Konstruktion von Anderen im päpstlichen Rom d. 8. u. 9. Jh.
Construction of alterity in 8th- and 9th-century papal Rome
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (70%); Philosophie, Ethik, Religion (20%); Sprach- und Literaturwissenschaften (10%)
Keywords
-
Papacy,
Early Middle Ages,
Others,
Othering,
Liber Pontificalis,
Codex Carolinus
Unter wechselnden politischen Rahmenbedingungen sah sich das Papsttum im achten und neunten Jahrhundert mit einer Vielzahl von Fremden, insbesondere mit vielen fremden Völkern konfrontiert, zum Teil im Zuge einer (durchaus selbstbewussten) geistlichen Machtpolitik: die Päpste waren in ihrer Interaktion mit den Anderen mitten im politischen Geschehen der Apenninenhalbinsel. Als Quellen für die Untersuchung wurden vor allem die für das jeweilige Zeitfenster vorhandenen Papstbriefe und der römische Liber Pontificalis herangezogen. Im achten Jahrhundert stammen die noch erhaltenen Papstbriefe dabei größtenteils aus dem Codex Carolinus, der in der Wiener Handschrift CVP 449 erhalten ist und eine Auswahl von etwa 100 Papstbriefen an karolingische Adressaten von 739 bis 792 bietet. Im neunten Jahrhundert sind die Papstbriefe wesentlich verstreuter überliefert, wenn man von dem hochmittelalterlichen Auszug aus dem Register Johannes VIII. und, mit Einschränkungen, der so genannten Collectio Britannica absieht. Für die Untersuchung wurden drei Beispiele besonders herangezogen, die auf jeweils verschiedene Art und Weise das Papsttum im behandelten Zeitraum besonders geprägt haben. Das erste Beispiel beschäftigt sich mit den Beziehungen der Päpste zum Kaiserreich im achten Jahrhundert. Es handelt sich hierbei um die für die Päpste komplizierteste Kommunikation mit Anderen, weil Rom bis ca. 776 noch Teil des Kaiserreichs war und sich das Papsttum auch lange als wesentlicher Teil des Reiches verstand. Doch ab der Mitte des achten Jahrhunderts begannen die Päpste, ziemlich konsequentes Othering gegen den Kaiser, den Kern des Reiches in Kleinasien und die dort lebende Oberschicht zu betreiben, indem sie sie als Greci von den eigenen Römern absetzten. Als zweites Beispiel dienen die wechselhaften Beziehungen der Päpste zu den Langobarden und Franken. Im Gegensatz zu den Greci war es für die Päpste nie schwierig, die Langobarden als Fremde einzustufen. Und doch lagen mit den Langobarden, die auf allen Seiten unmittelbare Nachbarn des römischen Dukats waren, Kooperation und Konflikt näher, als uns die gängige Historiographie glauben macht. Ein gutes Beispiel liefert hierfür der Langobardenkönig Desiderius, der zunächst von römischen Quellen hochgelobt wurde, nur um wenig später regelrecht verteufelt zu werden. Nur ein Jahr nach einem Papstbrief, der sich besonders scharf gegen die Langobarden und Desiderius Familie aussprach, konnte der König aber vom selben Papst, Stephan III., schon wieder als excellentissimus filius noster, als unser vorzüglichster Sohn titutliert werden. Die Franken sind insofern ein ähnlich gelagerter Fall, weil auch sie zunächst sehr einfach als Andere präsentiert werden konnte weswegen sie auch mit den Langobarden in einem gemeinsamen Abschnitt behandelt werden. Die Franken waren zwar ab 754 die wichtigsten Bündnispartner des Papsttums, doch gerade deshalb war es für die Päpste wichtig, sie auf einer angenehmen Distanz zu halten und nicht in der päpstlichen In-Group zu integrieren. Das letzte Beispiel erlaubt dann den Blick ins neunte Jahrhundert. Es widmet sich dem Konflikt der Päpste mit den Sarazenen, der besonders starken Einfluss auf die Entwicklung des Papsttums nahm, nachdem eine größere sarazenische Gruppe im Jahr 846 Rom angegriffen und unter anderem die wichtigsten vor der Mauer gelegenen Basiliken, St. Peter und St. Paul, vollständig geplündert hatte. Dieser Schock hatte auch auf die päpstliche Selbstwahrnehmung und auf die päpstliche religiöse Position im Bezug auf kriegerische Auseinandersetzungen entscheidenden Einfluss. Zum einen wurden Kämpfer, die gegen Heiden gefallen waren, zunehmend als Märtyrer eingestuft. Zum anderen wurde nun stärker als zuvor versucht die lange Zeit als Fremde wahrgenommenen süditalienischen Langobarden und die anderen Machhaber der Region zu integrieren. Alleine dieser Fall belegt sehr anschaulich, wie relativ die Wahrnehmung von Anderen immer war: Im Vergleich zu den Sarazenen standen alle anderen Bewohner Italiens dem Papst näher.