Video als Selbsttechnologie
Video as Technology of the Self
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (20%); Geschichte, Archäologie (40%); Medien- und Kommunikationswissenschaften (20%); Soziologie (20%)
Keywords
-
Video,
History,
Media,
Self,
Auto/Biography,
Practices
Das Projekt untersucht, auf welche Weisen Videotechnologie mediale Praktiken, die auf die Her- und Darstellung des Selbst gerichtet sind, verändert hat. Video auf Magnetband wurde von den späten 1950er Jahren bis in die 2010er Jahre verwendet, die größte Verbreitung und Popularität hatte es von den späten 1970ern bis in die 1990er, bis es von anderen digitalen audiovisuellen Formen abgelöst wurde. Video hat mehrere Eigenschaften, die gegenüber (Schmal-)Film neue Gebrauchsweisen ermöglichten: die Möglichkeit sofortigen Wiederabspielens und Ansehens, synchrone Tonaufnahme und vor allem seine Erschwinglichkeit und die dadurch ermöglichte zunehmende Verbreitung veränderte die sozialen Praktiken in Zusammenhang mit audiovisuellen Medien enorm und wirkt bis heute nach. Das Projekt historisiert somit auch aktuelle Aspekte von Mediengebrauch im Kontext der Nutzung von Smartphone und Onlinemedien und bearbeitet Fragen der Konnektivität, der Mobilität und der Verschiebung und Auflösung der Grenzen von Privatheit und Öffentlichkeit. Die Haupthypothese des Projekts, dass mit der Verbreitung und Anwendung der Videotechnologie neue Formen der Selbsttechnologien entstanden, wird anhand von drei Annahmen untersucht: 1) Die Eigenschaft von Videoband, sofort ohne Filmentwicklungszeiten - wieder angesehen werden zu können und Bild- und Toninformationen synchron aufzunehmen, hat Methoden der Selbst- Konfrontation in der Psychotherapie, in Ausbildung und Training und im Coaching-Bereich wesentlich beeinflusst. 2) Video wurde als Mittel der Selbst-Ermächtigung und Demokratisierung gesehen. Aufgrund seinerErschwinglichkeitunddenerleichterten Kopier-und Distributionsmöglichkeiten, versprach Video soziale und politische Veränderungen auf globaler und lokaler Ebene, was sich in der Gründung von Videokollektiven, Guerilla-TV und dem Einsatz von Video in der Entwicklungszusammenarbeit ausdrückte. 3) Video veränderte den privaten und autobiographischen Gebrauch audiovisueller Medien. Die Möglichkeit und Leistbarkeit, stundenlang aufzunehmen, im Bedarfsfall wieder zu löschen und das Band wieder zu überspielen hatte große Auswirkungen auf die Repräsentationen des Privat- und Alltagslebens und der audiovisuellen Darstellungen der eigenen Lebensgeschichte. Das Projekt analysiert diese Hypothesen anhand von Literatur und Videos aus dem angloamerikanischen und westeuropäischen Raum. Zudem werden Interviews mit Akteur_innen aus den untersuchten Feldern (Psychotherapie, Bildung und Coaching, Aktivismus und Home Video Gebrauch) geführt.
Das Projekt "Video as Technology of the Self" hat sich damit beschäftigt, wie mit dem Medium Video (auf Magnetband) am Selbst gearbeitet wurde, das heißt, wie Videotechnologie genutzt wurde, um das Selbst zu verbessern, zu dokumentieren, zu heilen oder zu ermächtigen. Dafür wurde der Einsatz von Video in verschiedenen Bereichen untersucht: in Psychiatrie und Psychotherapie, im politischen Aktivismus und im privaten Bereich. Psychotherapeutische Praktiken der Selbst-Konfrontation und Selbst-Beobachtung mittels Video wurden in den USA der 1960er bis 1970er Jahre entwickelt. Diese Methoden wurden zum einen international aufgegriffen - so wurde 1977 in West-Berlin der Internationale Arbeitskreis für Audiovision in Psychiatrie und Psychotherapie gegründet, in dem von Psychiater*innen, Psychotherapeut*innen und Techniker*innen Methoden und technische Möglichkeiten diskutiert wurden und der zur Verbreitung von Videotherapie im deutschsprachigen Raum beitrug. Zum anderen wurden diese Methoden zunehmend auch in anderen Bereichen eingesetzt und außerhalb der Psychiatrie in Bewerbungstrainings, Selbstsicherheitstrainings oder gruppendynamischen Prozessen angewendet. Für politische Gruppen und Bewegungen bot Video mit dem Aufkommen kleinerer und erschwinglicherer Kameras die Möglichkeit neuer medialer Formen des Aktivismus. Hier hat sich das Projekt auf die Untersuchung von Gruppen, Zeitschriften und Videos in Westeuropa und den USA der 1970er und 1980er Jahre fokussiert. Die Debatten um Video waren geprägt von