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Zum offenen Umgang mit Daten in den computergestützten Sozialwissenschaften

Open data practices in computational social sciences

Katja Mayer (ORCID: 0000-0003-1184-595X)
  • Grant-DOI 10.55776/V699
  • Bewilligungs­summe Elise Richter
  • Status beendet
  • Projekt­beginn 01.03.2019
  • Projektende 31.12.2025
  • Bewilligungs­summe 346.070 €

Wissenschaftsdisziplinen

Andere Sozialwissenschaften (100%)

Keywords

  • Open Research Data,
  • Politics Of Method,
  • Computational Social Sciences,
  • Social Studies Of Social Sciences,
  • Big Data,
  • Critical Data Studies
Abstract Zusammenfassung

Der offene Zugang zu Forschungsdaten verspricht weit mehr als Transparenz und Teilhabe am Forschungsprozess. Die bessere Nachnutzbarkeit der Daten soll nicht nur die Produktivität des Wissenschaftssystems steigern. Die Wissenschaftspolitik verbindet damit die Möglichkeit einer effektiveren Kommerzialisierung und enormes Innovationspotential. In der Wissenschaft werden jedoch häufig Bedenken geäußert. Der offenen Zugänglichkeit der eigenen Daten steht man oftmals skeptisch gegenüber. So besteht etwa die Angst, dass man durch andere übervorteilt und damit die eigene Karriere gefährdet wird. Oder man fürchtet eine nicht angemessene oder unethische Nutzung des wissenschaftlichen Wissens. Das Forschungsprojekt setzt bei den unterschiedlichen Zuschreibungen und Erwartungen an Offenheit an. Der Fokus auf die Sozialwissenschaften erlaubt die Auseinandersetzung mit Offenheit im Kontext von rasanter Digitalisierung und neuartigen Datenformen, wie z.B. von Sozialen Medien, auf Ebene der Forschungspraxis. Was bedeutet Offenheit in Bezug auf unsere Datenspuren, die wir täglich im Netz hinterlassen? Wie wird mit diesen Daten Sozialforschung betrieben? Welchen ethischen Prinzipien folgen ForscherInnen? Welche Daten aus öffentlichen Archiven stehen den ForscherInnen zur Verfügung, und was machen sie damit? Wie öffnen sie ihre eigenen Forschungsdaten für die weitere Nutzung, oder gar für die Beforschten? Inwieweit können partizipative Ansätze neue Offenheit im Forschungsprozess ermöglichen? All diese Fragen leiten die Untersuchung des transformativen Potentials von offenen Forschungsdaten in den computergestützten Sozialwissenschaften an um schließlich zu diskutieren, welche Handlungsspielräume WissenschaftlerInnen haben, die von ihnen mitgeschaffenen Realitäten reflexiv zu thematisieren und neu zu gestalten. An der Schnittstelle von Wissenschaft, Technik und Gesellschaft, orientiert sich das Habilitationsprojekt an Ansätzen aus den Bereichen der critical data studies und der Wissenschafts- und Technikforschung. Auf der Basis von ethnographischen Fallstudien, Interviews, Gruppendiskussionen und Datenworkshops werden die von den ForscherInnen aufgezeigten Gestaltungsspielräume analysiert und aufgearbeitet. Ziel dieser Herangehensweise ist es, ein möglichst breites Verständnis von offenen Forschungsdaten und der damit verbundenen Forschungspraxis in den Sozialwissenschaften zu generieren und aufzuzeigen, welches Potential offene sozialwissenschaftlichen Datenpraktiken haben uns inmitten von Big Data und Algorithmen-getriebenen Entscheidungsprozessen zu unterstützen. Die Ergebnisse des Projekts werden sowohl in wissenschaftspolitische als auch in forschungsethische Diskurse eingebracht und sollen dazu beitragen den kritischen Umgang mit Offenheit in den computergestützten Sozialwissenschaften zu stärken.

