Eigennützige Perspektiven auf Umverteilungsgerechtigkeit
Self-serving views on redistributive fairness
Wissenschaftsdisziplinen
Psychologie (25%); Wirtschaftswissenschaften (75%)
Keywords
-
Redistribution,
Fairness,
Self-Serving Behavior,
H
Trotz eines erstaunlichen wirtschaftlichen Aufschwungs nach dem zweiten Weltkrieg besteht weiterhin eine starke Vermögensungleichheit innerhalb sowie zwischen Nationen, die es ermöglicht finanzielle und soziale Aufsteiger zu unterdrücken und gegeneinander auszuspielen. In den wenigen Fällen, in denen sozialer Aufstieg gelang, bestand die erste Amtshandlung der neuen Eliten häufig darin, ihren neu gewonnen Wohlstand und sozialen Status zu sichern und Gefühle der Unzufriedenheit und Unterlegenheit abzulegen. Im Gegensatz zu diesen historischen Betrachtungen haben sozialwissenschaftliche Laboruntersuchungen wiederholt gezeigt, dass individuellem Egoismus ein ehrliches Bedürfnis nach Gerechtigkeit gegenübersteht. Vor diesem Hintergrund ergibt sich die Frage nach der Vereinbarkeit des Verlangens nach relativem Status und der Ablehnung von Ungleichheit. Ziel dieses Forschungsprojektes ist es, diesen scheinbaren Widerspruch mit einem innovativen Ansatz aufzulösen. Wir postulieren, dass Geschichte komplex ist und daher eigennützig abgerufen und interpretiert werden kann. Darüber hinaus ermöglicht Komplexität eine vielschichtige und möglicherweise widersprüchliche Interpretation der Bedeutung von Vergangenheit für die Gegenwart. Da Konfliktparteien ihre Wahrnehmung von Fairness eigennützig konstruieren, sind sie davon überzeugt, dass ihre Interpretation der Vergangenheit und das daraus resultierendes Verständnis von Fairness auch objektiv gerecht sind. In einer Reihe von Laborexperimenten überprüfen wir unsere Vermutung, dass Individuen, die eine unsymmetrische Vergangenheit teilen und entweder bevorzugt und benachteiligt wurden, aus dieser Vergangenheit eigennützig schließen, wie gemeinschaftlich verdientes Geld aufgeteilt werden soll. Insbesondere erwarten wir, dass jene Partei, die in der Vergangenheit bevorzugt wurde glaubt, dass die Vergangenheit keinen Einfluss auf die Verteilung der neu erworbenen Ressourcen haben sollte, während die vormals benachteiligte Partei der Auffassung ist, dass ihr für die vorausgegangene Erfahrung eine Entschädigung zusteht. Zusätzlich testen wir die Annahme, dass die vormals privilegierte Partei motiviert ist, ihren überlegenen sozialen Status zu bewahren, wohingegen die benachteiligte Partei danach strebt, die bestehende finanzielle Ungleichheit zu reduzieren. Wenn jedoch beide Parteien die Rollen tauschen erwarten wir die Offenbarung von Doppelmoral. Außerdem vermuten und testen wir, dass Parteien mit unsymmetrischer Vergangenheit unethisches Verhalten zeigen um wahrgenommene Benachteiligung zu beseitigen, wenn sie vermuten nicht zu erhalten, was ihnen zusteht. Wir sind davon überzeugt, dass der Nachweis der flexiblen Interpretation der Vergangenheit einen entscheidenden Beitrag zum besseren Verständnis der Gerechtigkeitswahrnehmung von Habenden und Nichthabenden leisten kann.
