Figuren der Urszene. Ein Darstellungssystem der Psychoanalyse
Figures of the Primal Science
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (20%); Philosophie, Ethik, Religion (80%)
Keywords
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Psychoanalysis,
Philosophy of Science,
History of Science,
Primal Scene,
Sigmund Freud,
Sergej Pankejeff
Das Buch beschäftigt sich mit dem Konzept der Urszene im Werk von Sigmund Freud. Die Urszene ist ein traumatisches Ereignis aus der frühen Kindheit, das nicht direkt in der analytischen Situation beobachtet werden, sondern nur mittelbar aus Träumen und Symptomen erschlossen werden kann. Auch tritt die Urszene niemals als direkte Erinnerung des Patienten zutage. Vielmehr ist sie Ergebnis der Konstruktion des Therapeuten. So kommt ihr ein äußerst fragiler ontologischer Status zu. Sie schwankt zwischen realem Ereignis, notwendiger Voraussetzung, phylogenetisch vorstrukturierter Phantasie und Konstruktion des Therapeuten. Die Studie zeichnet Freuds Argumentationsstrategien für (und gegen) den Realwert der Urszene anhand der Fallgeschichte Aus der Geschichte einer infantilen Neurose nach. Dabei berücksichtigt sie nicht nur die interne Struktur der freudschen Argumente und die Metaphern, deren sie sich bedienen. Sie zieht auch das materielle Arrangement der Erstpublikation der Fallstudie in der Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre. Vierte Folge (1918) heran sowie das Manuskript aus der Library of Congress in Washington. Beide Quellen sind von der Forschung bis dato geflissentlich vernachlässigt worden. Besonderes Augenmerk gilt einer Zeichnung des Patienten Sergej Pankejeff, die den zentralen Traum der Analyse wiedergibt und die sich auf Seite 605 der Erstveröffentlichung befindet. Die Arbeit weist nach, dass Freud neben den indirekten Beweisen für den Realwert der Urszene eine ganze Reihe von supplementären, ideologischen Verfahren zur Anwendung bringt, die alle darauf zielen, die eigentlich unbeobachtbare Urszene direkt vor Augen zu stellen. Sie treten als Erschließungsfiguren der Urszene neben die Schlussfiguren der Indizienbeweise. Das Buch verbindet philosophische, epistemologische und bildtheoretische Fragestellungen und verortet das freudsche Werk in der Episteme des foucaultschen Zeitalters der Geschichte. Sie wird beschlossen von einer Studie über den Situationisten Guy Debord, dessen letzter Film In girum imus nocte et consumimur igni als eine Reflexionsfigur der freudschen Psychoanalyse eingeführt wird. Es zeigt sich, dass der filmische Umgang Debords mit der untergegangenen Avantgarde der Situationistischen Internationale weitreichende Parallelen zu den Strategien des Umgangs Freuds mit der von ihm begründeten Diskursformation und jungen Wissenschaft der Psychoanalyse aufweist.