Open Science hat sich zu einer prägenden Reformbewegung in der Wissenschaft entwickelt. Seit Beginn der 2000er Jahre setzen sich Bibliothekar*innen, Forschende, Fördergeber und politische Entscheidungsträger*innen ein, Publikationen, Daten und Methoden offener zugänglich zu machen. Ziel ist es, Transparenz, Innovation, Inklusion und Zusammenarbeit zu stärken. Zugleich zeigt sich immer deutlicher, dass nicht alle gleichermaßen von Offenheit profitieren. Der Zugang zu Daten, Werkzeugen, Infrastrukturen, Kompetenzen und Ressourcen ist nach wie vor ungleich verteilt. Weiters eignen sich kommerzielle Akteure den Wert offen zugänglichen Wissens zunehmend an. Das Projekt untersuchte diese Spannungen anhand der alltäglichen Datenpraktiken von Forschenden in den Computational Social Sciences. Im Zentrum stand nicht einfach die Frage, ob Forschungsdaten geteilt werden sollen, sondern unter welchen Bedingungen Offenheit verantwortungsvoll, nachhaltig und gemeinwohlorientiert gestaltet werden kann. Lange Zeit konzentrierte sich die Forschung zum Teilen von Forschungsdaten auf Motivationen, Vorbehalte und Anreize von Forschenden. Die wiederkehrende Antwort lautete häufig "Ja, aber": Forschende befürworten Offenheit grundsätzlich, verweisen in der Praxis jedoch auf rechtliche, ethische, technische, epistemische oder berufliche Grenzen. Heute machen Fördervorgaben, institutionelle Richtlinien und Anforderungen von Fachzeitschriften offene Daten zunehmend zu einer formalen Verpflichtung. Damit verschiebt sich die Frage: Was kann überhaupt verantwortungsvoll geteilt werden, unter welchen Bedingungen und zu wessen Nutzen? Untersucht wurden unter anderem Social Media Forschung mit eingeschränktem Plattformzugang, Citizen Science Projekte mit Fragen von Beteiligung und Einwilligung, eine öffentliche Infrastruktur für Verwaltungsdaten sowie die kommerzielle Verwertung offener Forschungsdaten durch Künstliche Intelligenz. Methodisch kombinierte die Arbeit Interviews, Beobachtungen, Gruppendiskussionen und Dokumentenanalysen. Ein wichtiger Beitrag des Projekts liegt darin, verschiedene Formen von Offenheit klarer zu unterscheiden. Denn Zugang, Teilen und Nachnutzung bedeuten nicht dasselbe. Es macht einen Unterschied, ob Forschende überhaupt mit Daten arbeiten können, ob sie Daten anderen zur Verfügung stellen, oder ob Daten später in neuen Kontexten weiterverwendet werden. Die Arbeit bestätigt und zeigt im Detail, wie Offenheit von technischen, institutionellen, rechtlichen und finanziellen Bedingungen geprägt ist. Diese Bedingungen prägen die Handlungsspielräume von Forschenden. Sie entscheiden mit darüber, ob Datenarbeit offen, verantwortungsvoll und nachhaltig organisiert werden kann. Nachhaltige Offenheit erfordert daher mehr als die Veröffentlichung von Datensätzen im Netz. Sie hängt von Pflege, Dokumentation, Aushandlung, Reparatur, Infrastrukturen und Institutionen ab, die Zugang ermöglichen, absichern oder gemeinschaftlich regeln können. Dies wird im Projekt als "Politik der Offenheit" beschrieben: ein umkämpftes Praxisfeld, in dem Entscheidungen über Macht, Verantwortung, Infrastruktur, Governance und öffentlichen Wert ausgehandelt werden. Zu den praktischen Ergebnissen gehören Data Walks und Data Tracking Übungen, Beiträge zu öffentlichen Debatten über Open Science und Forschungsinfrastrukturen sowie politische Impulse für verantwortungsvolle KI Governance. Der übergeordnete Beitrag ist konzeptionell: Open Science ist nicht einfach eine Bewegung des Teilens von Wissen, sondern eine fortlaufende Aushandlung der Bedingungen, unter denen wissenschaftliches Wissen überhaupt produziert wird und zugänglich, nützlich, verantwortungsvoll verwaltet und kollektiv nutzbar werden kann.

