Bewusstseinsforschung von gesunder Wachheit, über Schlaf bis hin zum Wachkoma
Consciousness research across healthy vigilance states and disorders of consciousness
Wissenschaftsdisziplinen
Klinische Medizin (20%); Medizinisch-theoretische Wissenschaften, Pharmazie (80%)
Keywords
-
Coma,
Minimally conscious sate,
Consciousness,
Sleep,
EEG,
Fmri
Ziel des Projekts ist das bessere Verständnis von kognitiven Prozessen in Abhängigkeit verschiedener gesunder (Wachheit vs. Schlaf) und pathologischer Bewusstseinszustände. Letztere werden durch verschiedene Gruppen von Patienten mit schweren Bewusstseinsstörungen (d.h. Vegetative State/Unresponsive Wakefulness Syndrome (VS/UWS) und Minimally Conscious State (MCS)) repräsentiert. Ein weiterer Fokus des Projekts liegt darin das Verständnis von zirkadianer Rhythmik und Schlaf bei der genannten Patientengruppe zu erweitern; denn Patienten mit schweren Bewusstseinsstörungen stellen ein gravierendes klinisches Problem hinsichtlich ihrer Beurteilung, Behandlung und Pflege dar. Fortschritte in der Komaforschung sollen die Verbesserung der Diagnose und Prognose dieser Patientenpopulation ermöglichen und als Basis für eine Anpassung und Optimierung therapeutischer Maßnahmen innerhalb des Rehabilitationsprozesses dienen. Darüber hinaus sollen die durch das Projekt gewonnen Daten einen wichtigen Beitrag zur anhaltenden Debatte um die neuronalen Grundlagen des Bewusstseins liefern. Die Untersuchung mentaler Funktionen bei Patienten mit schweren Gehirnschädigungen stellt eine einzigartige Möglichkeit für die wissenschaftliche Erforschung von Bewusstsein dar und schließt an die globalen Anstrengungen an, die neuronalen Korrelate von Bewusstsein zu identifizieren. Zudem würden neue Erkenntnisse bedeutende ethische und soziale Konsequenzen in sich bergen. Im klinischen Alltag ist die Erfassung residualer Fähigkeiten bei Patienten mit schweren Bewusstseinsstörungen, mit unter aufgrund der starken motorischen Einschränkungen der Patienten, enorm schwierig und von einer hohen Rate an Fehldiagnosen begleitet. Die vorgeschlagenen Methoden (Elektroenzephalographie [EEG] und Polysomnographie [PSG]) sollen zusätzliche Informationen liefern um die Diagnose und Prognose dieser Patientengruppe zu verbessern. Zum einen untersucht das Projekt die Verarbeitung auditiver Stimuli in verschiedenen Bewusstseinsstadien (Wach vs. Schlaf) gesunder Probanden, sowie die residuelle auditive Verarbeitung bei Patienten mit schweren Bewusstseinsstörungen. Darüber hinaus liegen die zirkadiane Rhythmik und die Relevanz von Umgebungsvariablen (z. B. Licht, Anwesenheit von Personal, Interaktion von Patienten und Angehörigen) im Fokus der Untersuchung. In diesem Zusammenhang sollen auch die möglichen positiven Auswirkungen der Stimulierung mit besonders hellem Licht auf Wachheit und kognitive Verarbeitung untersucht werden. Ein besonderes Augenmerk der Studie liegt außerdem auf Ruhe Netzwerken (engl. resting state networks) und Schlaf und dessen Bedeutung für Diagnose, Prognose bzw. residuale Gehirnplastizität im Wachkoma. Zusammenfassendbleibt zuhoffen, dass die zunehmendeAnwendungvon neurophysiologischen Methoden der vorgestellten Art validere Diagnosen und eine bessere Einschätzung der Prognose von VS/UWS und MCS Patienten erlauben. Letzten Endes ist zu erwarten dass die gewonnen Erkenntnisse zu einem besseren Verständnis des menschlichen Bewusstseins beitragen.
