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´Erinnerungslandschaften´ in multiplen Modernitäten

Memoryscapes of multiple modernities

Maria Six-Hohenbalken (ORCID: 0000-0002-9322-7452)
  • Grant-DOI 10.55776/V289
  • Förderprogramm Elise Richter
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.05.2013
  • Projektende 30.04.2018
  • Bewilligungssumme 257.292 €

Wissenschaftsdisziplinen

Soziologie (100%)

Keywords

    Memory studies, Anthropology of violence, Kurdish studies, Studies of Transnationalism and Diaspora, Genocide studies

Abstract Endbericht

Die kurdische Gesellschaft ist geprägt durch unterschiedliche Gewalterfahrungen. Diese umfassen genozidale und ethnozidale Prozesse, Menschenrechtsverletzungen und Vertreibungen sowie die Leugnung ihrer ethnischen Identität und ihrer nationalen Bestrebungen. All diese Gewalterfahrungen sind wichtige Bezugspunkte nicht allein für die Historiographie, sondern auch für das Selbstverständnis, für Identitätsprozesse und Zugehörigkeiten Einzelner. Das Ziel des Projekts ist Erinnerungsprozesse in der kurdischen Transnation`, das heißt in den unterschiedlichen Nationalstaaten in denen Kurden leben wie auch in der Diaspora, aufzuzeigen und mit einem innovativen methodischen Zugang die Dynamiken von Erinnerung und Vergessen zu untersuchen. Kriege, Deportationen, Folter und Verfolgung sind nicht allein Teil individueller Erfahrungen, die die Betroffenen in ihrer Existenz beeinträchtigen und das ganze Leben prägen, sondern auch Teil der sozialen Erinnerung der größeren Gemeinschaft(en). Die Hypothese dieses Projekts ist, dass die Darstellungen der Vergangenheit in der kurdischen Transnation nicht nur durch intra-ethnische kulturelle Unterschiede, die Integration in unterschiedliche Nationalstaaten und interne Machtbeziehungen geprägt ist, sondern wesentlich durch unterschiedliche politische intra- und interethnische Exklusionsmechanismen und massive transgenerativ wirkende Gewalterfahrungen beeinflusst ist. Da neue Kommunikationstechnologien staatenlosen Gemeinschaften ungeahnte Möglichkeiten bieten, sind sie nicht nur neue Wissensspeicher für Dokumentationen von kriegerischen Ereignissen und Menschenrechtsverletzungen, sondern evozieren neue Erinnerungsformen auf kollektiver und individueller Ebene. Das Projekt hat zum Ziel die multiplen Erinnerungsformen in den Herkunftsländern und der Diaspora auf ihre Unterschiede, Gemeinsamkeiten, In- und Exklusionsmechanismen zu untersuchen und die Verbindungen mit Identitätsprozessen aufzuzeigen. Diese Dynamiken von Erinnern und Vergessen werden mit einem deskriptiven, einem phänomenologischen und einem komparativen Ansatz erforscht. Kriegerische Ereignisse werden auf gesellschaftlichen Langzeitwirkungen, auf intergenerationale Weitergabe dieser Erfahrungen sowie auf inter- und intra-ethnische Beziehungen hin untersucht. In Archivstudien werden bis dato unveröffentlichte Dokumente über den Massenmord an den Yeziden während des 1. Weltkriegs, über die Verfolgungen der Kurden von Dersim 1937/38 und über die Anfal-Operationen 1988/89 gegen die Kurden im Irak analysiert. Daran anschließend werden Langzeitauswirkungen, Bewältigungsmechanismen und Erinnerungen in unterschiedlichen Zeitebenen mit qualitativen Methoden untersucht. Eine vergleichende Analyse mit Erinnerungsmechanismen anderer transnationaler Kommunitäten soll neues Licht auf Dynamiken der vielfältigen, oft ambivalenten Erinnerungsformen bieten, um in Zukunft Erinnerungslandschaften` in multiplen Modernitäten besser untersuchen und erfassen zu können.

