Multipotenz in der Neuralleiste bei Gesundheit und Krankheit
Control of multipotency in neural crest in health or disease
Wissenschaftsdisziplinen
Biologie (30%); Informatik (50%); Medizinisch-theoretische Wissenschaften, Pharmazie (20%)
Keywords
- Neural Crest,
- Multipotency,
- Development,
- Clonality,
- Single Cell Tramscriptomics
Stammzellen im Embryo können zu fast jedem Zelltyp werden, entscheiden aber letztendlich über ihr Schicksal, indem sie mit anderen Zellen kommunizieren. Auf dieser Grundlage kann die Realisierung der Multipotenz individuell oder kollektiv sein. Im Falle einer individuellen Multipotenz führen alle einzelnen Stamm- oder Vorläuferzellen zu einer ähnlichen Nachkommenschaft mit einer ähnlichen Abstammungsstruktur und einer nachgeschalteten Schicksalsverteilung. Im Falle einer kollektiven Multipotenz treffen einzelne Vorläufer, obwohl sie jeden Weg einschlagen könnten, schon frühzeitig schicksalsbeschränkende Entscheidungen, die nur einen Teil des Spektrums der nachgeschalteten Schicksale abdecken. Die Erzeugung des gesamten Spektrums nachgeschalteter Schicksale wird durch eine komplexe Verteilung überlappender und nicht überlappender Schicksalsbeschränkungen innerhalb einer Stammpopulation erreicht. Das Verständnis, wie Zellsignale das Schicksal von Stammzellen antreiben, könnte die Behandlung von Entwicklungsstörungen und Krebs bei Kindern beeinflussen. Neuralleistenzellen (NCC), die in erster Linie zur Gesichtsbildung, Herz und peripherem Nervensystem beitragen, sind hoch multipotent und daher ein perfektes Modellsystem zur Untersuchung von Einschränkungen und Entscheidungen von Zellschicksalen. Unsere vorläufigen Daten legen nahe, dass Zellen der Neuralleiste nach dem kollektiven Multipotenzmodell arbeiten, was für die Robustheit unserer Embryonalentwicklung verantwortlich sein könnte. Hier werden wir untersuchen, ob die Multipotenz der Neuralleiste nach dem Modell Population vs. Individuum funktioniert. Als nächstes werden wir untersuchen, wie die Flexibilität klonaler Strukturen für Robustheit in der Entwicklung sorgt und es ermöglicht, einer Stammzellinsuffizienz beim Alkoholsyndrom oder anderen angeborenen Anomalien zu widerstehen.
Wie kann eine kleine Gruppe embryonaler Zellen die enorme Vielfalt an Geweben hervorbringen, aus denen der Kopf der Wirbeltiere besteht? Diese Frage steht im Mittelpunkt der Forschung von Igor Adameyko zur Neuralleiste (Neural Crest), einer einzigartigen Zellpopulation, die aufgrund ihrer außergewöhnlichen Entwicklungsmöglichkeiten häufig als "viertes Keimblatt" bezeichnet wird. Lange Zeit ging man davon aus, dass jede einzelne Neuralleistenzelle eine universelle, multipotente "Superzelle" ist, die nahezu alle Zelltypen des Gesichts, des peripheren Nervensystems, des Pigmentsystems und verschiedener Organe hervorbringen kann. Dieses klassische Modell konnte jedoch nicht erklären, warum einzelne Zellen immer wieder bevorzugte Entwicklungswege einschlagen und wie der Embryo trotz seiner enormen Komplexität so zuverlässig aufgebaut wird. Das Labor von Igor Adameyko hat hierfür ein neues Konzept entwickelt: die kollektive Multipotenz. Demnach besitzen einzelne Neuralleistenzellen keine unbegrenzte individuelle Vielseitigkeit, sondern zeigen bereits früh eine gewisse Präferenz für bestimmte Entwicklungsschicksale. Erst als Gemeinschaft bewahren sie das vollständige Potenzial, das für den Aufbau komplexer Organe erforderlich ist. Um diese Prinzipien aufzudecken, kombinierte das Labor genetische Abstammungsanalysen, Einzelzellgenomik und moderne computergestützte Methoden. Dabei wurden sogenannte klonale Embeddings entwickelt - ein neues Verfahren, mit dem sich die Entwicklungswege tausender miteinander verwandter Zellen gleichzeitig visualisieren und analysieren lassen. Diese Analysen zeigten, dass einzelne Neuralleistenzellen reproduzierbare "Biases" besitzen, also bevorzugt zu Nervenzellen, Gliazellen, Pigmentzellen oder Skelettzellen werden. Diese Präferenzen stellen jedoch keine Einschränkung dar. Vielmehr sind sie Teil eines kooperativen Systems. Neuralleistenzellen