In unserem Y777 START- Projekt "Bewusstseinsforschung von gesunder Wachheit, über Schlaf bis hin zum Wachkoma", wollten wir die Informationsverarbeitung in verschiedenen Bewusstseinszuständen näher untersuchen. Genauer gesagt wollten wir uns auf natürliche Variationen des Bewusstseins (von Wachsein bis Schlaf), sowie auf pathologische Variationen wie bei "Bewusstseinsstörungen" (DOC; in diesem Fall postkomatöse Zustände wie der "Zustand der unresponsiven Wachheit" (UWS) und des "minimal bewussten Zustands" (MCS)) konzentrieren. Für unser erstes Forschungsziel präsentierten wir akustische Reize während des Wachzustandes, des Leicht-, Tief- und REM-Schlafes sowie in verschiedenen DOC-Zuständen. Konkret wurde dabei der bedeutsame eigene "Rufname" und/oder andere emotionale Reize verwendet, die jeweils in einer vertrauten Stimme gesprochen wurden (z. B. von einem nahen Verwandten oder Partner (fSON)), oder in neutraler bzw. ärgerlichen Stimmlage (eSON). Wir haben dazu 8 Arbeiten veröffentlicht. Unsere wichtigsten Ergebnisse waren, dass das Gehirn auch bei völliger Bewusstlosigkeit noch in außerordentlichem Maße solche Informationen verarbeitet. Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass emotionale Sprachmelodie und Selbstrelevanz mehr Aufmerksamkeitsressourcen in Anspruch nehmen und, dass unbekannte Stimmen, die in der Nacht vorkommen, bevorzugt verarbeitet werden. Derartige Reize lösen auch kleine nächtliche Erregungen (sog. "Microarousals") aus, was als evolutionär sinnvolle Reaktion auf potenziell gefährliche Reize in der Umgebung interpretiert werden kann. Selbstrelevante vertraute Reize sowie ärgerliche Stimmlagen schienen auch von ansonsten nicht kommunikativen (postkomatösen) Patienten mit Bewusstseinsstörungen stärker verarbeitet zu werden, was auf die verbleibenden kognitiven Fähigkeiten dieser Patienten hinweist. Zudem zeigt es die Notwendigkeit vermehrt komplexe und bedeutungsvolle (nicht simple) Reize in der Arbeit mit solchen schwer hirngeschädigten Patienten zu verwenden. Ein weiteres Forschungsziel war es ein besseres Verständnis der zirkadianen Rhythmik bei DOC Patienten zu erlangen und zu eruieren, ob helle Tageslichtstimulation helfen kann, solche Rhythmen wieder herzustellen. Dazu konnten 9 Arbeiten im Laufe des Projekts veröffentlicht werden. Interessanterweise fanden wir hier, dass mit Aktigraphie am Handgelenk (bei sorgfältiger Korrektur der Pflegetätigkeiten) und noch besser mit Melatoninbestimmungen aus dem Urin und/oder kontinuierlicher Temperaturmessungen auf der Haut die zirkadianen Rhythmen bei diesen Patienten zuverlässig bewertet werden können. Besonders aufregend war die Feststellung, dass sich die Temperaturrhythmen der Patienten einem natürlichen 24-Stunden-Zyklus annäherten, wenn die Patienten eine Woche lang mit "dynamischem Tageslicht" (DDL) stimuliert wurden, das dem eines natürlichen Sonnenlichts ähnelte. Außerdem waren die Rhythmen der Patienten unter der DDL-Bedingung ausgeprägter und stabiler, und die Patienten waren tendenziell besser erregbar/ansprechbar. Schließlich interessierten wir uns für die "spontane Hirnaktivität" und die Frage, ob künstliche Intelligenz (KI) zur schwierigen Klassifizierung der Schlafmuster bei DOC-Patienten und Neugeborenen eingesetzt werden kann. Interessanterweise ist dies möglich und wir verfügen somit nun über KI-Techniken, die auf künftige Datensätze dieser Art angewendet werden können.