Forschungsstätte(n)
  • Universität Wien - 100%
Internationale Projektbeteiligte
  • Jürgen Pfeffer, TU München - Deutschland
  • Judith Simon, Universität Hamburg - Deutschland
  • Markus Strohmaier, Universität Mannheim - Deutschland
  • Stefania Milan, Universiteit van Amsterdam - Niederlande
  • Maarten Derksen, University of Groningen - Niederlande
  • Sophie Mützel, Universität Luzern - Schweiz
  • Evelyn Ruppert, Goldsmiths University of London - Vereinigtes Königreich

Research Output

  • 4 Zitationen
  • 25 Publikationen
  • 10 Wissenschaftliche Auszeichnungen
Publikationen
  • 2025
    Titel Yes, we are open?! Künstliche Intelligenz verantwortungsbewusst gestalten
    DOI 10.34669/wi.dp/51
    Autor Knaus J
    Link Publikation
  • 2025
    Titel Offenheit neu verhandeln - KI im öffentlichen Interesse gestalten
    DOI 10.34669/wi.pp/15
    Autor Knaus J
    Link Publikation
  • 2025
    Titel Situierte Daten; In: Plattformen für Bildung
    DOI 10.14361/9783839475164-020
    Typ Book Chapter
    Verlag transcript Verlag
  • 2025
    Titel Reflexivity in Co-Evaluation: From Challenges to Principles of Participatory Research Evaluation; In: Revisiting Reflexivity - Liveable Worlds in Research and Beyond
    DOI 10.51952/9781529244892.ch021
    Typ Book Chapter
    Verlag Bristol University Press
  • 2025
    Titel The Commons Approach: A Proposal for a Digital Humanist Agenda to (Re)Open Artificial Intelligence
    DOI 10.1007/978-3-032-11108-1_28
    Typ Book Chapter
    Autor Mayer K
    Verlag Springer Nature
    Seiten 372-380
    Link Publikation
  • 2025
    Titel Data Walking: Designing Tools to Build Critical Data Literacy
    DOI 10.1145/3757980.3757998
    Typ Conference Proceeding Abstract
    Autor Hunter D
    Seiten 200-214
    Link Publikation
  • 2021
    Titel Targeting from a Distance: Formatting Social Relations in Data-Driven Warfare
    DOI 10.25969/mediarep/23646
    Typ Book Chapter
    Verlag meson press
    Link Publikation
  • 2021
    Titel Citizen Social Science: New and Established Approaches to Participation in Social Research; In: The Science of Citizen Science
    DOI 10.1007/978-3-030-58278-4_7
    Typ Book Chapter
    Verlag Springer International Publishing
  • 2019
    Titel Reports of the Workshops Held at the 2019 International AAAI Conference on Web and Social Media
    DOI 10.1609/aimag.v40i4.5287
    Typ Journal Article
    Autor Alburez-Gutierrez D
    Journal AI Magazine
  • 2019
    Titel Offene Wissenschaft braucht offene Infrastrukturen
    DOI 10.31263/voebm.v72i2.3175
    Typ Journal Article
    Autor Mayer K
    Journal Mitteilungen der Vereinigung Österreichischer Bibliothekarinnen und Bibliothekare
  • 2019
    Titel Foundations for Open Scholarship Strategy Development
    DOI 10.31222/osf.io/b4v8p
    Typ Preprint
    Autor Beamer J
  • 2023
    Titel Open Citizen Science: fostering open knowledge with participation
    DOI 10.3897/rio.9.e96476
    Typ Journal Article
    Autor Bemme J
    Journal Research Ideas and Outcomes
  • 2023
    Titel Open science diplomacy for an ethical and trustworthy global AI
    DOI 10.5281/zenodo.11085633
    Autor Mayer K
    Link Publikation
  • 2022
    Titel Editorial: Participatory Evaluation and Impact Assessment in Citizen Science
    DOI 10.22163/fteval.2022.566
    Typ Journal Article
    Autor Mayer K
    Journal fteval JOURNAL for Research and Technology Policy Evaluation
  • 2022
    Titel Participatory evaluation practices in citizen social science: Insights from three case studies.
    DOI 10.22163/fteval.2022.567
    Typ Journal Article
    Autor Kieslinger B
    Journal fteval JOURNAL for Research and Technology Policy Evaluation
  • 2022
    Titel Von Verbindungen und Banden des Wissens; In: Doing Research - Wissenschaftspraktiken zwischen Positionierung und Suchanfrage
    DOI 10.14361/9783839456323-016
    Typ Book Chapter
    Verlag transcript Verlag
