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Misogyne Texte als heilige Texte lesen

Reading misogynic texts as sacred texts

Ursula Rapp (ORCID: )
  • Grant-DOI 10.55776/T238
  • Förderprogramm Hertha Firnberg
  • Status beendet
  • Projektbeginn 16.08.2004
  • Projektende 16.08.2007
  • Bewilligungssumme 171.210 €

Wissenschaftsdisziplinen

Philosophie, Ethik, Religion (60%); Soziologie (40%)

Keywords

    Alttestamentliche Bibelwissenschaft, Feministische Theologie, Jesus Sirach, Rezeptionsästhetik, Sozialgeschichte, Antikes Judentum

Abstract

Das biblische Buch Jesus Sirach ist ein weisheitliches "Lehrbuch", das zu Beginn des 2. Jahrhunderts v.Chr. in oder um Jerusalem verfasst wurde. Es vertritt gegenüber Frauen höchst ambivalente Ansichten: Einerseits preist der Autor die göttlich vorgestellte Frau Weisheit und stellt "die gute Ehefrau" ganz in die Nähe dieser Gestalt. Andererseits sieht er in Ehebrecherinnen, "schlechten Ehefrauen" oder "störrischen Töchtern" geradezu lebensbedrohliche Gefahren für Männer. Diese Polarität zwischen Idealisierung von Frauen bzw. "des Weiblichen" und ihrer Dämonisierung ist innerhalb patriarchaler Argumentationen nur zu bekannt. Wie aber können solche Texte heute von Frauen als "heilige" Texte verstanden werden? Welche Praxis können sie legitimieren und welchen Erfahrungen eine Sinnstruktur unterlegen? Ein Blick auf die Forschungslage zeigt, dass Sirach allein an Männer adressiert sein soll. Die frauenverachtenden Texte des Buches seien als Zeugnisse der patriarchalen Kultur seiner Zeit zu verstehen. Sind diese Texte dann als Instrumente patriarchaler und ungerechter Herrschaftsstabilisierung zu verwerfen oder gibt es Möglichkeiten, sie so zu lesen, dass sie für heutige Leserinnen und Leser sogar sinnstiftende Potentilae bieten? - Diesen Fragen geht die Studie auf die Spur und setzt daebi an, dass eine historische Fragestellung allein zu wenig ist, um den Texten ihre Gegenwartsrelevanz abzugewinnen. Ausgehend davon, dass die Texte ihre Bedeutungen jeweils im Akt des Lesens erhalten und nicht beim Schreiben, wird nicht zuerst anch dem Interesse des historischen Autors gefragt, sondern nach den formalen und inhaltlichen Möglichkeiten, die die Texte zur Identifikation für Leserinnen bieten: Mit wem können sich Frauen identifizieren? Die angebotenen weiblichen Figuren sperren sich aufgrund ihres mangelnden Realitätsbezuges für eine solche Identifikation. Aber es zeigt sich z.B., dass die Belehrung über gute und schlechte Ehefrauen (Sir 25-26) auf eine Auseinandersetzung der Lesenden mit den Aussagen zielt und nicht mit kritikloser Übernahme der Inhalte und direkter Identifikation mit Textgestalten rechnet. Dieses Duskussionspotential der Texte lässt auch einen Blick auf die historische Situation zu: Im Text werden mehr als nur eine Meinung sichtbar, denn das, wogegen Sirach anschreibt, lässt sich aus den Texten lesen. Damit werden Gegenperspektiven, und möglicherweise Sichtweisen von Frauen erahnbar. Jesus Sirach antwortet auf eine Krise der Institution Ehe, die sich als Konflikt um die Geschlechterordnung innerhalb von Ehe und Familie erweist. Die Arbeit soll zeigen, wie diese Krise aus weiblicher Sicht ausgesehen haben mag und welche Hoffnungen und Sehnsüchte von Frauen sich in den Texten spiegeln. Damit soll deutlich werden, dass die Heiligkeit von Texten nicht in ihren Aussagen liegt, sondern in ihrer Fähigkeit, Fragen aufzuwerfen und Räume der Vorstellung, Reflexion und Praxis zu eröffnen.

Forschungsstätte(n)
  • Kath.-Theolog. Priv.-Univ. Linz - 100%
Nationale Projektbeteiligte
  • Franz D. Hubmann, Kath.-Theolog. Priv.-Univ. Linz , assoziierte:r Forschungspartner:in

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