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Praktiken und Projektionen: zum Theater des Siglo de Oro

Practices and Projections: on Siglo de Oro Theatre

Anke Catherine Charton (ORCID: 0000-0002-2879-8240)
  • Grant-DOI 10.55776/V784
  • Förderprogramm Elise Richter
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.04.2020
  • Projektende 30.09.2023
  • Bewilligungssumme 240.807 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Andere Geisteswissenschaften (20%); Kunstwissenschaften (60%); Sprach- und Literaturwissenschaften (20%)

Keywords

    Siglo de Oro, Theatre Historiography, Early Modern Theatre

Abstract Endbericht

In einem gesellschaftspolitischen Klima, in dem Begriffe wie Affekt und Nostalgie an Bedeutung gewinnen, wenn es um Geschichtsschreibung als kulturelle Praxis geht, sind die Vorstellung eines vergangenen Goldenen Zeitalters und seine Anrufungenein zunehmendwichtiges Beschreibungsmuster für Identität in und als (historische) Performance. Diese Studie geht von einer doppelten Betrachtung von Theater im Siglo de Oro aus: einerseits als Aufführungspraxis, andererseits als kultureller Bezugspunkt. Das Siglo de Oro, so erst im Nachhinein benannt, ist allgegenwärtig als Aushängeschild eines spanischen kulturellen Erbes, in Politik, Wissenschaft und Ausbildung. Dennoch ist der Theaterkanon des Siglo de Oro mehr eine Referenzgröße als eine gegenwärtig populäre Spielpraxis jenseits philologischer Forschung. Dies rückt Fragen nach der Praxis von Geschichte, aber auch der Praxis von Theater ins Blickfeld. Im Befragen der Unterschiede zwischen vergangener Praxis und gegenwärtiger Vorstellung dieser Praxis hat das Projekt zwei Fluchtpunkte: Es untersucht einerseits das Siglo de Oro als eine repräsentative Erzählung, durch die nationale und kulturelle Identität inszeniert wird, und blickt andererseits auf Theater- und Repräsentationsformen des 16. und 17. Jahrhunderts insbesondere auf solche, die eine wechselvolle Geschichte zwischen einem sich herausbildenden weltlichen Berufstheater und dem größeren Rahmen iberischer Festkultur haben. Das Madrid der Habsburger el Madrid de los Austrias ist ein Ort, an dem sich diese vielschichtigen Aushandlungen frühneuzeitlicher Theaterkulturen konzentriert nachverfolgen lassen. Dies gilt für Auseinandersetzungen zwischen urbaner und ländlicher Repräsentation ebenso wie für annektierte und ausgegrenzte Identitäten, für sesshafte und mobile Kulturen sowie für literaturgebundene und textferne Formen. Zensur und wachsende Institutionalisierung prägten dabei die Vorstellungen dessen, was als Theater galt und was nicht. Trotzdem schimmern ausgegrenzte Praktiken und ihr fortwährender Einfluss auf das Berufstheater durch den offiziellen Theaterkanon des Siglo de Oro und seine Erzählungen hindurch. Als Kerngebiet philologischer Forschung hat das Theater des Siglo de Oro eine bedeutende Rezeptionsgeschichte vor allem in der Hispanistik. Es hat jedoch bislang weitaus weniger Aufmerksamkeit aus theaterwissenschaftlicher Perspektive in Spanien keine Universitätsdisziplin erfahren, was nun das Ziel dieses Projektes ist. Zusätzlich zu einem Beitrag zur frühneuzeitlichen Dynamik von Fest und Theater liefert das Projekt dabei eine Neubefragung historischer Muster für die gegenwärtige Auseinandersetzung um Geschichtsinszenierungen und kulturelle Identität.

