Malstil und Schreibsprache
Painting style and scribal language
Wissenschaftsdisziplinen
Kunstwissenschaften (50%); Sprach- und Literaturwissenschaften (50%)
Keywords
-
Book illumination,
History of Books,
Linguistics (German),
History of Art,
Mediaval History
Untersuchungsgegenstand der einerseits kunsthistorisch-stilgeschichtlichen und andererseits germanis-
tisch-sprachwissenschaftlichen Studie ist eine undatierte Bilderhandschrift des Jüngeren Titurel, (ehem.
als Fernberger-Dietrichsteinsche Handschrift bekannt), die sich bis 1976 in Privatbesitz befand und daher
der Wissenschaft nicht kontinuierlich zugänglich war. In vier einleitenden Abschnitten wird der Codex kurz
als physisches Objekt beschrieben, die Forschungsgeschichte, besonders das verhängnisvolle Zusam-
menwirken von Kunstgeschichte und Dialektbestimmung, abgehandelt, die Provenienzgeschichte vom 16.
bis ins 20. Jahrhundert zusammengefasst (wobei einige neue Erkenntnisse präsentiert werden können)
und schließlich, als Überleitung zu den beiden Hauptteilen, der Autor, Form und Inhalt des Werkes sowie
dessen Überlieferung und Rezeption kurz vorgestellt werden.
In den so konstituierten Rahmen werden die beiden Spezialstudien gestellt, die versuchen, mit den je
spezifischen Mitteln der Fachdisziplinen der Autoren die Handschrift zu lokalisieren und zu datieren. Das
Gemeinschaftsunternehmen, angeregt von Martin Roland, war so konzipiert, dass beide Partner unbeein-
flusst vom neuesten Kenntnisstand des Kollegen ihren Abschnitt entwickelten und erst in einer zweiten
Phase die erstaunlich übereinstimmenden Ergebnisse diskutiert wurden. Um den unabhängig erarbei-
teten Vorschlag zur Lokalisierung Regensburg klarer in den Fokus zu stellen, wurden die beiden Ab-
schnitte entsprechend konkretisiert und ergänzt.
Der kunsthistorisch-stilgeschichtliche Abschnitt (Martin Roland) stellt zuerst die Situation in Tirol, dort-
hin wurde der Codex zuletzt meist gesetzt, vor. Es finden sich im gut erforschten Bestand keinerlei sub-
stantielle Vergleichsbeispiele. Vor allem die an der Grenze zum italienischen Kulturraum übliche Rezepti-
on von dessen Errungenschaften weicht entscheidend von der durch Musterbücher geprägten punktuellen
Übernahme von italienischen (und antiken) Vorbildern ab. Dieses Thema wird konkret an der Darstellung
von Pferden in außergewöhnlichen Haltungen und an der Wiedergabe von aktuellen Veränderungen im
Schiffsbau abgehandelt. Ein zweiter Schritt belegt, dass die Stilgrundlage, auf der die Ausstattung des
Cgm 8470 aufbaut, zweifellos in Wien gelegt wurde. Die bisher vollkommen unbeachteten Deckfarbenini-
tialen, vor allem die aufwendige Incipitseite fol. 1r, zeigen einen Initial- und Rankenstil, der ganz konkret
auf die Entwicklung in Regensburg verweist, in die der Münchener Titurel um 1430/35 genau an die Stelle
gesetzt wird, an der der Einfluss des Meisters der Worcester-Kreuztragung alle anderen Stilidiome zu ver-
drängen beginnt.
Die sprachwissenschaftliche Untersuchung (Peter Wiesinger) bringt zuerst Argumente vor, warum die
bisher gängige Zuordnung zum Südbairischen nicht mehr aufrecht zu erhalten ist, weil es den immer wie-
der behauptete Schreibunterschied in der Wiedergabe von mhd. k/ck als Affrikatenschreibung