Die kurdische und yezidische Gesellschaft hat im letzten Jahrhundert eine Reihe unterschiedlicher Gewaltprozesse erfahren (genozidale und ethnozidale Prozesse, Menschenrechtsverletzungen, Vertreibungen, Leugnung der ethnischen, religiösen oder nationalen Identität). Die Aufteilung des Hauptsiedlungsgebietes auf mehrere Nationalstaaten und die erzwungene Migration in den letzten Jahrzehnten haben verschiedene transnationale Gemeinschaften hervorgebracht, die sich der verhängnisvollen Geschichte widmen. Die Langzeitfolgen von Gewalt waren bis dato kaum erforscht, bedingt u.a. durch das Fehlen akademischer Institutionen, Historiographien und Erinnerungsarbeit. Das Ziel des Projekts war es, Erinnerungsprozesse in der Transnation (d.h. Herkunftsländer und Diasporen) mit unterschiedlichen Methoden zu untersuchen und die transgenerative Wirksamkeit von Gewalterfahrungen zu analysieren. Die Hypothese war, dass die Darstellungen der Vergangenheit in der kurdischen Transnation nicht nur durch intra-ethnische kulturelle Unterschiede, Machtbeziehungen und die Integration in unterschiedliche Nationalstaaten geprägt ist, sondern auch durch (politische) intra- und interethnische Exklusionsmechanismen sowie massive, transgenerativ wirkende Gewalterfahrungen. Das Projekt bezog sich auf drei Zeitebenen, in denen Staatsgewalt erfahren wurde: genozidale Verfolgung der YezidInnen während des 1. Weltkriegs, Massengewalt gegen KurdInnen in Dersim 1937/38 und die Anfal-Operationen 1988/89 (Irak). In dem Projekt wurde gezeigt, dass staatliche, erzwungene Mechanismen der Verleugnung oder des Verschweigens zwar diese Gewaltprozesse verheimlichen oder verbergen können, aber ein Vergessen auch in den nächsten Generationen nicht stattfinden kann. Eine Vielzahl von Mechanismen bewahrt Erinnerungen, die weit über (anerkannte) Narrative, (Gegen-) Geschichten oder offizielle Erinnerungsarbeit hinausgehen. Die Bedeutung von Oralgeschichte, Familiennarrativen, implizitem Wissen und Alltagshandlungen sowie Musiktraditionen und Kunstformen tragen zu einer Form von emotionalem Erinnern und einer transgenerativen Weitergabe bei, auch wenn kaum alle Fakten bekannt sind. Beeinflusst von der transnationalen Gemeinschaft, entsteht so erst in der zweiten oder dritten Nachfolgegeneration ein offizielles Erinnern, das in Bezug zu neueren, rezenten Gewalterfahrungen steht. Die unterschiedlichen Sozialisationen, die Vielsprachigkeit (verschiedene kurdische Dialekte und Sprachen) in den Residenzländern sowie die religiöse und sprachliche Ausrichtung der untersuchten Gesellschaften zeigen jedoch, dass die unterschiedlichen Gewaltprozesse nur langsam in ein gesamtkurdisches Geschichtsverständnis Eingang finden. Transnational wirkende Erinnerungsarbeit (Dokumentationen, soziale Medien, offizielles Erinnern), unterschiedlich wirksame Zeitlichkeiten des Erinnerns sowie Machtverhältnisse scheinen intra- und inter-ethnische Unterschiede und daraus resultierende Identifikationsprozesse zu stärken.

Forschungsstätte(n)
  • Österreichische Akademie der Wissenschaften - 100%
Internationale Projektbeteiligte
  • Michael Geyer, University of Chicago - Vereinigte Staaten von Amerika
  • Özlem Göner, University of Massachusetts Amherst - Vereinigte Staaten von Amerika

