Adelige Geschwister: Vermögen & soziale Konfigurationen
Noble Siblings: Wealth Arrangements & Social Configurations
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (50%); Soziologie (50%)
Keywords
-
Siblings,
Kinship,
Wealth,
Nobility,
Competitors,
Besitzungen an Grund und Boden machten einen beträchtlichen Teil des Vermögens und der Macht im frühneuzeitlichen Adel aus. Als ein besonders markantes Phänomen hat die verwandtschaftshisto- rische Forschung die Durchsetzung der Primogenitur herausgestellt. Das Projekt geht von der An- nahme aus, dass Verwandtschaft als zentrales Beziehungsnetz fungiert hat und dass Transfers und Arrangements von Vermögen grundlegende Auswirkungen auf die familialen und verwandtschaftli- chen Konfigurationen hatten. Unsere Ausgangs-Hypothese ist, dass es für das Verständnis dieses grundlegenden Prozesses notwendig ist, ein möglichst breites Ensemble an ehelichen, familialen und verwandtschaftlichen Vermögenstransfers und Vermögensarrangements in die Analyse einzubezie- hen und dabei den Fokus auf die jeweiligen familialen und verwandtschaftlichen Konfigurationen zu legen. Das Projekt untersucht erstens, inwieweit Eheschließungen in der nahen Verwandtschaft die Konzentration von Besitz und Vermögen unterstützt haben. Zweitens setzt das Projekt Fideikom- misse die Primogenitur vorsahen auf die Forschungsagenda als eine Institution, die Güterkom- plexe über Generationen hinweg stabilisierte, für den österreichischen Raum sozial- und verwandt- schaftshistorisch jedoch kaum erforscht sind. Beziehungen zwischen adeligen Geschwistern waren zwar von konkurrierenden Interessen geprägt; das Projekt konzentriert sich drittens jedoch auch auf Reziprozität, Kooperation, Aushandlungen und Interdependenzen. Ziel ist, vertiefte Einblicke in den Zusammenhang von Formen verwandtschaftlicher Ressourcenverteilung und Organisation zu geben. Geschwisterbeziehungen konstituieren dabei ein Schlüsselelement. Damit schließt das Projekt auch an aktuelle Debatten über die Herstellung und Perpetuierung sozialer Ungleichheit auf Grundlage von ererbtem Vermögen an. Die Umsetzung erfolgt in zwei Teilprojekten, die von Doktorand*innen bearbeitet werden. Das erste Teilprojekt fragt nach dem Zusammenhang zwischen Vermögensverteilung, Vermögensarrangements und generationaler Verwandtschaftsorganisation auf Grundlage von Verträgen, Testamenten und Nachlassverhandlungen. Im zweiten Teilprojekt geht es um die Modi der Aus- und Umgestaltung von Geschwisterbeziehungen in Korrespondenzen im Spannungsfeld von Konkurrenz und Nähe mit dem Schwerpunkt auf Vermögensbelangen. Methodisch orientiert sich das Projekt an einem Konzept der sozialen Praxis, das von Handlungsrepertoires und Handlungsoptionen ausgeht, sowie an mikrohisto- rischen und historisch-anthropologischen Ansätzen. Quantitative und qualitative Methoden ein- schließlich Ansätzen der Emotionengeschichte, der Briefforschung und der Situationsanalyse wer- den miteinander in Beziehung gesetzt. Das Projekt wird von Prof. Dr. Margareth Lanzinger geleitet, die beide Projektteile koordiniert und betreut. Die Teilprojekte bearbeiten Florian Andretsch, MA und Claudia Rapberger, MA.