verteilen die entwicklungsbiologischen Aufgaben untereinander und behalten als Gruppe die notwendige Flexibilität, um den komplexen Kopf der Wirbeltiere aufzubauen. Multipotenz ist somit keine Eigenschaft einzelner Zellen, sondern eine emergente Eigenschaft einer miteinander interagierenden Zellgemeinschaft. Diese Erkenntnis verändert unser Verständnis der Embryonalentwicklung grundlegend. Der Embryo löst ein hochkomplexes biologisches "Ingenieurproblem" nicht mithilfe identischer Universalzellen, sondern durch Arbeitsteilung innerhalb spezialisierter Zellgemeinschaften. Dieses Prinzip könnte auch den außergewöhnlichen evolutionären Erfolg der Wirbeltiere erklären, deren Köpfe hochintegrierte Kombinationen aus Knochen, Nerven, Sinnesorganen und Bindegeweben enthalten. Die Bedeutung dieser Forschung reicht weit über die Entwicklungsbiologie hinaus. Das Verständnis kollektiver Multipotenz könnte helfen, die Entstehung angeborener Fehlbildungen besser zu verstehen, neue Strategien für die regenerative Medizin zu entwickeln und Krankheiten wie Neuroblastome, Melanome oder Tumoren peripherer Nerven aufzuklären. Letztlich zeigt diese Arbeit, dass biologische Komplexität nicht aus der Leistungsfähigkeit einzelner Zellen entsteht, sondern aus ihrer Zusammenarbeit. Der Kopf der Wirbeltiere ist das Ergebnis einer kollektiven Entscheidung von Zellgemeinschaften, die kommunizieren, kooperieren und gemeinsam ihre Zukunft gestalten.
- Maria Eleni Kastriti, Medizinische Universität Wien , nationale:r Kooperationspartner:in
- Emma Andersson, Karolinska Institutet - Schweden
- Peter Kharchenko, Harvard Medical School - Vereinigte Staaten von Amerika
Research Output
- 304 Zitationen
- 24 Publikationen
- 2 Methoden & Materialien
- 3 Datasets & Models
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2025
Titel A competition model of multilineage priming and cell-fate decisions DOI 10.1016/j.celrep.2025.116690 Typ Journal Article Autor Steinschaden T Journal Cell Reports Seiten 116690 Link Publikation -
2026
Titel Coral growth, retraction, defense, and regenerative strategies revealed by live microCT DOI 10.1126/sciadv.aee3183 Typ Journal Article Autor Araslanova K Journal Science Advances -
2026
Titel Clonal embeddings allow exploratory analysis of lineage-resolved single-cell data DOI 10.64898/2026.04.30.720820 Typ Preprint Autor Isaev S -
2026
Titel Ribosomal modifications are associated with mesenchymal fate selection in the neural crest lineage. DOI 10.1038/s41467-026-70375-6 Typ Journal Article Autor Poverennaya I Journal Nature communications -
2022
Titel The transcriptional portraits of the neural crest at the individual cell level DOI 10.1016/j.semcdb.2022.02.017 Typ Journal Article Autor Erickson A Journal Seminars in Cell & Developmental Biology Seiten 68-80 Link Publikation -
2024
Titel Motor innervation directs the correct development of the mouse sympathetic nervous system DOI 10.1038/s41467-024-51290-0 Typ Journal Article Autor Erickson A Journal Nature Communications Seiten 7065 Link Publikation -
2023
Titel Motor nerves direct the development of the sympathetic nervous system DOI 10.1101/2023.03.17.533145 Typ Preprint Autor Erickson A -
2025
Titel ß-catenin-driven endomesoderm specification is a Bilateria-specific novelty DOI 10.1038/s41467-025-57109-w Typ Journal Article Autor Lebedeva T Journal Nature Communications Seiten 2476 Link Publikation -
2023
Titel Progressive development and heterogeneity of the neural crest lineage and spiral ganglion neurons Typ PhD Thesis Autor Louis Faure Link Publikation -
2021
Titel A vanishing-inertia analysis for finite-dimensional rate-independent systems with nonautonomous dissipation and an application to soft crawlers DOI 10.1007/s00526-021-02067-6 Typ Journal Article Autor Gidoni P Journal Calculus of Variations and Partial Differential Equations Seiten 191 -
2024
Titel Unbiased profiling of multipotency landscapes reveals spatial modulators of clonal fate biases DOI 10.1101/2024.11.15.623687 Typ Preprint Autor Erickson A Seiten 2024.11.15.623687 Link Publikation -
2024
