Softwaresysteme von Unternehmen werden zunehmend in die Cloud ausgelagert. Um diesen aufwendigen Prozess zu erleichtern, helfen die „lebendigen Modelle“ von Txture, einer Unternehmensausgründung der Universität Innsbruck. Die Informatikerin Ruth Breu begann früh, im Rahmen von FWF-Projekten digitale Landkarten für IT-Systeme zu entwickeln. Auf Basis dieses Know-hows wurde sie Mitgründerin des Spin-offs, das schließlich von IBM übernommen wurde. Der Zusammenschluss kommt auch dem IT-Standort Innsbruck zugute: Txtures global vernetztes Expert:innenteam mit seiner Nähe zur Universität Innsbruck soll ausgebaut werden.

Als Ende der 2000er-Jahre Google Maps zu einer weitverbreiteten Anwendung wurde, hatte die Informatikerin Ruth Breu eine Idee: Die flexiblen Onlinekarten bieten neue Planungsmöglichkeiten, eine enorme Informationsdichte und Übersicht in Bezug auf Verkehrsinfrastruktur und Mobilität. Wäre es nicht großartig, wenn sich eine ultimative Übersicht dieser Art auch über die IT-Systeme eines Unternehmens gewinnen ließe?

Betriebliche Softwareinfrastrukturen sind oft über lange Zeit gewachsen. Dabei arbeiten vielleicht Open-Source-Anwendungen neben teurer unternehmensspezifischer Spezialsoftware, selbstprogrammierte Schnittstellen neben universellen Officeprodukten. „Mein damaliger Gedanke war, ein Managementsystem zu schaffen, in dem alle Informationen für eine sichere, effiziente und nachhaltige Planung ganzer IT-Landschaften zusammenfließen“, schildert die Wissenschaftlerin.

Heute ist Breu Dekanin der Fakultät für Mathematik, Informatik und Physik an der Universität Innsbruck sowie wissenschaftliche Leiterin des Digital Innovation Hub West – einer Organisation, die sich dem Wissenstransfer zwischen universitärer Grundlagenforschung und Produktentwicklung in Unternehmen widmet. Diesen Weg hat die Informatikerin auch mit ihrem eigenen Forschungsansatz zurückgelegt.

Projekte, die vom Wissenschaftsfonds FWF gefördert wurden, legten das Fundament, auf dem Breu und ihre Mitgründer Matthias Farwick und Thomas Trojer 2017 das Unternehmensprojekt Txture aufbauen konnten. Das Universitäts-Spin-off verwandelte die Ergebnisse der Grundlagenforschung in ein Produkt: Die firmeneigene Softwareplattform unterstützt vor allem große Unternehmen bei der Migration ihrer IT-Umgebungen in die Cloud. Acht Jahre nach der Gründung erfolgte 2025 schließlich der erfolgreiche Exit – eine Übernahme durch den IT-Riesen IBM, die auch weitere Investitionen am Standort Innsbruck nach sich zieht.

Stärkung des IT-Standorts Innsbruck

Txture war seit der Gründung auf über 20 Mitarbeitende angewachsen. „IBM hat ein komplettes Commitment gegeben, den Standort in Innsbruck zu halten und sogar auszubauen“, sagt Farwick zur österreichischen Tech-Plattform Trending Topics. In Tirol entsteht dadurch ein Forschungsstandort innerhalb des globalen IBM-Netzwerks, mit dem neue Arbeits- und Entwicklungsmöglichkeiten im Bereich Cloud-Transformation und Künstliche Intelligenz einhergehen.

In aller Kürze

Im Rahmen eines vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Projekts entwickelte die Informatikerin Ruth Breu von der Universität Innsbruck gemeinsam mit ihrem Team ein System, das extrem komplexe Strukturen übersichtlich und dynamisch mittels sogenannter Graphen darstellen kann. Dabei werden nicht nur die unzähligen Interdependenzen zwischen tausenden Knotenpunkten abgebildet. Das System kann sich als „lebendiges Modell“ auf Basis automatischen Inputs auch laufend selbst aktualisieren. Im Universitäts-Spin-off Txture wurde die Technologie, die hier auf IT-Landschaften angewandt wird, zu einem Kernelement. Die Txture-Plattform hilft bei der effizienten und nachhaltigen Planung von betrieblichen IT-Systemen und hier vor allem bei Migrationsprozessen in Cloud-Umgebungen. Mit der Übernahme durch IBM wird die Technologie zu einem zentralen Werkzeug in der Consulting-Sparte des Konzerns.

