogeler, Universität Graz , assoziierte:r Forschungspartner:in
- Francoise Lemaire, Archives nationales - Frankreich
Research Output
- 31 Publikationen
- 1 Methoden & Materialien
- 2 Datasets & Models
- 1 Software
- 5 Disseminationen
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2025
Titel La dévotion toute politique d'une reine de France Typ Other Autor Jonathan Dumont Konferenz Macht, Diplomatie und Dekor - Pouvoir et diplomatie par l'enluminure Link Publikation -
2025
Titel Une reine face à son héritage Typ Other Autor Jonathan Dumont Konferenz Macht, Diplomatie und Dekor - Pouvoir et diplomatie par l'enluminure Link Publikation -
2022
Titel Kapseln und Schnecken. Oder: Wie wandlungsfähig waren die Schreiber von Philippe le Bel? DOI 10.58079/mana Typ Other Autor Gabriele Bartz Link Publikation -
2022
Titel So eine Viecherei: Drachen-Akrobatik auf Urkunden von Charles V DOI 10.58079/man5 Typ Other Autor Gabriele Bartz Link Publikation -
2022
Titel Wenig, aber effektvoll: Die illuminierten Urkunden des Jean le Bon DOI 10.58079/man4 Typ Other Autor Gabriele Bartz Link Publikation -
2022
Titel Eine Idee cool weiterentwickelt: Die illuminierten Urkunden des Hugues Aubriot DOI 10.58079/man3 Typ Other Autor Gabriele Bartz Link Publikation -
2022
Titel Über den Tod hinaus: Ein paar Urkunden der Marie de Blois DOI 10.58079/man2 Typ Other Autor Gabriele Bartz Link Publikation -
2022
Titel Ein Mann und sein Hund: Initialen von einem Unbekannten aus dem Jahr 1321 DOI 10.58079/man1 Typ Other Autor Gabriele Bartz Link Publikation -
2022
Titel Charles V, Jean IV de Bretagne et Du Guesclin Typ Other Autor Jonathan Dumont Konferenz Macht, Diplomatie und Dekor - Pouvoir et diplomatie par l'enluminure Link Publikation -
2022
Titel Charles V, entre le juridique et le dynastique Typ Other Autor Jonathan Dumont Konferenz Macht, Diplomatie und Dekor - Pouvoir et diplomatie par l'enluminure Link Publikation -
2022
Titel Charles de France, un régent quasi royal Typ Other Autor Jonathan Dumont Konferenz Macht, Diplomatie und Dekor - Pouvoir et diplomatie par l'enluminure Link Publikation -
2023
Titel Diplomatie et symbolique politique. Charles V, Charles II de Navarre et le traité de Paris (1365-1366) Typ Other Autor Jonathan Dumont Konferenz Macht, Diplomatie und Dekor - Pouvoir et diplomatie par l'enluminure Link Publikation -
2023
Titel Zwei neue Königshäupter. Philippe VI auf Urkunden oder wie ein Neufund eine Theorie zum Einsturz bringen kann DOI 10.58079/manc Typ Other Autor Gabriele Bartz Link Publikation -
2023
Titel Man sieht nur, die im Licht sind, die unter der Plica sieht man nicht - oder: auch das Urkundenlayout kann Überraschungen bieten DOI 10.58079/mand Typ Other Autor Gabriele Bartz Link Publikation -
2023
Titel Es geht auch umgekehrt: Ein Urkundenschreiber im Buchwesen DOI 10.58079/manf Typ Other Autor Gabriele Bartz Link Publikation -
2023
Titel Nicht viel los. Der große Mäzen Jean de Berry als Urkundenaussteller DOI 10.58079/mani Typ Other Autor Gabriele Bartz Link Publikation -
2023
Titel Drei an einem Tag und andere Urkunden mit gedrehten Initialen aus der Kanzlei von Charles V DOI 10.58079/manb Typ Other Autor Gabriele Bartz Link Publikation -
2023
Titel Illuminierte Urkunden als Wettstreit? DOI 10.58079/mang Typ Other Autor Gabriele Bartz Link Publikation -
2023
Titel Heute ein König? DOI 10.58079/manh Typ Other Autor Gabriele Bartz Link Publikation -
2021
Titel Plicadekoration: Hinschauen lohnt sich! DOI 10.58079/mamw Typ Other Autor Gabriele Bartz Link Publikation -
2021
Titel Eine Sammelindulgenz für das Hospital und die Bruderschaft in Saint-Sépulcre in Paris DOI 10.58079/mamv Typ Other Autor Gabriele Bartz Link Publikation -
2021
Titel Punkt, Punkt, Komma, Strich: Gesichter auf französischen Urkunden DOI 10.58079/mamx Typ Other Autor Gabriele Bartz Link Publikation -
2021
Titel Königshäupter ohne Ende: Philippe IV auf Urkunden DOI 10.58079/mamy Typ Other Autor Gabriele Bartz Link Publikation -
2021
Titel Eine Initiale als Markenzeichen - die Urkunden des Guillaume aux Blanches-Mains DOI 10.58079/mamz Typ Other Autor Gabriele Bartz Link Publikation -
2021
Titel Bilderzählung auf einer Urkundeninitiale DOI 10.58079/mamu Typ Other Autor Gabriele Bartz Link Publikation -
2024
Titel Viel los. Der große Mäzen Jean de Berry als Urkundenempfänger DOI 10.58079/12b8o Typ Other Autor Gabriele Bartz Link Publikation -
2024
Titel Eine Uhr, eine Uhr! DOI 10.58079/12xe3 Typ Other Autor Gabriele Bartz Link Publikation -
2024
Titel Déprédateurs, officiers rebelles et roi félon Typ Other Autor Jonathan Dumont Konferenz Macht, Diplomatie und Dekor - Pouvoir et diplomatie par l'enluminure Link Publikation -
2021
Titel La foi au secours du droit Typ Other Autor Jonathan Dumont Konferenz Macht, Diplomatie und Dekor - Pouvoir et diplomatie par l'enluminure. Link Publikation -
2021
Titel Un acte post-mortem de Marie de Blois ? Typ Other Autor Jonathan Dumont Konferenz Macht, Diplomatie und Dekor - Pouvoir et diplomatie par l'enluminure Link Publikation -
2022
Titel Jenseits der Minne. Einige Hochzeitsurkunden und Mitgiftverträge des Mittelalters Typ Conference Proceeding Abstract Autor Gabriele Bartz Konferenz Artes amatoria "L'amour courtois" in Text, Bild, Objekt und Musik (1180-1450)
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2020
Link
Titel Subcollection French charters from https://www.monasterium.net/mom/IlluminierteUrkunden/collection Typ Database/Collection of data Öffentlich zugänglich Link Link -
2014
Link
Titel Collection of illuminated charters in monasterium.net Typ Database/Collection of data Öffentlich zugänglich Link Link
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2024
Link
Titel Presentation in the ERC project "From Digital to Distant Diplomatics" DOI 10.5281/zenodo.12665709 Typ A talk or presentation Link Link -
2021
Link
Titel Carta franca on Twitter Typ Engagement focused website, blog or social media channel Link Link -
2021
Link
Titel Carta franca on Hypotheses DOI 10.58079/mams Typ Engagement focused website, blog or social media channel Link Link -
2022
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Titel GB, Jenseits der Minne. Einige Hochzeitsurkunden des Mittelalters Typ A talk or presentation Link Link -
2025
Link
Titel Carta franca on Bluesky Typ Engagement focused website, blog or social media channel Link Link