Die Domitilla-Katakombe in Rom
The Domitilla Catacomb in Rome
Wissenschaftsdisziplinen
Bauwesen (20%); Geschichte, Archäologie (80%)
Keywords
- Catacombs,
- Late Antiquity,
- Wall paintings,
- Architecture,
- Rome,
- Archaeology
Die Domitilla-Katakombe ist mit einer Ausdehnung von 15 km unterirdischer Gänge nicht nur die größte Katakombe Roms. Zugleich bietet sie einen umfassenden Einblick in alle Phasen und Phänomene dieser frühchristlichen Nekropolen: Aus vereinzelten heidnischen Grabkammern und ersten anonymen Gemeindebestattungen des frühen 3. Jhs. wuchs im Verlauf des 4. Jhs. das riesige Galerienetz zusammen. Eine unterirdische Basilika bildete, nach dem Ende der Bestattungstätigkeit im 5. Jh., bis ins Mittelalter hinein ein Pilgerzentrum um die Gräber der verehrten Martyrer. Mit 77 ausgemalten Grabräumen bewahrt Domitilla ferner einen der größten Bestände an Katakombenmalerei überhaupt. Obwohl nach fast 400 Jahren Forschung eine Reihe von Studien zu Einzelaspekten aus diversen Fachdisziplinen vorliegen, ist die Katakombe bis heute nur unzureichend erforscht. Darin ist sie ein typisches Beispiel des Forschungsstandes zu den römischen Katakomben: Zwar sind die generellen Züge von Entstehung und Entwicklung mittlerweile bekannt, aber die individuelle Geschichte jeder einzelnen Katakombe ist im Detail kaum erforscht, da sie nur selten in ihrer Gesamtheit als archäologische Monumente behandelt wurden. Am meisten fehlt eine vollständige Dokumentation, die Vorraussetzung für eine Auseinandersetzung unter modernen methodischen Fragestellungen. Hier setzt das Domitilla-Projekt an: Auf der Grundlage einer digitalen Dokumentation mit neuester, auf 3D- Laserscanner gestützten Technik, kann erstmals in einem virtuellen Raummodell die topographische Entwicklung dargestellt und analysiert werden. Zugleich wird das lange überfällige Corpus der Malereien entstehen, die vielfach noch unpubliziert und in der wissenschaftlichen Diskussion unbeachtet sind. Zudem werden im Raummodell die Gräber nach ihrer Anzahl, Verteilung und Beschaffenheit erschlossen. Auch die Inschriften werden erfaßt und in die Diskussion miteinbezogen. In bislang einzigartiger Komplexität wird die Katakombe so allen methodischen Ansätzen zugänglich werden. Ein internationales Forschungsteam wird diese Daten umfassend mit archäologischen, kunst- und (sozial)historischen Methoden auswerten. Die Domitilla-Katakombe reflektiert in ihrer Mikrogeschichte den generellen Wandlungsprozess der spätrömischen Gesellschaft, und das Projekt will diesen Wandel facettenreich einfangen.
Das START-Projekt zur Domitilla-Katakombe in Rom hat einen zentralen Beitrag geleistet zum Verständnis von Entstehung und Entwicklung der christlichen Zömeterien in Rom und im Osten des römischen Reiches. Als bahnbrechend hat sich das 3D-Laserscanning erwiesen, dessen Anwendung perfektioniert und für viele Fragestellungen in komplexen Monumenten erstmals und äußerst erfolgreich erschlossen wurde. Die Teamarbeit von Archäologen der ÖAW und Architekten der TU Wien ermöglichte, vollständige Monumente in ihrer Architektur und mit allen ihren Malereien hochpräzise als photorealistisches 3D-Modell zu dokumentieren und auszuwerten. Die größte Katakombe Roms und weitere Denkmäler konnten so der Forschung wie auch virtuell dem breiten Publikum eröffnet werden. Im Projekt wurde zunächst die Archäologie, Architektur und Kunstgeschichte des größten der frühchristlichen Friedhöfe Roms erforscht. Seine Entwicklung aus kleinen Familiengrüften des frühen 3. Jhs. wurde über die große Gemeindekatakombe des 4. Jhs. bis hin zur früh-mittelalterlichen Pilgerstätte an den Gräbern verehrter Märtyrer in der unterirdischen Basilika nachvollzogen. In dieses Bild fügen sich die Etappen der Ausdehnung des über 12km langen Gangnetzes, der Entwicklung der Grabkammern und Inschriften sowie der einzigartigen Grabmalereien der Katakombe ein. In den Publikationen zur Domitilla-Katakombe wird mit der umfangreichen Nutzung digitaler Formate ein neuer Standard der Forschung erreicht.In der zweiten Projekthälfte wurde die neue Methode auf eine Reihe weiterer ausgesuchter Monumente ausgedehnt, die durch ihre komplexe Struktur oder ihre Bilder die Fragestellungen der Katakombe ergänzten. Am bedeutendsten erwies sich dabei die Untersuchung des Sieben-Schläfer-Zömeteriums in Ephesos, das als das erste bislang bekannte Gemeindezömeterium Kleinasiens identifiziert werden konnte. Damit ergibt sich erstmals die Möglichkeit, die Entwicklung des frühchristlichen Begräbniswesens im Westen und Osten des römischen Reiches direkt zu vergleichen, wobei der Charakter der Anlagen, der Malereien und der Inschriften jeweils eigene Lösungen für den grundsätzlich gleichen Wunsch zeigt, auch der Masse der ärmeren Gemeindemitglieder einen adäquaten Grabplatz zu bieten mit ein wichtiger Grund für den großen Erfolg des Christentums.Im Domitilla-Projekt wurde ferner Pionierarbeit für die virtuelle Darstellung und Bearbeitung extrem großer Punktewolken (mit Laserscanner aufgenommenen 3D-Modellen) geleistet. Im Rahmen des FFG-Projektes 825842 - FIT-IT Visual Computing TERAPOINTS - High Quality Visualization and Interaction with Gigantic Point Data Sets wurde die eigene 3D-Software Scanopy entscheidend weiterentwickelt.
- Marina Döring-Williams, Technische Universität Wien , assoziierte:r Forschungspartner:in