Die unerlösten Erlösten
Die unerlösten Erlösten
Wissenschaftsdisziplinen
Sprach- und Literaturwissenschaften (100%)
Druckkostenbeitrag D 3272Die unerlösten ErlöstenRenate LUNZER09.10.2000 Die Studie untersucht anhand eines repräsentativen Corpus an Texten aus verschiedenen Feldern (Fiktion, Autobiographie, Essay, Journalismus, Translation), ergänzt durch unveröffentlichtes Archivmaterial und Gespräche mit Zeitzeugen, eine historisch eingeleitete italienisch-österreichische Dialektik. Es ist die Dialektik der "unerlösten Erlösten" ("irredenti redenti), die vom Ende der Habsburger Monarchie bis heute eine Konstante in den attitudes mentales von Autoren aus Triest/Venezia Giulia geblieben ist und als starkes Stimulans für Prozesse des Kulturtransfers gewirkt hat. Die Studie beobachtet diese transkulturellen Prozesse in einem weitgespannten Bogen vom Irredentisten und Poeten Biagio Marin bis zum "Austrogermanisten" und Mythenstürzer/Mythenschöpfer Claudio Magris. Zentrale Parameter des Untersuchungsgangs sind: die Dialektik von Irredentismus und zentraleuropäischem Ökumenismus: die "Erlösung" von Österreich und die Vereinigung mit Italien als Erfüllung und zugleich als Verrat des risorgimento (der Faschismus und die Folgen); die durch die historischen Katastrophen nach 1918 eingeleitete Objektivierung des von irredentistischen Verkrustungen getrübten Blicks auf das habsburgische Imperium der mediocritas die Dialektik von "Amalgam" und "Archipelagos": das Gelingen oder Scheitern von Versuchen des Aushandelns interkultureller Spannungen und inkommensurabler Differenzen im multinationalen Grenzraum, wo Identitäten immer schon durch die Herausforderung von Alienität und Alterität konstituiert sind das Reformmodell des "kulturellen Irredentismus": Intellektuelle aus der Venezia Giulia zwischen Mazzinianismus, Austro-Marxismus und Interventionismus; `faustriacantismo" und "italianiti": Triest - "eine tragische Zusammensetzung" (S. Slataper) das Infragestellen der hegemonialen italienischen Repräsentationskultur von den Rändern. her, durch eine "nicht verfestigte" Kultur des Zweifels: Triest als Avantgardeposten der Komplex der "Überitalianität" bei den giuliani sowie die (implizite) "Mythologie der Enttäuschung" über Italien und als Komplementareffekt die Revalorisierung der AustriaziVit; der Anspruch auf die verlorene Oikumene in einer massiven Evokation des kulturellen Gedächtnisses; der Mitteleuropa-Diskurs ab dem Ende der fünfziger Jahre und seine literarischen Produkte. Der habsburgische Mythos von Claudio Magris: ein Demolierungsversuch habsburgischer "Überbauphänomene" schlagt um in eine Österreich-Konjunktur ohnegleichen in Italien und außerhalb (die Impulse des Habsburgischen Mythos auf das österreichische Selbstverständnis). Zusammenfassung: Ein wesentlicher Teil der Interaktionsprozesse, die Österreich ins kulturelle Bewußtsein der Italiener rücken, lauft aber ein spezifisches Milieu von Mediatoren aus Triest/Venezia Giulia. Dieses Milieu ist genauso geprägt durch einen pluralistischen outillage mental wie durch die Polarität von Zugehörigkeit/Nichtzugehörigkeit, den Vorteil/Nachteil liminaler Identitäten und die Annäherung im Widerstand. Triest ist ein Modellfall für die Produktivität und die Tragik von Kulturkonfrontationen und Grenzüberschreitungen, für die Möglichkeit einer Kultur als "Übersetzung". Die Relevanz seiner Intellektuellen für die Vertiefung des bilateralen Wahrnehmungspotentials kann nicht hoch genug eingeschätzt werden.
- Universität Wien - 100%