Die Canabae von Carnuntum - eine Modellstudie
The canabae legionis of Carnuntum - a case study
Wissenschaftsdisziplinen
Geowissenschaften (5%); Geschichte, Archäologie (95%)
Keywords
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Carnuntum,
Canabae Legionis,
Aerial Photography,
Limes,
Geographic information systems,
Land Surveying
Nach wie vor ist der archäologische Forschungsstand zu den römischen canabae, zu den Vorstädten von Legionslagern, bei weitem nicht so gut wie zu den Kastellvici, also der Siedlungsform, die sich um ein Auxiliarkastell entwickelte. Die geringere Anzahl an Legionsstandorten, die Größe dieser Siedlungen und vor allem deren kontinuierliche, nachantike Überbauung, vielfach in Form von mittelalterlichen Städten, sind die entscheidenden Faktoren für diesen ungleichen Forschungsstand. In einer Kooperation des Luftbildarchivs des Instituts für Ur- und Frühgeschichte der Universität Wien, des Museums Carnuntinum und des Instituts für Kulturgeschichte der Antike der ÖAW wurde eine Gesamterfassung der Carnuntiner canabae durchgeführt, die die luftbildarchäologischen Untersuchungen der letzten Jahre mit den vorliegenden Grabungsergebnissen zusammenführte. Aufgrund des offenen, weitgehend landwirtschaftlich genutzten Geländes herrschen im Bereich um das Carnuntiner Legionslager besonders günstige Ausgangsbedingungen. Wie an keinem anderen Legionsstandort an der Rhein- und Donaugrenze können in Carnuntum mithilfe der Luftbildarchäologie die Ausdehnung und die Siedlungsstruktur einer Lagerstadt großräumig dokumentiert und in ihrem Kontext zum Legionslager und zur benachbarten Zivilstadt gesetzt werden. Der neue Gesamtplan zeigt archäologische Strukturen, die sich über mehrere Quadratkilometer erstrecken und von der dichten Bebauung des Stadtareals der canabae bis zu Strukturen der Wasserversorgung an der Peripherie der Lagervorstadt reichen. Die Luftbildauswertung aus dem Bereich der Carnuntiner canabae ist somit nicht nur eine willkommene Ergänzung zu den vorliegenden Grabungsbefunden, sondern bietet aufgrund der enormen Detailfülle erstmals auch die Möglichkeit, grundlegende Fragen zum Siedlungstyp "römische Lagervorstadt" zu beantworten. Bei der Auswertung der Prospektions- und Grabungsergebnisse nehmen mehrere Aspekte einen breiten Raum ein. Neben der Dokumentation der Siedlungsmorphologie und der Analyse der Gräberfelder wird vor allem auf Fragen der Siedlungsplanung und der Raumerschließung, sowohl der Lagervorstadt als auch des Umlandes, eingegangen. Dabei spielen die Fernstraßen und ihre Einbindung in die Siedlung eine besondere Rolle, denn gerade die entlang der Ausfallstraßen angelegten Wohnviertel waren in Carnuntum in Bebauungsblöcken organisiert, die weitgehend übereinstimmende Modulgrößen aufwiesen. In einem überregionalen Vergleich kann man zeigen, dass Lagervorstädte wie in Carnuntum durchaus eine gewisse Vorbildfunktion auch für die zahlreichen anderen, kleineren Militärstandorte einnahmen.