Adorno versus Lyotard. Moderne und Postmoderne Ästhetik
Adorno versus Lyotard. Modern and Post-modern Aesthetics
Wissenschaftsdisziplinen
Kunstwissenschaften (30%); Philosophie, Ethik, Religion (70%)
Keywords
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Adorno,
Lyotard,
Aesthetics,
Postmodernism,
Modernism,
Contemporary Music
Es ist allgemein bekannt, dass Theodor W. Adorno seine ästhetische Theorie auf Basis profunder Musikkenntnisse entwickelte. Dass die Musik auch für Jean-François Lyotard von besonderer Wichtigkeit war und er stark von Adorno beeinflusst wurde, wurde bis heute allerdings kaum entsprechend wahrgenommen. Sowohl Philosophen als auch die Musikwissenschafter sprachen trotz der Bekanntheit seines sogenannten "postmodernen" Denkens die Bedeutung von Lyotards Ästhetik für die Musik des 20. und 21. Jahrhunderts bisher nur in Einzelfällen an. Durch den Vergleich mit der Musikphilosophie Adornos intendiert dieses Buch eine adäquate Rezeption des Werkes von Lyotard aus musikwissenschaftlicher Sicht zu initiieren, wobei es dessen Entwicklung von den "heidnischen" Anfängen bis zur späten Konzeption einer "informellen" Kunst nachzeichnet. Als erster umfassender Vergleich der Ästhetik beider Denker leistet es auch einen Beitrag zur Erforschung der Rezeption der Kritischen Theorie in Frankreich. Das erste Kapitel stellt die Verbindung von kulturkritischem Denken und Kunstauffassung bei beiden Autoren dar, wobei im Besonderen die frühen Texte Lyotards Berücksichtigung finden. Daher erscheint der Abstand zu Adorno zunächst groß, wenn sich auch bereits hier deutliche Gemeinsamkeiten der Sichtweise von Kunst und Gesellschaft abzeichnen. Beide sind von der marxistischen Gesellschaftskritik beeinflusst. Lyotard nimmt jedoch eine radikalere Position ein als Adorno und will zunächst Kritik durch eine affirmative revolutionäre Praxis ersetzen. Auch der Musikgeschichte nähern sich beide unterschiedlich an: Während Adorno von der Klassik und der Romantik ausgeht, hat Lyotard die Avantgarde als Modell im Auge. Das zweite Kapitel stellt Lyotards sprachkritische Schriften Adornos Negativer Dialektik gegenüber und zeichnet damit die Entwicklung von anfänglichen Parallelen bis hin zur direkten Anknüpfung Lyotards an Adorno nach. Beide wenden sich gegen die Abstraktheit der Sprache, der sie die Sinnlichkeit der Welt gegenüberstellen. Versucht Adorno, dieser mit Hilfe einer Methodik des Widerspruchs gerecht zu werden, entwickelt Lyotard das Konzept des Widerstreits, um das sprachlich nicht Ausdrückbare in Erinnerung zu rufen. In direktem Anschluss an Adorno setzt er sich mit den Folgen von Auschwitz für Kunst und Denken auseinander und spricht der Kunst eine ethische Dimension zu. Das dritte Kapitel zeichnet die weitere Annäherung Lyotards an Adorno anhand der Kant-Rezeption beider Autoren nach. Diese vollzieht sich auf Basis einer von Walter Benjamin inspirierten Diagnose der Krise der Wahrnehmung in der Moderne und deren Folgen für die Kunst. Beide konzipieren ihr Werkverständnis maßgeblich aus der Perspektive der Rezeption. Im Zentrum steht die Kategorie des Erhabenen, die angesichts der zunehmenden Entzauberung der kapitalistisch-aufgeklärten Welt und des immer stärker wahrnehmbaren Transzendenzverlusts als krisenhaft wahrzunehmenden Veränderungen unterzogen ist. Das vierte Kapitel widmet sich zwei zentralen thematischen Anknüpfungspunkten Lyotards an Adorno: erstens Überlegungen zur Befreiung des Materials, wobei Lyotards Überlegungen zu Gesetz und Materie Adornos Reflexionen zum Verhältnis von Konstruktion und Ausdruck bei der Formgenese fortsetzen; zweitens der zeitlichen Dimension der Kunst, woraus sich ihr großes Interesse für die Zeitkunst Musik erklärt.