Wissenschaftsdisziplinen
Kunstwissenschaften (100%)
Keywords
Acting Theory Dissociation Double Consciousness Th
Abstract
Kommt es beim Schauspielen zu Bewusstseinsspaltungen? Lassen sich solche
Spaltungsvorgänge womöglich für die Arbeit an unterschiedlichen Rollen gezielt steuern?
Und was würde das für die in Schauspieltheorien vieldiskutierte Frage, ob Schauspieler:innen
die Gefühle ihre Rollen fühlen sollten oder nicht, bedeuten?
Im 19. Jahrhundert wurden veränderte Bewusstseinszustände zu einem wichtigen
Forschungsthema. Besonders in Frankreich begann man zu verstehen, dass das menschliche
Bewusstsein in verschiedene Teile gespalten sein kann. Verfahren der Hypnose und
Suggestion bzw. Zustände des Somnambulismus und der Trance rückten ins Zentrum
psychowissenschaftlicher Aufmerksamkeit, um Aufschluss über die verborgenen Sphären
des Ich zu erlangen. Diese Entdeckungen wurden auch von Theoretiker:innen des Theaters
aufgegriffen. Sie nutzten dieses Wissen, um die Fähigkeiten von Schauspieler:innen zur
Verwandlung und zur Darstellung unterschiedlicher Charaktere besser zu verstehen sowie
theoretisch weiterzuentwickeln.
Die geförderte Publikation untersucht, wie Schauspieltheoretiker um 1900 neue
psychologische Erkenntnisse zu Bewusstseinsspaltungen aufgriffen und in ihre Überlegungen
einbezogen. Im Fokus stehen vier zentrale Theaterdenker dieser Zeit: Constant Coquelin,
William Archer, Max Martersteig und Edward Gordon Craig. Anhand ihrer Schriften aus den
Jahren 1880 bis 1910 wird aufgezeigt, wie sich durch den Einbezug bewusstseinstheoretischer
Überlegungen die traditionelle Auffassung von Identität und Identifikation im Schauspiel
veränderte.
Diese Studie bietet eine neue Perspektive auf die Entwicklung der Schauspieltheorie zu
Beginn des 20. Jahrhunderts und zeigt, wie sehr die Auseinandersetzung mit Kunst durch
wissenschaftliche Theorien beeinflusst war.