Porträt Ruth Breu
Die Informatikerin Ruth Breu entwickelte mit ihrem Team eine innovative Technologie zur dynamischen Visualisierung komplexer IT-Strukturen, die über das Spin-off Txture heute von IBM eingesetzt wird. © Elias Walder/IFI
Abbildung einer IT-Landkarte
Die Technologie ermöglicht nachhaltigere und effizientere IT-Systeme. © Ruth Breu

„Mein damaliger Gedanke war, ein Managementsystem zu schaffen, in dem alle Informationen für eine sichere, effiziente und nachhaltige Planung ganzer IT-Landschaften zusammenfließen.“

Aus Sicht der Tiroler Wirtschaft ist das eine äußerst positive Nachricht: Bei der Standortagentur Tirol ist man etwa überzeugt, dass die Übernahme „Tirol noch stärker als attraktiven Standort für internationale IT- und Digitalisierungsunternehmen positioniert“. In die gleiche Kerbe schlägt Manfred Lechner, Vizerektor für Infrastruktur der Universität Innsbruck: „Durch die Übernahme von Txture durch IBM ist in Innsbruck nun ein IBM-Entwicklungsteam entstanden, das direkt mit den USA und Unternehmen weltweit vernetzt ist. Ich bin überzeugt, dass sich daraus viele neue Chancen für die Universität Innsbruck und den Standort insgesamt ergeben werden.“

Als Breu 15 Jahre davor mit ihrer Idee im Hinterkopf an die Entwicklung neuer Konzepte und IT-Systeme ging, war all das noch nicht absehbar. „Die ursprüngliche Vision war noch weit von einer praktischen Umsetzbarkeit entfernt“, sagt die Wissenschaftlerin, die bereits seit 2002 Professorin am Institut für Informatik der Universität Innsbruck ist und dort die Forschungsgruppe „Quality Engineering“ leitet. Doch in den nachfolgenden Projekten und Kooperationen mit Wirtschaftspartnern kam man einer Lösung immer näher.

Gute Qualität trotz knapper Deadline

Grundsätzlich widmet sich Breus Forschungsgruppe der Frage, wie man bei Softwareprojekten Arbeitsaufwand, Zeit- und Personalressourcen ausbalancieren kann, um die notwendige Qualität zu erreichen. „Die hohe Geschwindigkeit, in der sich die Informationstechnologien entwickeln, erfordert die Entwicklung neuer Qualitätssicherungsmethoden“, skizziert Breu. „Automation spielt hierbei eine zentrale Rolle. Beispielsweise beschäftigt sich die Gruppe damit, Chatbot-Anwendungen mithilfe von KI-basierten Systemen automatisiert zu testen.“

Qualitätssicherung endet aber nicht beim Testen einzelner Programme. Das aus Breus Idee resultierende System bringt Stabilität und Sicherheit auf die Ebene ganzer IT-Landschaften. Den Forschenden war klar, dass Bedarf dafür vorhanden ist. „In unserem Bereich findet man die wirklich interessanten Themen nur, wenn man die Praxis in all ihrer Komplexität sehr gut kennt“, sagt die Informatikerin. Breu ist es wichtig, dass ihre Mitarbeitenden die unternehmerische Praxis aus erster Hand kennenlernen. Sie holt auch Kooperationspartner aus der Wirtschaft mit an Bord, um gemeinsam an Themen zu arbeiten. Lange forschte man etwa gemeinsam mit Infineon an den Herausforderungen großer IT-Management-Prozesse.

Zur Person

Ruth Breu ist seit 2024 Dekanin der Fakultät für Mathematik, Informatik und Physik an der Universität Innsbruck. Gleichzeitig unterstützt sie als wissenschaftliche Leiterin des Digital Innovation Hub West den Wissenstransfer zwischen universitärer Grundlagenforschung und KMUs. Breu studierte Informatik an der Universität Passau, wo sie 1991 auch promovierte. Nach ihrer Habilitation an der Technischen Universität München übernahm sie 2002 eine Professur am Institut für Informatik der Universität Innsbruck, wo sie seitdem die Forschungsgruppe „Quality Engineering“ leitet. Von 2013 bis 2024 war sie zudem Institutsleiterin. Von 2011 bis 2020 bestimmte sie als Mitglied des Kuratoriums des Wissenschaftsfonds FWF die Ausrichtung der heimischen Grundlagenforschung mit. 2017 gründete Breu gemeinsam mit Matthias Farwick und Thomas Trojer das Universitäts-Spin-off Txture, das 2025 von IBM Consulting übernommen wurde.

