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Visuelle Kulturen des Balkans und des Nahen Ostens

Visual cultures of the Balkans and the Near East

Karl Kaser (ORCID: )
  • Grant-DOI 10.55776/PUB69
  • Förderprogramm Buchpublikation
  • Status beendet
  • Bewilligungssumme 16.000 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Geschichte, Archäologie (25%); Kunstwissenschaften (25%); Philosophie, Ethik, Religion (50%)

Keywords

    Balkans, Media, Near East, Religion, Visual Culture, Pictorial Turn

Abstract

Der pictorial turn, der seit Mitte der 1990er Jahre die Geistes-, Kultur-, Religions- und Sozi-alwissenschaften beeinflusst, ist in seiner Theoriebildung bislang primär auf die westliche Welt ausgerichtet. Dies hat nicht unwesentlich damit zu tun, dass im Zeitalter des technisch reproduzierbaren Bildes (Lithografie, Fotografie, Film, Fernsehen, digitalisiertes Bild) die ent-sprechenden Innovationen von dieser ausgegangen sind. Es ist daher eines der Ziele des Buchs, die Theoriebildung aus einem anderen Blickwinkel - dem des Balkans und des Nahen Ostens - zu erweitern. Der Ausgangspunkt und die zentrale Fragestellung der Analyse ist, ob der Balkan und der Nahe Osten, die seit frühgeschichtlicher Zeit einen gemeinsamen Kommunikationsraum bildeten (Kapitel 1), eine gemeinsame visuelle Kultur hervorgebracht haben. Daran schließt die Frage, in welchen Formen diese regionale Tradition bzw. regionalen Traditionen mit den westlichen visuellen Kulturen amalgamierten. Das Ergebnis ist, dass die visuellen Traditionen der beiden Regionen sowohl Unterschiede als auch Gemeinsamkeiten aufweisen. Erstere sind primär religiöser Natur, da Islam und Judentum aufgrund des zweiten alttestamentarischen Gebots die Darstellung Gottes und der von ihm geschaffenen Wesen ablehnten. Das orthodoxe Christentum hingegen setzte die Ikone den Evangelien gleich. Die wichtigsten Gemeinsamkeiten bestehen in der Ablehnung der Dreidimensionalität und der Betrachterperspektive. Dies unterscheidet den Balkan und den Nahen Osten bis etwa 1900 insgesamt vom lateinischen Europa (Kapitel 2-4). Eine zentrale These des Buchs lautet, dass die Fotografie das Tor zur visuellen Kultur des Westens öffnete. Sie wurde zwar anfänglich von der Orthodoxie und bis ca. 1900 von Juden-tum und Islam abgelehnt, ihre späte Akzeptanz trug dennoch wesentlich zur Säkularisierung religiöser Blickweisen bei. Gleichzeitig ermöglichte dieses Desinteresse die konkurrenzlose Konstruktion von Bildern über den Balkan und den Nahen Osten durch Fotografen aus dem Westen. Eine weitere zentrale These lautet daher, dass die Fotografie einen wesentlichen Anteil an der Essenzialisierung der beiden Regionen im Sinne des Balkanismus (Todorova) und Orientalimus (Said) hat (Kapitel 5 und 6). Die sozialistische Zwischenperiode (Kapitel 8) ausgenommen, mündeten die Säkularisie-rungsprozesse jedoch nicht in säkulare, sondern lediglich in semisäkulare Gesellschaften. Dies äußert sich etwa darin, dass die Rezeption der westlichen Visualisierungskultur bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts entweder ein Eliteprojekt (Balkan, Türkei) darstellte oder abgelehnt wurde (arabische Welt) (7. Kapitel). Die Digitalisierung führte bislang zu ambivalenten Ergebnissen: Sie stärkt fundamentalistische religiöse Gruppen, die gleichzeitig jedoch figürli-che Repräsentationen zurückweisen (Kapitel 9 und 10).

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