In der politökonomischen Forschung werden einwanderungsfeindliche Einstellungen als Folge von Sorgen der Einheimischen über Verteilungsgerechtigkeit und einwanderungsfeindlichen sozialpsychologischen Faktoren wie Diskriminierung aufgrund der ethnischen Zugehörigkeit oder Nationalität betrachtet. Die Bedenken in Bezug auf Verteilungsgerechtigkeit drehen sich in der Regel um die (wahrgenommenen) nachteiligen Auswirkungen der Einwanderung auf die Löhne der Einheimischen und die Sozialleistungen der Aufnahmeländer. Mit anderen Worten, es wird davon ausgegangen, dass Einwanderer den Einheimischen Lohnpotenziale und Sozialleistungen wegnehmen. Die psychologischen Faktoren drehen sich um Unterschiede in Bezug auf den kulturellen Hintergrund, die Religion, die Nationalität, das Geburtsland usw. In zwei groß angelegten ökonomischen Experimenten untersuchen wir die Rolle solcher Verteilungsfragen und psychologischer Faktoren bei den Einstellungen zu Einwanderer und Einwanderung. Aus dem ersten Experiment haben wir gelernt, dass Einheimische es ablehnen, Sozialleistungen mit Einwanderern zu teilen. Dieses Verhalten wird durch die selbstwertdienliche Überzeugung der Einheimischen getrieben, dass Einwanderer keinen Anspruch auf Sozialleistungen haben, weil sie keine oder nur eine geringe Vorgeschichte haben, um sich diese aufzubauen. Gleichzeitig finden wir keine Hinweise auf eine Diskriminierung von Einwanderern aufgrund ihres Geburtslandes. Mit anderen Worten: Die einwanderungsfeindlichen Einstellungen wurden ausschließlich durch die eigennützige Betonung der unterschiedlichen Geschichte von aufgebauten Sozialleistungen bestimmt. Aus dem zweiten Experiment lernen wir, dass Einheimische bereit sind, Einwanderer aufzunehmen, wenn dies für sie wirtschaftlich von Vorteil ist und sie ihren relativen Wohlstandsrang beibehalten können. Mit anderen Worten: Wirtschaftliche Anreize und der Wunsch, den sozialen Status zu erhalten, bestimmen die Präferenzen der Einheimischen in der Einwanderungspolitik. Unabhängig von wirtschaftlichen Argumenten berufen sich Einheimische auch auf ihre eigene Geschichte des Staatsaufbaus. Diejenigen, die im wirklichen Leben stark einwanderungsfeindliche Ansichten vertreten, sind auch im Experiment weniger geneigt, Einwanderung zu akzeptieren, selbst wenn sie wirtschaftlich vorteilhaft ist. Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass einwanderungsfeindliche Präferenzen in erster Linie durch Verteilungsfragen und nicht durch Diskriminierung aufgrund des Geburtslandes bedingt sind. Dies deutet darauf hin, dass sich die Einwanderungspolitik auf die wirtschaftlichen Auswirkungen der Einwanderung konzentrieren und klare Informationen über die tatsächlichen (meist positiven) Auswirkungen der Einwanderung auf die Wirtschaft des Gastlandes bereitstellen sollte. Diese Transparenz könnte auch die Attraktivität radikaler, einwanderungsfeindlicher Propaganda mindern, die sich den Aspekt der asymmetrischen Beitragsgeschichte zunutze macht. Darüber hinaus können Integrationsprogramme den Schwerpunkt auf die Arbeitsmarktintegration von Zuwanderern legen, so dass diese nicht als Nettonutznießer des Wohlfahrtsstaates angesehen werden können.
- Universität Wien - 100%
- Bertil Tungodden, NHH Norwegian School of Economics - Norwegen
Research Output
- 34 Zitationen
- 6 Publikationen
- 4 Datasets & Models
- 1 Wissenschaftliche Auszeichnungen
- 1 Weitere Förderungen
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2021
Titel Correction to: Exploiting context-dependent preferences to protect borrowers DOI 10.1057/s41264-021-00129-6 Typ Journal Article Autor Dezso L Journal Journal of Financial Services Marketing Seiten 306-307 Link Publikation -
2021
Titel Exploiting context-dependent preferences to protect borrowers DOI 10.1057/s41264-021-00124-x Typ Journal Article Autor Dezso L Journal Journal of Financial Services Marketing Seiten 291-305 Link Publikation -
2022
Titel Inequitable wages and tax evasion DOI 10.1016/j.socec.2021.101811 Typ Journal Article Autor Dezso L Journal Journal of Behavioral and Experimental Economics Seiten 101811 Link Publikation -
2016
Titel The Influences of Stellar Activity on Planetary Atmospheres DOI 10.1017/s1743921317003775 Typ Journal Article Autor Johnstone C Journal Proceedings of the International Astronomical Union Seiten 168-179 Link Publikation -
2019
Titel Are consumption taxes really disliked more than equivalent costs? Inconclusive results in the USA and no effect in the UK DOI 10.1016/j.joep.2019.02.001 Typ Journal Article Autor Olsen J Journal Journal of Economic Psychology Seiten 102145 Link Publikation -
2019
Titel Self-serving invocations of shared and asymmetric history in negotiations DOI 10.1016/j.euroecorev.2019.103309 Typ Journal Article Autor Dezso L Journal European Economic Review Seiten 103309 Link Publikation
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2019
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Titel negotiating with history Typ Database/Collection of data Öffentlich zugänglich Link Link -
0
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Titel Anti-immigration studies Typ Database/Collection of data Öffentlich zugänglich Link Link -
2022
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Titel tax compliance with inequitable history Typ Database/Collection of data Öffentlich zugänglich Link Link -
2021
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Titel debiasing focusing illusion paper Typ Database/Collection of data Öffentlich zugänglich Link Link
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2022
Titel Marie Jahoda Fellowship Typ Awarded honorary membership, or a fellowship, of a learned society Bekanntheitsgrad Regional (any country)
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2022
Titel Marie Jahoda Fellowship Typ Fellowship Förderbeginn 2022