Titel Applying single-cell and single-nucleus genomics to studies of cellular heterogeneity and cell fate transitions in the nervous system DOI 10.1038/s41593-024-01827-9 Typ Journal Article Autor Adameyko I Journal Nature Neuroscience Seiten 2278-2291 Link Publikation -
2023
Titel The peripheral nervous system DOI 10.1242/dev.201164 Typ Journal Article Autor Murtazina A Journal Development Link Publikation -
2023
Titel A previously uncharacterized Factor Associated with Metabolism and Energy (FAME/C14orf105/CCDC198/1700011H14Rik) is related to evolutionary adaptation, energy balance, and kidney physiology DOI 10.1038/s41467-023-38663-7 Typ Journal Article Autor Petersen J Journal Nature Communications Seiten 3092 Link Publikation -
2024
Titel Spatial Dynamics of the Developing Human Heart DOI 10.1101/2024.03.12.584577 Typ Preprint Autor Lázár E Seiten 2024.03.12.584577 Link Publikation -
2025
Titel SOX2+ sustentacular cells are stem cells of the postnatal adrenal medulla DOI 10.1038/s41467-024-55289-5 Typ Journal Article Autor Santambrogio A Journal Nature Communications Seiten 16 Link Publikation -
2025
Titel Melanocytes and photosensory organs share a common ancestry that illuminates the origins of the neural crest DOI 10.1038/s42003-025-08502-0 Typ Journal Article Autor Fatieieva Y Journal Communications Biology Seiten 1092 Link Publikation -
2025
Titel Directing stem cell differentiation by chromatin state approximation DOI 10.1101/2025.04.24.650451 Typ Preprint Autor Montano-Gutierrez L Seiten 2025.04.24.650451 Link Publikation -
2025
Titel Boosting multiplexing capabilities for error-robust spatial transcriptomic methods using a set exchange approach DOI 10.1126/sciadv.adr4026 Typ Journal Article Autor Boström J Journal Science Advances Link Publikation -
2025
Titel The role of microheterogeneity in cell fate decisions in neural progenitors and neural crest DOI 10.1016/j.conb.2025.103031 Typ Journal Article Autor Kamenev D Journal Current Opinion in Neurobiology Seiten 103031 Link Publikation -
2022
Titel Developmental heterogeneity of embryonic neuroendocrine chromaffin cells and their maturation dynamics DOI 10.1101/2022.05.26.493613 Typ Preprint Autor Akkuratova N Seiten 2022.05.26.493613 Link Publikation -
2024
Titel The chromatin regulator Ankrd11 controls cardiac neural crest cell-mediated outflow tract remodeling and heart function DOI 10.1038/s41467-024-48955-1 Typ Journal Article Autor Kibalnyk Y Journal Nature Communications Seiten 4632 Link Publikation -
2023
Titel The level of protein in the maternal murine diet modulates the facial appearance of the offspring via mTORC1 signaling DOI 10.21203/rs.3.rs-2542333/v1 Typ Preprint Autor Chagin A -
2022
Titel scFates: a scalable python package for advanced pseudotime and bifurcation analysis from single-cell data DOI 10.1093/bioinformatics/btac746 Typ Journal Article Autor Faure L Journal Bioinformatics Link Publikation
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2025
Link
Titel Clone2vec machine learning tool for generation and exploration of clonal embeddings DOI 10.64898/2026.04.30.720820 Typ Technology assay or reagent Öffentlich zugänglich Link Link -
2023
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Titel scFates tool for single cell trajectory analysis DOI 10.1093/bioinformatics/btac746 Typ Technology assay or reagent Öffentlich zugänglich Link Link
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2025
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Titel Boosting multiplexing capabilities for error-robust spatial transcriptomic methods using a set exchange approach DOI 10.5061/dryad.zkh1893m5 Typ Database/Collection of data Öffentlich zugänglich Link Link -
2025
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Titel Cranial neural crest single cell transcriptomics dataset DOI 10.1038/s41467-026-70375-6 Typ Database/Collection of data Öffentlich zugänglich Link Link -
2023
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Titel scFates DOI 10.1093/bioinformatics/btac746 Typ Computer model/algorithm Öffentlich zugänglich Link Link