Verwandtschaftsheiraten - Muster im regionalen Vergleich
Marriage with Kinship - Patterns in a Regional Comparison
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (60%); Soziologie (40%)
Keywords
-
Kinship,
Historical Anthropology,
Endogamy,
Gender,
Comparison,
Alps
Verwandtschaft und Schwägerschaft bis zum vierten Grad stellten nach kanonischem Recht bis zum Jahr 1917 ein Ehehindernis dar. Diese Festlegung geht auf das 4. Laterankonzil von 1215 zurück. Bei entsprechender Begründung konnte ein solches Ehehindernis jedoch aufgehoben werden, und zwar mittels einer so genannten Dispens. Je näher der Grad der Verwandtschaft bzw. Schwägerschaft lag, umso komplizierter und aufwändiger war der Ablauf: Im ersten und zweiten Grad war der Heilige Stuhl für die Dispensen zuständig. Umso besser begründet mussten die Ansuchen in so einem Fall sein. Die päpstlichen Dispensen hinterließen daher besonders reichhaltige Spuren in den Archiven: Korrespondenzen zwischen den beteiligten Vermittlungs-Instanzen (Ortspfarrer, Dekane, bischöfliches Konsistorium), Gesuche, Befragungen von Braut, Bräutigam und Zeugen, Debatten über unklare Fälle und anderes mehr. Dispensakten dieser Art liefern die Quellen-Grundlage für das Forschungsprojekt, das sich drei Bereichen widmet: regionalen Mustern, administrativen Abläufen und persönlichen Motivationen. Einschlägige Untersuchungen zu verschiedenen europäischen Ländern und Regionen haben für den Zeitraum zwischen der zweiten Hälfte des 18. und dem ausgehenden 19. Jahrhundert ein erhebliches Ansteigen von Eheschließungen in den verbotenen Graden festgestellt. Allerdings deutet auch einiges darauf hin, dass von regionalen Unterschieden auszugehen ist: sowohl was die Häufigkeit von Ehen in Verwandtschaft und Schwägerschaft betrifft als auch die Paarkonstellationen. Es konnten z.B. Heiraten zwischen Cousin/Cousine ersten oder zweiten Grades oder aber zwischen Schwager/Schwägerin vorherrschen. Dem aktuellen Forschungsstand und punktuellen Ergebnissen nach zeichnet sich in dieser Frage ein Zusammenhang zu Besitzverhältnissen, Erbrecht und Erbpraxis ab. Diese stehen ihrerseits im Wechselspiel mit unterschiedlichen sozialen, wirtschaftlichen und soziopolitischen Gefügen. Anhand einer Vergleichsstudie in einem kulturell und der Besitzstruktur nach sehr vielfältigen alpinen Übergangsraum wird versucht, regionale Muster und deren Hintergründe herauszuarbeiten. Die Untersuchung konzentriert sich auf das 19. Jahrhundert und nimmt ihren Ausgang von der Diözese Brixen, die weite Teile Nordtirols, Osttirol, Südtirol (ohne Unterland) und Vorarlberg einschließt, und dehnt sich auf benachbarte Diözesen (Chur, Salzburg und Trient/Trento) aus. Im zweiten Teil stehen die konkreten Abläufe und etwaige Unterschiede in den einzelnen Diözesen bei der Abwicklung von Dispensansuchen im Mittelpunkt. Als dritter zentraler Aspekt wird auf der Textebene der Ansuchen nach Motivationen für eine Heirat unter Verwandten bzw. Verschwägerten, nach Argumentationsfiguren und Konzepten von Verwandtschaft gefragt. Die Projektarbeit folgt geschlechtergeschichtlichen und historisch-anthropologischen Ansätzen.
- Universität Wien - 100%
- Edith Saurer, Universität Wien , assoziierte:r Forschungspartner:in