- FH Salzburg - 5%
- Albert Schweitzer Klinik Graz - 5%
- Medizinische Universität Graz - 10%
- Universität Salzburg - 75%
- Wiener Krankenanstaltenverbund - 5%
- Gerald Pichler, Albert Schweitzer Klinik Graz , assoziierte:r Forschungspartner:in
- Stefan Wegenkittl, FH Salzburg , assoziierte:r Forschungspartner:in
- Christian Enzinger, Medizinische Universität Graz , assoziierte:r Forschungspartner:in
- Johann Donis, Wiener Krankenanstaltenverbund , assoziierte:r Forschungspartner:in
- Caroline Schnakers, University of Liège - Belgien
- Philippe Peigneux, Université Libre de Bruxelles - Belgien
- Rüdiger Ilg, Technische Universität München - Deutschland
- Cornelia Herbert, Universität Ulm - Deutschland
- Jacobo Sitt, Paris Brain Institute (ICM) - Frankreich
- Christian Cajochen, Psychiatric University Clinic Basel - Schweiz
Research Output
- 970 Zitationen
- 36 Publikationen
- 1 Wissenschaftliche Auszeichnungen
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2015
Titel Heartbeat-related EEG amplitude and phase modulations from wakefulness to deep sleep: Interactions with sleep spindles and slow oscillations DOI 10.1111/psyp.12508 Typ Journal Article Autor Lechinger J Journal Psychophysiology Seiten 1441-1450 -
2015
Titel Across the consciousness continuum—from unresponsive wakefulness to sleep DOI 10.3389/fnhum.2015.00105 Typ Journal Article Autor Blume C Journal Frontiers in Human Neuroscience Seiten 105 Link Publikation -
2015
Titel EEG entropy measures indicate decrease of cortical information processing in Disorders of Consciousness DOI 10.1016/j.clinph.2015.07.039 Typ Journal Article Autor Thul A Journal Clinical Neurophysiology Seiten 1419-1427 -
2017
Titel Night and day variations of sleep in patients with disorders of consciousness DOI 10.1038/s41598-017-00323-4 Typ Journal Article Autor Wislowska M Journal Scientific Reports Seiten 266 Link Publikation -
2017
Titel Reply: On assessing neurofeedback effects: should double-blind replace neurophysiological mechanisms? DOI 10.1093/brain/awx212 Typ Journal Article Autor Schabus M Journal Brain Link Publikation -
2017
Titel On assessing neurofeedback effects: should double-blind replace neurophysiological mechanisms? DOI 10.1093/brain/awx211 Typ Journal Article Autor Fovet T Journal Brain Link Publikation -
2017
Titel What Can We Learn About Brain Functions from Sleep EEG? Insights from Sleep of DOC Patients DOI 10.1007/978-3-319-55964-3_9 Typ Book Chapter Autor Wislowska M Verlag Springer Nature Seiten 155-168 -
2020
Titel Sleep, Little Baby: The Calming Effects of Prenatal Speech Exposure on Newborns’ Sleep and Heartrate DOI 10.3390/brainsci10080511 Typ Journal Article Autor Lang A Journal Brain Sciences Seiten 511 Link Publikation -
2020
Titel Actigraphy in brain-injured patients – A valid measurement for assessing circadian rhythms? DOI 10.1186/s12916-020-01569-y Typ Journal Article Autor Angerer M Journal BMC Medicine Seiten 106 Link Publikation -
2019
Titel Coupling and Decoupling between Brain and Body Oscillations DOI 10.1016/j.neulet.2019.134401 Typ Journal Article Autor Rassi E Journal Neuroscience Letters Seiten 134401 Link Publikation -
2019
Titel Procedural memory consolidation is associated with heart rate variability and sleep spindles DOI 10.1111/jsr.12910 Typ Journal Article Autor Van Schalkwijk F Journal Journal of Sleep Research Link Publikation -
2019
Titel On the development of sleep states in the first weeks of life DOI 10.1371/journal.pone.0224521 Typ Journal Article Autor Wielek T Journal PLOS ONE Link Publikation -
2022
Titel From dawn to dusk—mimicking natural daylight exposure improves circadian rhythm entrainment in patients with severe brain injury DOI 10.1093/sleep/zsac065 Typ Journal Article Autor Angerer M Journal SLEEP Link Publikation -
2022
Titel Does the Heart Fall Asleep?—Diurnal Variations in Heart Rate Variability in Patients with Disorders of Consciousness DOI 10.3390/brainsci12030375 Typ Journal Article Autor Angerer M Journal Brain Sciences Seiten 375 Link Publikation -
2022
Titel The Brain Selectively Tunes to Unfamiliar Voices during Sleep DOI 10.1523/jneurosci.2524-20.2021 Typ Journal Article Autor Ameen M Journal The Journal of Neuroscience Seiten 1791-1803 Link Publikation -
2017
Titel Significance of circadian rhythms in severely brain-injured patients DOI 10.1212/wnl.0000000000003942 Typ Journal Article Autor Blume C Journal Neurology Seiten 1933-1941 Link Publikation -
2022