  • 2024
    Titel Big data, algorithms and artificial intelligence; In: Elgar Encyclopedia of Science and Technology Studies
    DOI 10.4337/9781800377998.ch53
    Typ Book Chapter
    Verlag Edward Elgar Publishing
  • 2023
    Titel Editorial: Critical data and algorithm studies
    DOI 10.3389/fdata.2023.1193412
    Typ Journal Article
    Autor Mayer K
    Journal Frontiers in Big Data
    Seiten 1193412
    Link Publikation
  • 2021
    Titel 'Hard to reach' or 'easy to ignore'. Strategies and reflections on including co-researchers.
    DOI 10.22323/1.393.0017
    Typ Conference Proceeding Abstract
    Autor Buchner T
    Seiten 017
  • 2020
    Titel Open Science, but Correctly! Lessons from the Heinsberg Study
    DOI 10.31222/osf.io/axy84
    Typ Preprint
    Autor Breznau N
  • 2020
    Titel Sensing In/Security: Sensors as Transnational Security Infrastructures
    DOI 10.28938/9781912729050
    Typ Book
    editors Klimburg-Witjes N, Poechhacker N, Bowker G
    Verlag Mattering Press
  • 2020
    Titel Open Science, aber richtig! Was wir aus der Heinsberg-Studie lernen können
    DOI 10.31222/osf.io/54zx2
    Typ Preprint
    Autor Breznau N
  • 2020
    Titel Empfehlungen für eine nationale Open Science Strategie in Österreich / Recommendations for a National Open Science Strategy in Austria
    DOI 10.5281/zenodo.4109242
    Typ Other
    Autor Mayer K
    Link Publikation
  • 2020
    Titel Defining predatory journals: no peer review, no point.
    DOI 10.1038/d41586-020-00911-x
    Typ Journal Article
    Autor Dobusch L
    Journal Nature
    Seiten 29
  • 2019
    Titel Körperdaten – Datenkörper. Auf den Spuren mehrdeutiger Reisen von Datenkörpern zwischen Empowerment und sozialer Kontrolle im Gesundheitsbereich
    DOI 10.15203/momentumquarterly.vol8.no2.p95-108
    Typ Journal Article
    Autor Mager A
    Journal Momentum Quarterly - Zeitschrift für sozialen Fortschritt
    Seiten 95-108
    Link Publikation
Wissenschaftliche Auszeichnungen
  • 2025
    Titel Can Citizen Science Teach Democracy?
    Typ Personally asked as a key note speaker to a conference
    Bekanntheitsgrad Continental/International
  • 2025
    Titel Jury European Citizen Science Award
    Typ Prestigious/honorary/advisory position to an external body
    Bekanntheitsgrad Continental/International
  • 2025
    Titel Co- Editor in Chief fteval Journal for Research and Technology Policy
    Typ Appointed as the editor/advisor to a journal or book series
    Bekanntheitsgrad Continental/International
  • 2024
    Titel Member of the Digital Commons Task Force
    Typ Prestigious/honorary/advisory position to an external body
    Bekanntheitsgrad Continental/International
  • 2024
    Titel Participatory Turns: The bumpy roads to recognition of participatory approaches in the social sciences
    Typ Personally asked as a key note speaker to a conference
    Bekanntheitsgrad Continental/International
  • 2024
    Titel BUA Open Science Fellowhip
    Typ Awarded honorary membership, or a fellowship, of a learned society
    Bekanntheitsgrad National (any country)
  • 2023
    Titel Infrastructuring participation
    Typ Personally asked as a key note speaker to a conference
    Bekanntheitsgrad Continental/International
  • 2020
    Titel Lessons from Big Data in the Covid-19 pandemic: Significance and Agency of STS in contemporary datafication
    Typ Personally asked as a key note speaker to a conference
    Bekanntheitsgrad Continental/International
  • 2019
    Titel Monitoring = Power. Opening Monitoring for Empowerment
    Typ Personally asked as a key note speaker to a conference
    Bekanntheitsgrad Continental/International
  • 2021
    Titel Scientific Advisory Board European Forum Alpbach
    Typ Prestigious/honorary/advisory position to an external body
    Bekanntheitsgrad National (any country)

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