Umweltgeschichte: Historische Mensch - Umweltbeziehungen
Environment and History. Towards an Understanding of Man´s relation to Nature.
Wissenschaftsdisziplinen
Biologie (35%); Geschichte, Archäologie (55%); Philosophie, Ethik, Religion (10%)
Keywords
-
ENVIRONMENT,
THEORETICAL CONCEPTS,
HISTORY,
COMPARATIVE ANALYSIS,
HUMAN ECOLOGY,
AUSTRIA
Hertha-Firnberg-Stelle T 45Umweltgeschichte: Historische Mensch - UmweltbeziehungenVerena WINIWARTER29.06.1999 Umweltgeschichte und Humanbiologie beschäftigen sich mit dem selben Gegenstand, Mensch - Umweltbeziehungen, doch mit sehr unterschiedlichen Herangehensweisen. Beide Disziplinen weisen eine hohe Vielfalt an Zugängen und Methoden auf. Umweltgeschichte untersucht Menschen in ihrem sozialen Kontext, und bezieht sich auf eine "Natur", deren Konzeptualisierung auf systemökologischen Vorstellungen beruht. Hurnanökologie betrachtet Menschen als eine biologische Spezies im naturalen Kontext, allerdings mit besonderer Berücksichtigung der Differenz, die durch die Kulturation entstanden ist. Das Projekt unternimmt eine Klärung der konzeptuellen Differenzen und Gemeinsamkeiten der beiden Disziplinen. In der ersten Phase des Projekts werden Texte auf der Handbuch-Ebene zur Untersuchung der theoretischen Grundlagen verwendet. Durch den Vergleich von Literaturlisten zu Unterrichtszwecken wird eine beschränkte Anzahl relevanter Werke auf dern Gebiet der Umweltgeschichte bestimmt, da auf dern Gebiet keine allgernein anerkannten Handbücher vorliegen. Aus der Fülle der humanökologischen Handbücher werden mit Hilfe einer Analyse von Zitaten die wichtigsten Werke herausgefiltert und anschliegend ausgewertet. In einer zweiten Phase wird das erarbeitete Instrumentarium auf Fallstudien beider Disziplinen angewandt, da von der Annahme auszugehen ist, daß theoretische Konzepte in Handbüchern von den expliziten wie impliziten Annahmen in empirischen Arbeiten substanziell abweichen. In der dritten und längsten Phase des Projekts wird das in den ersten beiden entwickelte Wissen auf existierende empirische Daten angewandt, die aus früheren Arbeiten der Antragstellerin und des Mitantragstellers starnmen. Die damit bisher erfolgten Forschungen können im Lichte der erarbeiteten interdisziplindren Basis erweitert und einer Reinterpretation unterzogen werden. Das Analysekonzept besteht aus drei Teilen: Die Arbeiten werden (1) nach den in ihnen vorherrschenden Paradigmen von Urnweltschädlichkeit, (2) nach der grundlegenden Tendenz der historischen Prozesse, von denen sie ausgehen (Aufstieg und Fortschritt; Verfall und Degradation; Zyklen; unverbundene einzelne Ereignisse ohne relevanten. Bezug zueinander) sowie (3) nach der benützten Terminologie (Population, Bevölkerung, Gesellschaft, Evolution, Landschaft, Wandel und Kontinuitat) unterschieden. Darüber hinaus wird untersucht, welches Konzept von Ökologie dem jeweiligen Werk zugrunde liegt. Die Verfeinerung und Weiterentwicklung des Analysekonzepts ist Ted der Arbeit. Interdisziplindre Konimunikation ist schwierig. Das Projekt ist dann erfolgreich, wenn es gelingt, die Ergebnisse in beiden Disziplinen bekanntzumachen und damit eine Diskussion anzustoßen, die bislang, trotz vielfältiger und fruchtbarer Kooperationen, nicht geführt wird. Die Texte, die im Rahmen dieses Projekts entstehen, werden in internationalen Medien publiziert und bilden die Grundlage für eine interdisziplinäre Umweltgeschichte in Österreich.
Umweltgeschichte ist in Österreich bislang kaum institutionell verankert. Durch die im Rahmen des Projekts erfolgte Habilitation der Projektleiterin für das Fach Humanökologie an der Fakultät für Naturwissenschaften und Mathematik der Universität Wien wurde ein auch international beachtetes Signal gesetzt und die Institutionalisierung einen großen Schritt vorangetrieben. Umweltgeschichte etabliert sich in Österreich auf diese Weise als interdisziplinäres Fachgebiet, womit Österreich internationale Maßstäbe setzt. Ab dem Wintersemester 2003/04 wird am Institut für Geschichte der Universität Wien ein 6 Semester umfassendes, von der Projektleiterin konzipiertes und organisiertes Wahlfachbündel ("Modul") "Umweltgeschichte" angeboten. Der interdisziplinär zusammengesetzte Lehrkörper des Moduls garantiert eine Weiterentwicklung dieses spezifisch österreichischen Beitrags zur Umweltgeschichte auch über das Ende des Projekts hinaus. Bei zahlreichen eingeladenen Vorträgen (unter anderem auf mehreren amerikanischen Universitäten) konnte die Referentin feststellen, daß die interdisziplinäre Ausrichtung der Umweltgeschichte auf großes Interesse stößt und als wesentliche Weiterentwicklung gesehen wird. Die Wahl der Projektleiterin zur Präsidentin der Europäischen Gesellschaft für Umweltgeschichte im September 2001 signalisiert neben der persönlichen Anerkennung auch eine inhaltliche Bestätigung. Inhaltliche Ergebnisse des Projekts: Die historische Entwicklung der vorindustriellen Landwirtschaft kann mit Hilfe der im Projekt entwickelten heuristischen Modelle als gekoppeltes System von Bevölkerung, Produktionssystem und Agrarökosystem untersucht werden. Ein Standard für räumliche und zeitliche Vergleiche der Wechselwirkungen zwischen Menschen und ihrer Umwelt auf der Ebene von Hof und Dorf ist damit vorgegeben. Ein Nährstoffmanagement, wie es für agrarisch genutzte Flächen etwa im 18. Jh. typisch war, ist eine wesentliche Voraussetzung künftiger nachhaltiger Entwicklung. In mehreren Beiträgen wurde die Relevanz historischer Untersuchungen für Fragen der nachhaltigen Agrarentwicklung herausgearbeitet. Im Sammelband "Historische Humanökologie" wurde die Vielfalt an Zugängen, die eine Bearbeitung von Mensch-Umwelt-Beziehungen in der Vergangenheit ermöglichen, analysiert und kommentiert. Damit liegt eine interdisziplinäre Einführung in das Forschungsfeld vor. Insbesondere wurden darin die fachspezifischen (Biologie/Geschichte) wie allgemeine Voraussetzungen interdisziplinärer Kommunikation untersucht und beschrieben. Die Habilitationsschrift "Historical Studies in Human Ecology" legt in ihrer ausführlichen Einleitung die Grundlagen einer interdisziplinären Wissenschaft von den Mensch-Umwelt-Beziehungen in der Vergangenheit dar. Sie kann als Meilenstein der konzeptuellen Grundlegung der Ausgangspunkt für weitere Forschungen sein und bildet die Basis für ein geplantes Lehrbuch.
- Universität Wien - 100%
- Harald Wilfing, Universität Wien , assoziierte:r Forschungspartner:in