Parrhesia: Die riskante Handlung des Wahrsprechens
Parrhesia:The Risky Activity of Speaking Up and Speaking Out
Wissenschaftsdisziplinen
Kunstwissenschaften (50%); Philosophie, Ethik, Religion (20%); Psychologie (15%); Soziologie (15%)
Keywords
-
Arts-based research,
Genderspecific Studies,
Europe,
Outcast,
Collaboration,
Ethics
Ulrike Möntmanns Projekt parrhesia: Die riskante Handlung des Wahrsprechens wendet sich er- neut einer Randgruppe zu und sucht in künstlerisch-wissenschaftlicher Forschung und Praxis nach Wegen aus einer systematisch auferlegten Ohnmacht. Im Zentrum des Forschungsprojekts stehen die Lebensbedingungen inhaftierter drogenabhängiger Frauen vor und nach dem Beginn ihrer Suchterkrankung. Dass sie als gesellschaftlich vernachlässig- bares Phänomen betrachtet werden und sich zudem selbst als prinzipiell schuldig und zu Recht in- haftiert erfahren, schmälert ihr Leiden an einem zumeist von (sexueller) Gewalt geprägten Leben auf der Straße bzw. im Gefängnis keineswegs im Gegenteil: Aufgrund dieser strukturellen Verdammung zur buchstäblichen Sprach- und damit auch Wehrlosigkeit stellt sich die Frage, ob das öffentliche Äu- ßern der individuellen Lebensgeschichte als emanzipatorische Handlung wirksam werden kann. Im interdisziplinären Zusammenschluss von Kunst und Wissenschaft analysiert Möntmanns genderspezi- fische Studie ein gesamtgesellschaftliches Phänomen aus verschiedenen Perspektiven. Um Hand- lungsräume und Wissenszirkulation ihrer Outcast Registration zu erweitern, werden die bisherigen Untersuchungsergebnisse aus Mitteleuropa in mehreren Gefängnissen auf der Nord-Süd-Achse Euro- pas ergänzt und vertieft. Theoretischer Schlüsselbegriff der Studie ist Foucaults Konzeption der parrhesia, die den Mut ebenso wie die Pflicht beschreibt, die unmaskierte Wahrheit zu sagen, sich aus scheinbar ohnmächtiger Per- spektive aufrichtig und freimütig gegen mächtige Individuen und herrschende Ordnungen zu positio- nieren mit dem Risiko, dafür sanktioniert zu werden. Parrhesia offenbart bestehende Hierarchien, hier also ausgehend von den massiv an den äußersten sozialen Rand gedrängten drogenkranken Frauen. Die Ausgangsfrage widerspricht dem gängigen Klischee, dass Junkies nichts Wesentliches zu sagen hätten. Im Gefängnis, dem isoliertesten Raum der Gesellschaft, erkennen die Teilnehmerinnen Kunst als potentiellen Handlungsraum. In ihren Biografien werden wiederkehrende Muster und kon- tingente Strukturen sichtbar, insbesondere die Unverhältnismäßigkeit in den Konsequenzen der von und an ihnen begangenen Straftaten. Die Kunst wird somit zur sozialpolitischen Vermittlungsinstanz und durch den Einsatz ästhetischer Medien zum Instrument öffentlicher Sichtbarkeit. Künstlerischer Zugriff und empirische Forschung erweisen sich dabei als interdisziplinär anwendbare und komplementär wirksame Untersuchungsme- thoden. Im Rahmen neu geknüpfter Kooperationen mit Forschungsinstituten in den Ländern zukünf- tiger Projektausführungen entsteht ein großräumiges Netzwerk, dessen Expertise die künstlerisch- wissenschaftliche Forschung zu sozialpolitischen Interventionsmöglichkeiten langfristig befördern und bereichern wird. --- (Kurz-Bio) Dr. phil. Ulrike Möntmann studierte Visuelle Kommunikation an der FH Bielefeld und Fine Arts an der Gerrit Rietveld Academie in Amsterdam. Seit 1997 realisiert die bildende Künstlerin in mehrjähriger Zusammenarbeit Projekte mit drogenabhängigen Frauen. Ihre künstlerisch-wissenschaftlichen Stu- dien am äußersten Rand der sozialen Peripherie werden im Webarchiv Outcast Registration doku- mentiert, darunter das vom Wissenschaftsfonds FWF geförderte audiovisuelle Porträt THIS BABY DOLL WILL BE A JUNKIE, das begleitet von Interventionen im öffentlichen Raum in den fünf beteilig- ten Ländern ausgestellt wurde und 2018 als Dissertation erschien. Ihr neues Projekt wird im Rahmen des Elise-Richter-PEEK-Programms vom FWF mit rund 380.000 Euro bis 2025 gefördert. Neben Lehrtätigkeiten und der Betreuung von PhD-KandidatInnen an verschiedenen Kunsthochschulen in den Niederlanden ist Ulrike Möntmann regelmäßig Gastdozentin u.a. in Wien. Sie lebt und arbeitet in Amsterdam und Wien.