Research Output

  • 20 Zitationen
  • 25 Publikationen
Publikationen
  • 2018
    Titel May I be a sacrifice for my grandchildren—transgenerational transmission and women’s narratives of the Yezidi ferman
    DOI 10.1007/s10624-018-9506-9
    Typ Journal Article
    Autor Six-Hohenbalken M
    Journal Dialectical Anthropology
    Seiten 161-183
    Link Publikation
  • 0
    Titel Singal 2014: Der Angriff des "Islamischen Staates", der Genozid an den zd und die Folgen. Wiener Jahrbuch für Kurdische Studien.
    Typ Other
    Autor Brizic K
  • 0
    Titel Die Geschichte von Kurdischen Studien und Kurdologie. Nationale Methodologien und transnationale Verflechtungen. Wiener Jahrbuch für Kurdische Studien.
    Typ Other
    Autor Hennerbichler F
  • 0
    Titel Sprache - Migration - Zusammenhalt. Kurdisch und seine Diaspora. Wiener Jahrbuch für Kurdische Studien.
    Typ Other
    Autor Brizic K
  • 2015
    Titel Das lange Schweigen über die genozidalen Verfolgungen der zdInnen während des 1. Weltkrieges und das rezente Erinnern in Armenian.
    Typ Book Chapter
    Autor Six-Hohenbalken M
  • 2017
    Titel Introduction: the past in translation.
    Typ Book Chapter
    Autor Memory And Genocide. On What Remains And The Possibility Of Representation
  • 2017
    Titel Remembering the Poison Gas Attack on Halabja: Questions of Representations in the Emergence of Memory on Genocide.
    Typ Book Chapter
    Autor Memory And Genocide. On What Remains And The Possibility Of Representation. Edited By Fazil Moradi
  • 2017
    Titel Remittances for the Yezidi Ancestors - Repercussions of Global Migration Movements to the Old Diaspora.
    Typ Journal Article
    Autor Six-Hohenbalken M
  • 2017
    Titel Aso Mohammed Sofi, Richter im Irak-Tribunal im Interview.
    Typ Book Chapter
    Autor Karim S
  • 2017
    Titel Kurmanci, Zazaca ve Hafizada Kalan Tertele: Anahtar ve Katalizör olarak Dil.
    Typ Book Chapter
    Autor Six-Hohenbalken M
  • 2017
    Titel Zazaki and the remembrance of Tertele: The language as a key and catalyzer for memory processes.
    Typ Book Chapter
    Autor Six-Hohenbalken M
  • 2018
    Titel Kurdayeti, gurbet und nishtiman – Eckpfeiler der kurdischen Diasporen und transnationalen Gemeinschaften
    DOI 10.24989/0014-2492-2018-12-68
    Typ Journal Article
    Autor Six-Hohenbalken M
    Journal europa ethnica
    Seiten 68-74
  • 2014
    Titel Introduction to 'Risks, Ruptures and Uncertainties: Dealing with Crisis in Asia's Emerging Economies'
    DOI 10.3167/ca.2014.320205
    Typ Journal Article
    Autor Endres K
    Journal The Cambridge Journal of Anthropology
    Link Publikation
  • 2014
    Titel Die Geschichte von Kurdischen Studien und Kurdologie. Nationale Methodologien und transnationale Verflechtungen. Eine Einleitung zum Schwerpunkt.
    Typ Book Chapter
    Autor Six-Hohenbalken M
  • 2014
    Titel Kurdische Studien in Österreich: Pioniere, Kriegswirtschafter und Individualistinnen.
    Typ Book Chapter
    Autor Six-Hohenbalken M
  • 2016
    Titel ‘We Do Really Need Hollywood’: Filmmaking and Remembrance of Acts of Genocide in the Kurdish Transnation
    DOI 10.1057/978-1-137-57549-4_7
    Typ Book Chapter
    Autor Six-Hohenbalken M
    Verlag Springer Nature
    Seiten 157-183
  • 2016
    Titel Die genozidalen Verfolgungen in Singal und die Auswirkungen auf die êzdische Gemeinschaft in Armenien.
    Typ Book Chapter
    Autor Six-Hohenbalken M
  • 2013
    Titel The city of Mosul during the Great War. Sources from Austrian archives.
    Typ Conference Proceeding Abstract
    Autor Six-Hohenbalken M
    Konferenz Kurds and Kurdistan in Ottoman Period. 1st International Academic Conference on Kurds and Kurdistan. Erbil 2013.
  • 2013
    Titel Einblicke in 'kurdische Kulturszene/n - Kulturarbeit in der Diaspora.
    Typ Book Chapter
    Autor Six-Hohenbalken M
  • 0
    Titel 100 Jahre Völkermord an ArmenierInnen und die KurdInnen. Wiener Jahrbuch für Kurdische Studien.
    Typ Other
    Autor Hennerbichler F
  • 0
    Titel Schwerpunkt: Transnationalität und kurdische Diaspora in Österreich. Wiener Jahrbuch für Kurdische Studien.
    Typ Other
    Autor Hennerbichler F
  • 0
    Titel Memory and Genocide. On What Remains and the Possibility of Representation.
    Typ Other
    Autor Moradi F
  • 0
    Titel Aufwachsen im Ausnahmezustand.
    Typ Other
    Autor Six-Hohenbalken M
  • 0
    Titel The many faces of migration. A field research exercise in Armenia.
    Typ Other
    Autor Rasuly-Paleczek G
  • 0
    Titel Special section: Risks, Ruptures and Uncertainties: Dealing with Crisis in Asia's Emerging Economies.
    Typ Other
    Autor Endres Kw

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