Untersuchung einer römischen Straßensiedlung an der VCA
Analysis of a Roman roadside settlement along the VCA
Wissenschaftsdisziplinen
Biologie (5%); Geowissenschaften (10%); Geschichte, Archäologie (60%); Wirtschaftswissenschaften (25%)
Keywords
- Roman roadside settlement,
- Coaching Inn,
- Via Claudia Augusta,
- Strad
Im Jahr 2007 führte das Institut für Archäologien, Fachbereich Klassische und Provinzialrömische Archäologie der Universität Innsbruck eine Sondiergrabung in einer bisher unbekannten römischen Siedlung in Strad (Gem. Tarrenz, VB Imst) im Tiroler Gurgltal durch. Die Entdeckung gelang durch umfangreiche Prospektionen, die im Rahmen eines Projektes zur Erforschung der römischen Staatsstraße Via Claudia Augusta erfolgten. Diese wichtige römische Alpentransversale verband die Provinz Raetia mit der Hauptstadt Augsburg/Augusta Vindelicum und die an der Donau stationierten Truppen mit dem italischen Mutterland. Für die Siedlung in Strad kann auf Grund der Lage unmittelbar an der Via Claudia eine starke Verbindung zur Straße angenommen werden. Eine Interpretation als staatlich organisierte Straßenstation des cursus publicus ist aus topographischen und ökonomischen Überlegungen ebenso ausgeschlossen wie die Erklärung als villa rustica, ländlicher vicus oder Bergbausiedlung. Derzeit erscheint eine Deutung als privat betriebenes Wirtshaus, das für die Versorgung der Reisenden diente, nahe liegend. Aus zweierlei Hinsicht stellt sich dieser Siedlungsplatz als besonders untersuchenswert dar, da einerseits dessen Funktion eindeutig dem Verkehrswesen zuzurechnen ist und andererseits mit der Untersuchung einer privat geführten Raststation Neuland in der Forschung betreten wird. Zudem befinden sich - abgesehen von der Fundstelle in Biberwier - die nächstgelegenen umfangreicheren römerzeitlichen Siedlungsgrabungen in Entfernungen von 50 bis 100 km Luftlinie, was der Fundstelle Strad für die regionale Entwicklung in der römischen Kaiserzeit eine zusätzliche Bedeutung verleiht. Entscheidend für die Verifizierung der vorgeschlagenen Interpretation werden die Untersuchung der Ausdehnung und Baustruktur der Siedlung und die Auswertung des archäologischen Fundmaterials sein, wobei sich im Keramikspektrum ein ungewöhnliches Übergewicht an Tafelgeschirr, insbesondere Terra Sigillata abzeichnet. Weitere Hinweise zum sozioökonomischen Hintergrund werden von archäozoologischen und paläobotanischen Analysen, besonders hinsichtlich der Produzenten-Konsumenten-Relation, erwartet. Mit der Erforschung dieser neu entdeckten Fundstelle bietet sich die Möglichkeit im Transitland Tirol auch für die römische Zeit ein Blitzlicht auf die Straßeninfrastruktur zu werfen und neue Impulse zur Erforschung dieses archäologisch bisher unbekannten Wirtschaftszweiges im inneralpinen Raum zu geben.
In den Jahren 20072008 und 20102011 wurden im Tiroler Gurgltal im Gemeindegebiet von Tarrenz, Ortsteil Strad die Überreste einer römischen Siedlung an der Via Claudia Augusta archäologisch untersucht, die vielfältige neue Erkenntnisse zur Infrastruktur an der römischen Straße lieferte. Mit den Baubefunden im Gurgltal, die sich an beiden Seiten der antiken Straße erstrecken, liegt eine kleine Straßensiedlung vor, in der hauptsächlich Strukturen römischer Pfosten- bzw. Schwellbalkenbauten sowie einige Ofen- und Herdbefunde dokumentiert wurden. Das römerzeitliche Fundmaterial umfasst zahlreiche Fragmente von Bechern und Tellern, die aus vielen Teilen des römischen Reiches (so beispielweise Germanien, Zentralgallien, Oberitalien und der Schweiz) in vergleichsweise großen Mengen importiert wurden. Die Lage der Strukturen direkt an der römischen Straße, der Ofen und der Herd sowie das Übergewicht an Ess- und Trinkgeschirr lassen eine Interpretation der Fundstelle als Gasthaus, das wohl privat betrieben wurde, zu. Auch die Ergebnisse der Untersuchungen der Pflanzen- und Knochenreste können dies bestätigen. Der zeitliche Rahmen des Betriebes ist durch die Keramik und durch die Münzen zwischen circa 150 bis circa 235 n. Chr. zu erschließen. Diese Art einer gastwirtschaftlichen Einrichtung ist im gesamten römischen Reich kaum bekannt, weswegen die Forschungen in Strad von großer wissenschaftlicher Relevanz waren.Von besonderem Interesse sind die Strukturen einer mindestens zweiphasigen Holzbebauung auf der nördlichen Straßenseite, da hier circa 80 Münzfunde der Jahre zwischen dem Ende des 3. bis in die erste Hälfte des 4. Jahrhunderts n. Chr. die Gebäudereste datieren. Mit diesem Ergebnis lässt sich nicht nur die räumliche Trennung der römischen Befunde allein durch die Straße nachweisen, sondern auch eine zeitliche Abfolge belegen: Während in der mittleren Kaiserzeit an dieser Stelle der Gastbetrieb bestand, erstreckten sich in der Spätantike an der gegenüberliegenden Straßenseite Bauten, deren Funktion sich archäologisch nicht erschließen lässt. Im Rahmen des Projektes wurden zahlreiche Metallfunde, die durch Prospektionen entlang der Via Claudia im Nordtiroler Abschnitt ans Tageslicht gebracht wurden, dokumentiert, durch die nun zwei neue römische Siedlungsstellen (in Dormitz und in Ehenbichl) entdeckt wurden, die viel Potenzial für weitere Forschungsvorhaben bieten. Zusätzlich wurde auch eine Abzweigung der Hauptstraße, die ins Bayerische Alpenvorland führt und an der auch in vorrömischer Zeit reger Verkehr nachgewiesen werden kann, erschlossen.
- Universität Innsbruck - 100%