Das Forschungsprojekt widmete sich der Untersuchung von familialen und verwandtschaftlichen Beziehungen innerhalb des österreichischen Adels im Kontext von grundlegenden Veränderungen in der Organisation von Familien und Verwandtenverbänden in der Frühen Neuzeit. Im Fokus stand die Frage, wie sich Erbpraktiken adeliger Familien veränderten und wie Geschwister mit den resultierenden Ungleichheiten umgingen. Anhand von vier Adelsfamilien - den Lamberg, Starhemberg, Trauttmansdorff und Harrach - konnte ein facettenreiches Bild über die Dynamiken innerhalb dieser sozialen Elite erarbeitet werden. Ein erstes wichtiges Resultat betrifft die Kooperation zwischen adeligen Geschwistern. Die Untersuchungen ergaben, dass Brüder und Schwestern ihre jeweiligen Positionen innerhalb der Familie gezielt für gemeinschaftliches Handeln nutzten. Der Übergang zur Primogenitur, der auch im österreichischen Adel wirtschaftliche Ungleichheiten zwischen Geschwistern gravierend vergrößerte, wird häufig als ein Auslöser von Spannungen betrachtet. In den analysierten Familien zeigt sich ein anderes Bild: Vor, während und nach der Einführung der Primogenitur traten Konflikte zwischen Geschwistern nur selten auf. Gegenseitige Unterstützungsleistungen sind in den Quellen weitaus häufiger nachweisbar. Geschwisterliche Zusammenarbeit fand in verschiedenen Bereichen statt, insbesondere in der Politik, der Wirtschaftsführung, der Ausbildung und Platzierung des Nachwuchses. Dabei wurde das Wohl der Familie berücksichtigt, oft aber auch individuelle Interessen wahrgenommen. Ein weiteres wichtiges Ergebnis zeigt sich hinsichtlich der Relevanz von Witwen innerhalb adeliger Familienstrukturen. Der Tod des Ehepartners veränderte die wirtschaftliche Situation dieser Frauen grundlegend und somit auch ihre Funktion als Bindeglied zwischen Herkunfts- und Heiratsfamilie. Obwohl Verbindungen zur Heiratsfamilie weiterhin genutzt wurden, ließ sich in den hier untersuchten Fällen eine deutliche Hinwendung zur Herkunftsfamilie beobachten. Diese Hinwendung impliziert jedoch keine Rückkehr der Witwen in die Abhängigkeit ihrer Brüder. Vielmehr verfügten Witwen aufgrund adeliger Ehegüterregelungen über erhebliche Ressourcen, mit denen sie soziale und ökonomische Macht ausübten. Darüber hinaus hatten sie - mitunter als Vormundinnen - häufig großen Einfluss auf die nachfolgende Generation, insbesondere in Bezug auf Kinder, Neffen und Nichten. Ihre mannigfaltigen Positionen machten sie zu einem zentralen Untersuchungsgegenstand des Projektes. Als drittes Ergebnis ist der Einfluss von Schuld- und Kreditbeziehungen auf die Dynamik zwischen adeligen Geschwistern zu nennen. In der Frühen Neuzeit stellten Schuldforderungen und zinstragende Finanzanlagen wichtige Formen von Besitz von Reichtum sowie unverzichtbare Versorgungsmöglichkeiten für landlose Familienmitglieder dar. Schuldenbasierte ökonomischen Verflechtungen zwischen Geschwistern entstanden beispielsweise im Zuge von Erbverhandlungen, in denen Ausgleichszahlungen oder Erbteile in rein finanzieller Form festgelegt wurden. Abseits von Erbschaften liehen Geschwister einander häufig Geld, wodurch finanzielle Abhängigkeiten entstanden. Auch spielten Schwestern und Brüder eine wichtige Rolle bei der Kreditvermittlung durch externe Geldgeber oder bei der Aushandlung von Bedingungen mit Gläubiger:innen. Die Finanzierung einer Vielzahl von Aktivitäten und Transaktionen durch Kredite ging jedoch auch mit Risiken einher. Alle der untersuchten Familien waren in unterschiedlichem Ausmaß mit Schuldenproblemen konfrontiert.
- Universität Wien - 100%
- Michaela Hohkamp, Universität Hannover - Deutschland
- Siglinde Clementi, Südtiroler Landesmuseen - Italien
- Simon Teuscher, University of Zurich - Schweiz
Research Output
- 4 Publikationen
- 4 Disseminationen
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2023
Titel Frühneuzeitliche Briefe aus den Federn adeliger Schwestern Typ Other Autor Rapberger Link Publikation -
2024
Titel Noble fideicommissa in the Archduchies of Upper and Lower Austria. On the spread, use and regulation of an aristocratic legal institution in the western Habsburg Empire (17th-18th centuries); In: VINCULUM. Privilege, Memory and Perpetuity: Entails and Entailment in Europe, ca. 1300-1800 Typ Book Chapter Autor Andretsch Verlag 978-989-26-2673-4 Seiten 109-142 Link Publikation -
2025
Titel VINCULUM. Privilege, Memory and Perpetuity: Entails and Entailment in Europe, ca. 1300-1800 DOI 10.14195/978-989-26-2673-4 Typ Book Verlag Coimbra University Press -
2021
Titel Familienplanung für die Ewigkeit. Sukzessionsordnungen in den Fideikommissurkunden niederösterreichischer Adelsgeschlechter des 17. Jahrhunderts; In: Vererben und Erben. Adelige, städtisch-bürgerliche und bäuerliche Kontexte Typ Book Chapter Autor Andretsch Seiten 25-54 Link Publikation
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2021
Link
Titel ESTER Research Design Course 2023, Lissabon, Oct. 17, 2021 Typ Participation in an activity, workshop or similar Link Link -
2023
Link
Titel ESSHC Gothenburg, Apr. 12, 2023 Typ Participation in an activity, workshop or similar Link Link -
2022
Titel PhD Workshop University of Vienna / Doktorand*innenworkshop an der Universität Wien, Jun 15, 2022 Typ Participation in an activity, workshop or similar -
2022
Titel Workhsop "Debt. The Good, the Bad and the Hidden. Bringing Family, Kin, Commerce and Consumption Debts together", Vienna, Sep. 17, 2022 Typ Participation in an activity, workshop or similar