Schaubilder. Strategien visueller Effizienz
Schaubilder. Strategies of Visual Efficiency
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (20%); Kunstwissenschaften (40%); Philosophie, Ethik, Religion (20%); Soziologie (20%)
Keywords
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Information Design,
Scientific Management,
Standardization,
Usability,
Visual Efficiency,
Design Thinking
Ob Gebrauchsanleitung, U-Bahn-Plan oder Pandemie-Grafik: Schaubilder begleiten unseren Alltag. Sie sollen uns Orientierung geben, Daten veranschaulichen, Zusammenhänge sichtbar machen und dies schnell, verständlich und objektiv. Doch sind sie wirklich so neutral, wie sie scheinen? Ein neues Forschungsprojekt widmet sich der Geschichte visueller Ordnungssysteme im Zeitraum von 1920 bis 1950 in den USA. Einer Phase intensiver gesellschaftlicher Umbrüche, geprägt von Industrialisierung, Technologisierung und neuen Formen der Verwaltung. In dieser Zeit wurden zahlreiche grafische Standardformate entwickelt, die bis heute unseren visuellen Alltag begleiten. Im Mittelpunkt stehen dabei visuelle Systeme, die auf Effizienz, Vereinfachung und universelle Verständlichkeit zielten. Informationsgrafiken, statistische Darstellungen oder standardisierte Piktogramme sollten Informationen auf einen Blick erfassbar machen. Doch mit welchen impliziten Annahmen? Und mit welchen gesellschaftlichen Folgen? Das Projekt analysiert, wie solche Visualisierungen bestimmte gesellschaftliche Gruppen sichtbar machten, während andere ausgeblendet oder an den Rand gedrängt wurden. Kategorien wie Geschlecht, Behinderung oder soziale Zugehörigkeit spielten dabei eine zentrale Rolle. Vielfach wurde nur das als normierbar dargestellt, was bestimmten Vorstellungen von Körper, Funktionalität oder Rationalität entsprach. Als neutrale Referenzfigur wurde dabei der weiße, gesunde Mann aus dem mitteleuropäischen oder nordamerikanischen Kulturkreis eingesetzt eine gesellschaftlich akzeptierte Norm der universellen Darstellung des Menschen. Andere Perspektiven fanden kaum Eingang in diese Bilder oder wurden bewusst ausgeschlossen. Auch Schaubilder sind somit kulturelle Konstrukte. Sie erzählen Geschichten über Ordnung und Kontrolle und transportieren damit implizit gesellschaftliche Ausschlüsse. Mit Blick auf aktuelle Technologien wie Künstliche Intelligenz und Datenvisualisierung erhält das Thema neue Brisanz. Bildgeneratoren und automatische Entscheidungsprozesse in KI-Systemen greifen oft auf standardisierte Vorlagen zurück. Häufig erscheinen dabei weiße, männliche, gesunde Körper als vermeintlich neutrale Darstellung ein Erbe historischer Referenzfiguren. Was einst in statistischen Bildern angelegt war, wirkt so in heutigen KI-gestützten Systemen fort und reproduziert unbewusst gesellschaftliche Ausschlüsse. Das Projekt will deshalb nicht nur ein Stück bislang wenig erforschter Wissenschafts- und Kulturgeschichte freilegen, sondern auch ein Bewusstsein dafür schaffen, wie sehr visuelle Darstellungen unser Denken prägen und warum es wichtig ist, ihre blinden Flecken zu erkennen.