Epigraphischer Kommentar zum Brief des Paulus an Philemon
Epigraphical Commentary on Paul’s Letter to Philemon
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (49%); Philosophie, Ethik, Religion (51%)
Keywords
- Paul,
- Epigraphy,
- Philemon,
- Commentary
Der Brief des sich in Gefangenschaft befindlichen Paulus an Philemon ist ein Privatbrief aus der Mitte des 1. Jhd. n.Chr., in dem der Apostel ein konkretes Problem anspricht: Der Sklave Onesmius war zu Paulus gekommen und hatte sich von ihm taufen lassen. Nun aber sollte er wieder zurück zu dem christusgläubigen Philemon, seinem Besitzer, gehen. Paulus ersucht nun darum, dass Onesimus für seine Flucht aus dem Haushalt des Philemon nicht bestraft werden sollte. Er sei vielmehr als ein christlich verstandener Bruder zu behandeln, wenngleich eine Freilassung nicht thematisiert wird. Außerdem hätte Paulus gerne, dass Philemon ihm später Onesimus im Rahmen der Verkündigung des Evangeliums überlassen solle. Trotz dieser sehr realen sozialen Anliegen enthält der Brief auch einige theologische Elemente, die dazu dienen sollen, Philemon zum von Paulus angestrebten Handeln zu bewegen. In der bisherigen Forschung wurde der Brief vor allem unter Heranziehung philosophischer und rechtlicher Literatur, aber auch papyrologischer Texte interpretiert. In diesem Projekt werden nun erstmals in interdisziplinärer Zusammenarbeit die zahlreichen epigraphischen Zeugnisse für die von Paulus verwendeten Worte und die angesprochenen sozialgeschichtlichen Verhältnisse herangezogen. Dies geschieht im Rahmen des Epigraphical Commentary on the New Testament (ECNT), der diese bisher vernachlässigte Quellengattung in den Fokus rückt. In der Ausarbeitung wird das Projekt einerseits die Verwendung von Lexemen (Nomen inkl. Namen, Verben, Adjektive und Adverben), die im Philemonbrief begegnen, in griechischen Inschriften untersuchen und deren Bedeutungsbreite erheben. Andererseits werden die sozialen Konstellationen, die im Brief angesprochen werden, untersucht, z.B. Sklaverei, Gefangenschaft, Haushaltsstrukturen oder das angestrebte Prinzip der Egalität. Dazu werden neben den Methoden historisch-kritischer Interpretation auch postmoderne und gendersensitive Ansätze angewandt. Die für die Forschung relevanten inschriftlichen Belege werden in epigraphischen Datenbanken gesucht und für das Projekt des ECNT gesammelt und geordnet, wobei lokale, zeitliche und linguistische Aspekte besonders berücksichtigt werden. Diese Funde werden so für die Interpretation des Philemonbriefes verwendet, dass daraus ein Kommentar entsteht, der zum einen die Belege systematisch präsentiert und zum anderen diese für das Verständnis des Philemonbriefes heranzieht. Auf diesem Weg wird ein neues Verständnis dieses neutestamentlichen Textes entwickelt, das die alltagssprachlichen und sozialen Kontexte des Schreibens im Rahmen der griechisch-römischen Antike ins Zentrum stellt.
- Universität Wien - 100%