„Die hohe Geschwindigkeit, in der sich die Informationstechnologien entwickeln, erfordert die Entwicklung neuer Qualitätssicherungsmethoden.“

Die Mitgründer von Txture Matthias Farwick und Thomas Trojer auf einem Balkon mit Pflanzen im Hintergrund
Vom FWF geförderte Grundlagenforschung legte das Fundament, auf dem Breu und ihre Mitgründer Matthias Farwick und Thomas Trojer (von links) 2017 das Unternehmensprojekt Txture aufbauen konnten. © IBM

Kerntechnologie entstand in FWF-Projekt

Im Zuge jahrelanger Entwicklungsarbeiten fügten sich die technologischen Bausteine für ein IT-Managementsystem neuer Art. Ab 2016 lief schließlich das FWF-Projekt „Situation-Aware IT Asset Management“, in dem die grundlegende Struktur zur Abbildung von komplexen Systemumgebungen geschaffen wurde, die die gegenseitige Abhängigkeit einzelner Komponenten in Form von sogenannten Graphen sichtbar macht – ein zentrales Element der IT-Landkarten.

„Die Visualisierungen können 10.000 Knotenpunkte und mehr umfassen, die untereinander verbunden sind, um ihre Beziehungen zu beschreiben“, veranschaulicht Breu. „Was passiert, wenn ein Server ausfällt? Welche Schnittstellen benötigt man, wenn ein neues Buchhaltungsprogramm angeschafft wird? All diese Dinge lassen sich aus den vernetzten Daten ablesen.“ Die Plattform hält sich als „lebendiges Modell“ nicht nur selbst aktuell, indem sie laufend Informationen abgreift. Sie ermöglicht auch die Durchführung von Simulationen zu potenziellen Umstrukturierungen in der Systemlandschaft.

2017 war für Breu schließlich das Schlüsseljahr: „Die Möglichkeit einer Ausgründung war von Anfang an im Hinterkopf dabei. Aber mir war klar, dass dafür alles zusammenpassen musste“, blickt Breu zurück. „Wir wussten nun, dass wir die Technologie tatsächlich entwickeln konnten und dass ein Markt dafür vorhanden ist. Gleichzeitig waren meine Postdoc-Forschenden motiviert, das persönliche Risiko auf sich zu nehmen und das Unternehmensprojekt voranzutreiben.“ Noch im selben Jahr gründete die Informatikerin gemeinsam mit Farwick und Trojer das Unternehmen. Bereits 2019 erhielt das Gründerteam den österreichischen Gründungspreis Phönix als Auszeichnung für die Innovationskraft des Projekts.

„Wir arbeiten nun daran, moderne Gebäude in einem digitalen Zwilling zu spiegeln.“

Effizientere und nachhaltigere IT-Systeme

Die Plattform von Txture half seitdem über 100 Kunden, ihre Systeme effizienter und nachhaltiger zu gestalten. „CO2- und Energieeinsparung durch ausgeklügeltes IT-Management war von Anfang an ein wichtiger Gedanke hinter unserer Entwicklung“, erläutert Breu. Haupteinsatzbereich sind IT-Modernisierungen in großen Unternehmen, die zumeist mit dem Aufbau einer eigenen Cloud-Infrastruktur Hand in Hand gehen.

„Im Zuge des Unternehmensaufbaus stellte sich aber auch die Frage, wie wir als Start-up mit einem Softwareprodukt, das sich vor allem an Konzerne richtet, strategisch vorgehen sollen“, erinnert sich Breu. „Wir wählten den Weg über die Beratungsfirmen – denn kein Großunternehmen transformiert seine IT-Landschaft ohne Consulter.“ Schon früh gab es auch Kooperationen mit IBM. „Sehr aufregend wurde es ab 2023. Auch andere IT-Riesen interessierten sich für das System – und die Gefahr bestand, dass sie eine eigene, ähnliche Lösung entwickeln könnten“, schildert die Informatikerin.

Letztlich gelang der Exit mit IBM. Breu selbst hat sich nach dem Wechsel ihrer beiden Postdocs zu Txture aber längst einem neuen Thema verschrieben, das das Prinzip der „lebendigen Modelle“ fortschreibt: „Ein bekanntes Schlagwort in der gegenwärtigen Informatik ist der digitale Zwilling, also ein virtuelles Abbild einer real existierenden Infrastruktur – etwa einer Produktionsanlage oder eines Energienetzes“, beschreibt die Wissenschaftlerin. „Wir arbeiten nun daran, moderne Gebäude in einem digitalen Zwilling zu spiegeln.“ Bauwerke können durch Größe, Haustechnik und Digitalisierung eine enorme Komplexität erreichen. Mittels der virtuellen Modelle werden sie auf neue Art zentral kontrollier- und steuerbar. Wäre hier auch ein neues Spin-off möglich? „Ausschließen kann ich es nicht“, sagt Breu. „Es müsste aber wieder alles zusammenpassen.“

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