Was haben Theatergeschichte und Theatergeschichtsschreibung mit unserer gesellschaftspolitischen Gegenwart zu tun? Wie kann ein anderes Herangehen an Akteur*innen der Vergangenheit nicht nur ein breiteres Verständnis einer bestimmten Vergangenheit, sondern auch eine breitere gesellschaftliche Teilhabe in der Gegenwart unterstützen? - "Practices and Projections. New Perspectives on Siglo de Oro Theatre" geht an einem prominenten Beispiel diesen beiden Fragen nach. Das Theater des sogenannten Siglo de Oro und seine Geschichte - wie sie in Nachschlagewerken, in Lehrplänen und Spielplänen und auch in der wissenschaftlichen Forschung dargestellt wird - zeigen eindrücklich, wie durch tradierte Vergangenheitserzählungen historische Fakten und Personen übersehen und überschrieben werden können: Wenn Theatergeschichte vor allen Dingen über einen nationalen Dramenkanon erzählt wird (in Spanien wie in den meisten anderen Ländern Europas auch), dann sind sowohl Theaterformate außerhalb dieses Kanons, als auch ethnisch wie kulturell diverse Akteur*innen, die dieses Theater betrieben haben, weniger präsent. Dadurch entsteht ein ungleiches, im ungünstigsten Falle ein verzerrtes, Bild vergangener Theaterpraxis und der Menschen, die sie gestaltet haben. Hier setzt das Projekt ein, das zunächst die vorhandene "Meistererzählung" als wirkmächtigen Diskurs analysiert, in den Kulturpolitik, Kulturindustrie, Bildungssektor und Forschung gleichermaßen eingebunden sind: vom Straßennamen bis zum Ausstellungskonzept, vom Spielplan bis zum Lehrplan. In einem zweiten Schritt fragt das Projekt danach, wie die Beschäftigung mit übersehenen und überschriebenen Praktiken und Akteur*innen ein differenzierteres Bild von Vergangenheit - in diesem Fall des frühneuzeitlichen Theaterbetriebs in Spanien und der Menschen und Spieltechniken, die an seiner Professionalisierung mitwirkten - mitgestalten kann. Damit geht auch darum, dass Forschung reflektiert, wer durch sie abgebildet wird, wer an ihr teilhat und wie eine Theatergeschichtsforschung aussehen kann, die keine "Meistererzählung" wiederholen will, sondern in der Vergangenheit wie auch in der Gegenwart eine Vielzahl an Stimmen, Quellen und Formaten berücksichtigt. Dies bedeutet auch, Herangehensweisen zu entwickeln oder zu adaptieren, die eine solche Vielfalt erst abbildbar und beforschbar machen. In diesem Projekt waren solche Ansätze unter anderem die Arbeit mit überschriebenem Wissen in Traktaten und Manuskripten, mit körperlichen Wissensformen und ihrer Überlieferung, mit anderen Aufführungszusammenhängen wie Festgemeinschaften, aber auch die Berücksichtigung marginalisierter und soziale stigmatisierter Gruppen, wie Bettler*innen, Rom*nja und versklavten Menschen, deren theatertechnisches Können und Wissen in konventionellen Theatergeschichten kaum erwähnt wird, aber ein wichtiger Teil der frühneuzeitlichen Professionalisierung dessen waren, was wir noch heute als den westlich-europäisch geprägten Theaterbetrieb kennen. Das Projekt hat am Beispiel des frühneuzeitlichen Spanien nachweisen können, welche Auslassungen die Meistererzählung des "Siglo de Oro" für die Theatergeschichte ermöglicht haben. Es hat einige dieser Auslassungen erforscht und zugänglich gemacht und so auch einen methodischen Ansatz erarbeitet, der anschlussfähig und übertragbar ist auf andere Zeiträume und Geographien sowie auf kulturhistorische Phänomene über das Feld der Theaterwissenschaft hinaus.

Forschungsstätte(n)
  • Universität Wien - 100%

Research Output

  • 3 Disseminationen
  • 2 Wissenschaftliche Auszeichnungen
Disseminationen
  • 2023
    Titel transdisciplinary meeting with practitioners and healthcare professionals, organized by Spanish Studies Dpt. at the University of Münster
    Typ A talk or presentation
  • 2021
    Titel Presentation of the research project at IFTR Theatre Historiography Working Group Meeting
    Typ A talk or presentation
  • 2022
    Titel Discussion and Presentation of an edited volume addressed to the general public, at the Austrian Society for Music (ÖGfM)
    Typ A talk or presentation
Wissenschaftliche Auszeichnungen
  • 2024
    Titel Habilitation /venia docendi
    Typ Awarded honorary membership, or a fellowship, of a learned society
    Bekanntheitsgrad Continental/International
  • 2022
    Titel Vice President of the German-language Association for Theater Studies
    Typ Prestigious/honorary/advisory position to an external body
    Bekanntheitsgrad Continental/International

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