Der shinto-buddhistische Synkretismus der frühen Neuzeit in Japan am Beispiel des Yoshida Shinto
Shinto-Buddhist Syncretism in Japan´s Early Modern Period - the Case of Yoshida Shinto
Wissenschaftsdisziplinen
Philosophie, Ethik, Religion (30%); Sprach- und Literaturwissenschaften (70%)
Keywords
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JAPAN,
RELIGION,
SYNKRETISMUS,
SHINTO,
YOSHIDA SHINTO
Forschungsprojekt P 13760Yoshida ShintoSepp LINHART28.06.1999 Das beantragte Forschungsprojekt soll einen Beitrag zu einer der Grundfragen der japanischen Shinto-Forschung leisten - zu der Frage nach dem Selbstverständnis von "Shinto" als Religion: Ab wann und in welcher Form verstanden sich shintoistische Priester als Vertreter eines eigenständigen, von anderen religiösen Glaubensrichtungen unabhängigen, geschlossenen religiösen Systems? Während der traditionellen Auffassung zufolge Shinto immer schon als religiöses System im obengenannten Sinne existiert hat, ist diese Überzeugung durch jüngere japanische Forschungen ins Wanken geraten. Indigene japanische Religionsformen wiesen demnach zunächst ein hohes Maß an regionater oder lokaler Verschiedenheit auf Erst das Beispiel des Buddhismus und das aktive Eingreifen buddhistischer Mönche in die Frage nach der Natur einheimischer Götter führte zu einem Prozeß der Vereinheitlichung und Kodifizierung einheimischer Glaubensvorstellungen, die dadurch aber zwangsläufig in ein vom Buddhismus dominiertes synkretistisches System eingebunden wurden. Ansätze einer eigenständigen shintoistischen Theologie entstanden zunächst erst in Reaktion auf diese Entwicklung im japanischen Mittelalter (12. - 16. Jh). In diesem Prozeß kommt dem Yoshida Shinto, der vom Schreinpriester Yoshida Kanctomo (143 5-1511 ) und seinen Nachkommen propagiert wurde, eine zentrale Bedeutung zu. Der Yoshida Shinto vertritt erstmals eine Lehre, die sich explizit vom Buddhismus abhebt. Der kami-Glaube wird zum "Weg" im Sinne einer moralisch-praktischen Handlungsgrundlage erklärt. Zugleich wird diese Lehre allerdings weit zurück in die Vergangenheit projiziert, sie wird sogar als die Grundlage aller anderen Lehren wie Buddhismus und Konfuzianismus angesehen. Auf diese Weise werden auch die unübersehbaren Übereinstimmungen mit diesen Lehren gerechtfertigt. Der Form nach gibt sich der Yoshida Shinto somit grundlegend und eigenständig, dem Inhalt nach ist er stark dem Buddhismus und dem chinesischen Denken verpflichtet. Unzweifelhaft hat er jedoch entscheidend dazu beigetragen, daß überhaupt ein Gegensatz zwischen Buddhismus und einheimischer Religion erkannt und diskutiert wurde. Die Bedeutung des Yoshida Shinto ist durch sein fast völliges Verschwinden heute nur noch schwer nachzuvollziehen. Schon gegen Ende der Edo-Zeit (1600-1868) sahen sich seine Vertreter gezwungen, ihre Lehren unter dem Eindruck zunchmender Kritik von neueren Shinto-Kreisen teilweise zu widerrufen. Im Zuge der Meiji- Restauration wurde der Yoshida Shinto schließlich sogar offiziell abgeschafft. Dennoch spricht vieles dafür, daß der Yoshida Shinto bis etwa Mitte der Edo-Zeit den Status einer Art Shinto-Orthodoxie hatte und äußerst einflußreich war. Wie er zu diesem Status gelangte und welche Einflüsse schließlich zu seiner Schwächung führten, diese Frage soll der zentrale Gegenstand dieses Projekts sein.
Der in diesem Projekt untersuchte Yoshida Shinto entstand in einer Zeit, die auf religiösem Gebiet fast ausschließlich von Buddhismus bestimmt war. Auch im Yoshida Shinto selbst ist der Einfluss des Buddhismus unverkennbar. Genauer gesagt, lässt er sich als Verschmelzung traditioneller Verehrungsformen von einheimischen Göttern (kami) mit Elementen des esoterischen Buddhismus, aber auch mit der chinesischen Kosmologie und der Yin-Yang Lehre charakterisieren. Das zentrale Thema des Projekts ist daher die Frage, wieso gerade diese im Grunde synkretistische Glaubenslehre zum Ausgangspunkt einer geistesgeschichtlichen Renaissance des Glaubens an die einheimischen Götter wurde. Als Ergebnis lässt sich festhalten, dass die historisch gesehen wichtigste Innovation des Yoshida Shinto darin lag, unter dem Schlagwort shinto ("Weg der Götter") ein eigenständiges, vor allem vom Buddhismus deutlich abgegrenztes religiöses System zu postulieren. Es kann dabei nicht oft genug betont werden, dass ein solcher "Shinto" (im landläufigen Sinne - also eine unabhängige einheimische Religion) im religionsgeschichtlichen Bewusstsein der damaligen Zeit nicht existierte und erst neu geschaffen werden musste. Das Ergebnis - der Yoshida Shinto - ist zwar aus heutiger Sicht stark an anderen Religionen orientiert, trat zu seiner Zeit aber als einzige religiöse Alternative zum Buddhismus auf und setzte eine Entwicklung in Gang, die durch eine zunehmende Abstoßung "fremder" (oft ausdrücklich auch fremdländischer) Elemente aus dem wieder entdeckten einheimischen Weg geprägt war. Diese Entwicklung führte bald weit über die Ziele des Yoshida Shinto hinaus. Schlussendlich wurde auch der Yoshida Shinto selbst Gegenstand der von ihm initiierten xenophoben Religionskritik. Die gegenwärtigen Untersuchungen konzentrieren sich auf die Einschätzung der religionsgeschichtlichen Bedeutung des Yoshida Shinto in der Edo-Zeit (1600-1868). Trotz der erwähnten Kritik innerhalb intellektueller Kreise gelang es der Priesterfamilie Yoshida, die stets das Oberhaupt dieser Richtung des Shinto stellte, sich in dieser Zeit als oberste Autorität in den Angelegenheiten des Shinto zu etablieren, und damit auch auf dem Gebiet der Verwaltung von Shinto Schreinen eine Monopolstellung durchzusetzen. Welche konkreten Kompetenzen damit verbunden waren, wie die Yoshida dadurch die Entwicklung der Idee des Shinto insgesamt beeinflussten, und welche Umstände schließlich zum Niedergang des Yoshida Shinto führten, sind Fragen, die im weiteren Verlauf des Projekts noch eingehend behandelt werden sollen.
- Universität Wien - 100%
- Klaus Antoni, assoziierte:r Forschungspartner:in
- Marcus Teeuwen, University of Oslo - Norwegen