Wege der wissenschaftlichen Weltauffassung
Ways of the Scientific World-Conception
Wissenschaftsdisziplinen
Philosophie, Ethik, Religion (100%)
Keywords
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Rudolf Carnap,
Otto Neurath,
Vienna Circle,
Logical Empiricism,
Scientific World-Conception,
Philosophy of Science
Rudolf Carnap (18911970) und Otto Neurath (18821945) waren zwei zentrale Mitglieder des Wiener Kreis und damit maßgeblich bestimmend für die Entwicklung der wissenschaftlichen Weltauffassung des Logischen Empirismus. Entgegen eines lange vorherrschenden Klischees handelt es sich bei dieser Bewegung weder um eine philosophisch naive, unkritisch der Naturwissenschaft verschriebene Denkrichtung, noch um eine wirklich einheitliche Schule im herkömmlichen Sinn. Carnap und Neurath, die beide zum so genannten linken Flügel des Kreises gerechnet werden, teilten neben ihren politischen Überzeugungen insbesondere die antimetaphysische Einstellung, darüber hinaus jedoch finden sich teils tiefgreifende philosophische Differenzen. Die Diskussion von Streitpunkten fand in den Publikationen von Carnap und Neurath allerdings nur in stark abgeschwächter, mitunter nur angedeuteter Weise statt: inmitten einer philosophisch wie politisch feindlichen gesinnten Umgebung galt es, den Zusammenhalt zu betonen; Unstimmigkeiten wurden möglichst im kleinen Kreis oder in der Korrespondenz besprochen. Die Beiträge dieses Bandes beleuchten aus verschiedenen Perspektiven die verwickelten Beziehungen zwischen diesen beiden Schlüsseldenkern. Im ersten Teil steht die Vorgeschichte im Zentrum, die unterschiedlichen philosophischen Prägungen, vom Herbartianismus bis zum Empiriokritizismus. Der zweite Zeil rekonstruiert die philosophischen Debatten um Einheitlichkeit der Wissenschaft und Intersubjektivität (Physikalismus) sowie Erfahrungsbasis und Struktur von Erkenntnis (Protokollsatz-Debatte) bis zur von Carnap und Neurath kontrovers diskutierten Frage der Möglichkeit und Reichweite von formal orientierter Betrachtungsweise und Semantik. Die Beiträge des dritten Teils sind dem Verhältnis zu Zeitgenossen wie Ludwig Wittgenstein, Bertrand Russell und Kurt Gödel gewidmet sowie der bildpädagogischen Arbeit Neuraths und dessen im englischen Exil entwickelten weltanschaulichen Analysen. Gemeinsam ist den hier enthaltenen Aufsätzen die Benutzung bislang unveröffentlichter Quellen, vor allem des umfangreichen Briefwechsels, der unverzichtbar ist für die Rekonstruktion der Entwicklung einer der wichtigsten philosophischen Strömungen des 20. Jahrhunderts inmitten dunkler Zeit.