Titel Sleep-Specific Processing of Auditory Stimuli Is Reflected by Alpha and Sigma Oscillations DOI 10.1523/jneurosci.1889-21.2022 Typ Journal Article Autor Wislowska M Journal The Journal of Neuroscience Seiten 4711-4724 Link Publikation -
2020
Titel Memory Traces Formed in Utero—Newborns’ Autonomic and Neuronal Responses to Prenatal Stimuli and the Maternal Voice DOI 10.3390/brainsci10110837 Typ Journal Article Autor Lang A Journal Brain Sciences Seiten 837 Link Publikation -
2022
Titel Imagetic and affective measures of memory reverberation diverge at sleep onset in association with theta rhythm DOI 10.1016/j.neuroimage.2022.119690 Typ Journal Article Autor Mota N Journal NeuroImage Seiten 119690 Link Publikation -
2018
Titel Approaches to sleep in severely brain damaged patients – Further comments and replies to Kotchoubey & Pavlov DOI 10.1016/j.clinph.2018.08.029 Typ Journal Article Autor Wislowska M Journal Clinical Neurophysiology Seiten 2680-2681 -
2023
Titel A low-threshold sleep intervention for improving sleep quality and well-being. DOI 10.3389/fpsyt.2023.1117645 Typ Journal Article Autor Eigl Es Journal Frontiers in psychiatry Seiten 1117645 -
2022
Titel Self-reported changes in sleep patterns and behavior in children and adolescents during COVID-19 DOI 10.1038/s41598-022-24509-7 Typ Journal Article Autor Bothe K Journal Scientific Reports Seiten 20412 Link Publikation -
2021
Titel Decoding Brain Responses to Names and Voices across Different Vigilance States DOI 10.3390/s21103393 Typ Journal Article Autor Wielek T Journal Sensors Seiten 3393 Link Publikation -
2018
Titel Noisy but not placebo: defining metrics for effects of neurofeedback DOI 10.1093/brain/awy060 Typ Journal Article Autor Witte M Journal Brain -
2018
Titel Reply: Noisy but not placebo: defining metrics for effects of neurofeedback DOI 10.1093/brain/awy061 Typ Journal Article Autor Schabus M Journal Brain Link Publikation -
2018
Titel Standing sentinel during human sleep: Continued evaluation of environmental stimuli in the absence of consciousness DOI 10.1016/j.neuroimage.2018.05.056 Typ Journal Article Autor Blume C Journal NeuroImage Seiten 638-648 Link Publikation -
2018
Titel Sleep and circadian rhythms in severely brain-injured patients – A comment DOI 10.1016/j.clinph.2018.03.048 Typ Journal Article Autor Schabus M Journal Clinical Neurophysiology Seiten 1780-1784 Link Publikation -
2018
Titel Sleep in patients with disorders of consciousness characterized by means of machine learning DOI 10.1371/journal.pone.0190458 Typ Journal Article Autor Wielek T Journal PLOS ONE Link Publikation -
2021
Titel The brain selectively tunes to unfamiliar voices during sleep DOI 10.1101/2021.08.26.457494 Typ Preprint Autor Ameen M Seiten 2021.08.26.457494 Link Publikation -
2016
Titel Preferential processing of emotionally and self-relevant stimuli persists in unconscious N2 sleep DOI 10.1016/j.bandl.2016.02.004 Typ Journal Article Autor Blume C Journal Brain and Language Seiten 72-82 Link Publikation -
2016
Titel ‘nparACT’ package for R: A free software tool for the non-parametric analysis of actigraphy data DOI 10.1016/j.mex.2016.05.006 Typ Journal Article Autor Blume C Journal MethodsX Seiten 430-435 Link Publikation -
2016
Titel The Voice of Anger: Oscillatory EEG Responses to Emotional Prosody DOI 10.1371/journal.pone.0159429 Typ Journal Article Autor Del Giudice R Journal PLOS ONE Link Publikation -
2016
Titel Event-related EEG power modulations and phase connectivity indicate the focus of attention in an auditory own name paradigm DOI 10.1007/s00415-016-8150-z Typ Journal Article Autor Lechinger J Journal Journal of Neurology Seiten 1530-1543 Link Publikation -
2016
Titel Can self-relevant stimuli help assessing patients with disorders of consciousness? DOI 10.1016/j.concog.2016.06.013 Typ Journal Article Autor Del Giudice R Journal Consciousness and Cognition Seiten 51-60 Link Publikation -
2015
Titel EEG oscillations reflect the complexity of social interactions in a non-verbal social cognition task using animated triangles DOI 10.1016/j.neuropsychologia.2015.06.009 Typ Journal Article Autor Blume C Journal Neuropsychologia Seiten 330-340 Link Publikation -
2019
Titel Healthier rhythm, healthier brain? Integrity of circadian melatonin and temperature rhythms relates to the clinical state of brain-injured patients DOI 10.1111/ene.13935 Typ Journal Article Autor Blume C Journal European Journal of Neurology Seiten 1051-1059 Link Publikation
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2018
Titel Kurt-Zopf-Förderpreis 2018 Typ Research prize Bekanntheitsgrad National (any country)