hohen Erwartungen an die Möglichkeiten audiovisueller Medienproduktion - Video sollte gesellschaftsverändernd wirken und marginalisierten Gruppen und Personen ermöglichen, sich selbst zu ermächtigen. Video wurde dabei mit verschiedenen Metaphern versehen, die diese Erwartungen verdeutlichen: Video wurde als Waffe, als Erweiterung des menschlichen Körpers, als Spiegel, als Katalysator oder als Virus bezeichnet. Im privaten Bereich gewann Video ab den 1980er-Jahren und insbesondere in den 1990er-Jahren an großer Bedeutung. Hier konnte beim Video-Einsatz an bereits bestehende Praktiken der Selbst-Thematisierung, Selbst-Reflexion oder Selbst-Darstellung angeknüpft werden: an Tagebuch, Brief, Fotografie oder Amateurfilm. Home Video-Bestände sind dadurch gekennzeichnet, dass im Vergleich zum Schmalfilm viel mehr aufgenommen wurde, da das Aufnahmematerial billiger und wiederverwendbar und löschbar war. Die längere Aufnahmedauer und der immer mitlaufende Synchronton führten zu veränderten Selbst-Repräsentationen, die mündlich geäußerte Kommentierungen erlaubten, aber auch Konflikte hörbar machten. Im Projekt wurde zudem ein 122 Stunden umfassender Home Video-Bestand einer Wiener Familie untersucht, der auf vielfältige Weise und unter Einbeziehung von audio/visuellen Produktionen verschiedener Herkünfte die Verfolgungserfahrung von Familienmitgliedern durch den Holocaust thematisiert. Diese Untersuchung historischer Videopraktiken verknüpft zeitgeschichtliche, geschlechtergeschichtliche, mediengeschichtliche und transnationale Perspektiven und bietet nicht zuletzt Einblicke in eine Frühgeschichte von Social Media.
- Universität Wien - 100%
Research Output
- 9 Publikationen
- 1 Policies
- 3 Disseminationen
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2025
Titel Video als Technologie des Selbst. Zeit- und medienhistorische Perspektiven (Habilitation thesis, submitted at the University of Vienna) Typ Other Autor Winter R -
2025
Titel Audiovisual Self-Confrontation: Psychiatric and Psychotherapeutic Uses of Television and Video in (West) Germany 1970s-1990s. DOI 10.1177/15274764241308830 Typ Journal Article Autor Winter R Journal Television & new media Seiten 604-623 -
2024
Titel Becoming a Vidéaste: Media Practices Between Collectivity and Strategic Claims of Directorship in French Feminist Video Activism DOI 10.1080/10509208.2024.2398946 Typ Journal Article Autor Winter R Journal Quarterly Review of Film and Video -
2021
Titel Fernsehen und Video; In: Österreichische Zeitgeschichte - Zeitgeschichte in Österreich - Eine Standortbestimmung in Zeiten des Umbruchs DOI 10.7767/9783205209980.429 Typ Book Chapter Verlag Böhlau Verlag -
2022
Titel Struggle over control: Sound in home video DOI 10.1177/13678779221135057 Typ Journal Article Autor Winter R Journal International Journal of Cultural Studies Seiten 120-136 Link Publikation -
2022
Titel Selbstbefreiung durch Selbsttechnologie. Videofilming gegen Gaslighting in Before I go to Sleep (USA 2014); In: Gewohnte Gewalt. Häusliche Brutalität und heimliche Bedrohung im Spannungskino, Typ Book Chapter Autor Winter Verlag Sonderzahl Seiten 72-79 -
2023
Titel Navigating Second Generation Memory and Auto/ biography in Home Video. A Video Collection of Hojda Stojka, Son of Artist and Survivor of the Porajmos Ceija Stojka DOI 10.54103/1593-2508/20323 Typ Journal Article Autor Winter R Journal Studia austriaca -
2023
Titel Performing and Reflecting the Self in Home Videos of a Viennese family 1992-2009; In: Media and Gender: History, Representation, Reception Typ Book Chapter Autor Winter Verlag Bologna University Press Seiten 87-93 Link Publikation -
2023
Titel Video as a Weapon, Extension, Mirror, Catalyst, and Virus: Transnational Metaphors and Concepts in Video Movements in the 1970s and 1980s; In: Postwar Amateur Film Practices in a Transnational Perspective DOI 10.14220/9783737015684.325 Typ Book Chapter Verlag V&R unipress
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2020
Link
Titel Online article in Austria newspaper Typ A press release, press conference or response to a media enquiry/interview Link Link -
2021
Titel Workshop Auto/Biographical Medialities Typ Participation in an activity, workshop or similar -
2021
Titel Guest lecture: Medienhistorische Perspektiven auf Gender und/im Home Video Typ A talk or presentation