Sportfunktionäre und jüdische Differenz
Sports officials and Jewish difference
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (70%); Geschichte, Archäologie (30%)
Keywords
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Jewish difference,
Sports Officials,
Popular Culture,
Interwar Vienna,
Perfomative Identies,
Antisemitism
Juden waren in Wien im modernen, urbanen Sport in großer Anzahl aktiv das ist ein zentrales Ergebnis des Forschungsprojekts Jüdische Sportfunktionäre im Wien der Zwischenkriegszeit. Das Projekt konnte die Namen von etwa 630 Sportfunktionären und knapp über 20 Funktionärinnen erschließen, die zwischen 1918 und 1938 in Wien tätig waren. Obwohl die meisten dieser FunktionärInnen bei jüdischen oder zumindest jüdisch konnotierten Vereinen aktiv waren, lässt sich zeigen, dass auch bei als nichtjüdisch bzw. antisemitisch beschriebenen Klubs präsent waren. So hatten alle wichtigen Wiener Fußballvereine (mit einer Ausnahme) jüdische Funktionäre. Das heißt aber nicht, dass die Funktionärstätigkeit ein offenes soziales Feld war. Die Tätigkeit als SportfunktionärIn war mit wenigen Ausnahmen nur für einen kleinen Ausschnitt der Gesellschaft zugänglich, verknüpft mit den Attributen männlich, Mittelklasse und mittelalt. Die persönlichen Kontakte innerhalb dieser Gruppe waren wichtig bei der Bildung von Netzwerken, die sich in manchen Fällen mit alten familiären und beruflichen Netzwerken vermischten, in anderen Fällen ersetzten sie diese. SportfunktionärInnen (zumindest jene bei den größeren Vereinen der populären Sportarten) waren im Wien der Zwischenkriegszeit öffentliche Figuren, sie waren Gegenstand von Berichterstattung in Tages- und Sportzeitungen. Die FunktionärInnen repräsentierten ein neues Feld der Populärkultur, das in der Zwischenkriegszeit für breite Teile der Gesellschaft wichtig wurde. Deshalb haben ihre Selbstdarstellung und die Zuschreibungen an sie eine Signifikanz, die weit über den Bereich des Sports hinausgehen. Das gilt auch für politische Diskurse: Die strikten Regulative des Sports brachten Grenzen und Widersprüche zeitgenössischer Konzepte von Nation und Staatsbürgerschaft zum Vorschein. Das zeigte sich besonders deutlich an der Frage einer jüdischen Nation, eines Konzeptes, das im Sportbereich weitgehend akzeptiert wurde. Die Kombination von unterschiedlichen Wissenschaftsbereichen, vor allem Sport- und Kulturgeschichte mit Jüdischen Studien brachte spezifische neue Erkenntnisse, vor allem in Hinblick auf die Mechanismen der Konstruktion des Juden als den Anderen. Dieser genaue Blick auf die Konstruktion des Anderen und die wichtige Rolle von Populärkultur in diesem Zusammenhang, haben Erkenntnisse gebracht, die auch für die Analyse aktueller Diskurse etwa zu Migration hilfreich sein können.
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