Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Victim Narratives in Transnational Contexts
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (30%); Sprach- und Literaturwissenschaften (70%)
Keywords
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Victim Narratives,
Politics Of Memory,
Cultural Studies,
Transnational Memory,
Contemporary Literature,
Multidirectional Memory
Die Figur des Opfers scheint wie kaum ein anderes Phänomen gegenwärtige Gesellschaften zu polarisieren. Ausgehend von diesem allgemeinen Befund lotet die Buchpublikation Opfernarrative in transnationalen Kontexten Möglichkeiten und Formen einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Opfersein aus. Sie schließt damit an aktuelle wissenschaftliche wie auch gesellschaftliche Debatten an und setzt sich mit Opfernarrativen in künstlerischen, insbesondere literarischen Texten, die nach 1989 entstanden sind, auseinander. Das Augenmerk liegt auf den europäischen Literaturen und Kulturen der unmittelbaren Gegenwart. Die Herausgeber*innen gehen von der These aus, dass der diskursiv erzeugte und juristisch fixierte Opferstatus für Individuen und Gruppen insofern erstrebenswert erscheint, als er moralische Überlegenheit verleiht und eine Anerkennung garantiert, die aus in Gesetzesform gegossenen Rechten und Ansprüchen entsteht. Das Opfer ist positiv konnotiert und erfährt Empathie und Solidarität in der öffentlichen Wahrnehmung. Das darauf basierende Begehren nach dem Opferstatus sowohl auf individueller als auch auf kollektiver Ebene haben u. a. Jean- Michel Chaumont, Peter Novick, Michael Rothberg, Esther Benbassa oder jüngst der italienische Literaturwissenschaftler Daniele Giglioli kritisiert. Die Festlegung des Gedächtnisses auf die Holocaust-Opfer schaffe nicht nur eine Opfer-Hierarchie, sondern der allgegenwärtig zu beobachtende Opferkult so eine zentrale These Gigliolis würde das Opfer auch vor Kritik schützen und es geradezu unangreifbar machen. Opfer seien stets auf in der Vergangenheit liegende Ereignisse reduziert und fixiert, was letztlich den Opferkult zu einer rückwärtsgewandten Ideologie mache und eine in die Zukunft gerichtete Handlungsorientierung und politische Zielperspektive verhindere. Die Forschungsfragen, die in der Buchpublikation gestellt werden, konzentrieren sich auf vier Leitbegriffe bzw. Konzepte: (1) auf Möglichkeiten der Repräsentation(e n) des Opfers, (2) auf Artikulation(en) des ,Opferseins und das Erlangen von Handlungsmacht, (3) auf Opferkonkurrenzen und Ambivalenzen zwischen Tätern und Opfern, und (4) auf Versuche, die vereinfachende Polarisierung zwischen Tätern und Opfern zu überwinden. Die Auseinandersetzung mit Opfernarrativen erfolgt aus einer dezidiert transnationalen Perspektivierung und unter Anwendung aktueller Methoden und Ansätze aus den Literatur- und Kulturwissenschaften.